Panorama

Richter Esders verurteilte Gladbecker Geiselnehmer "Autobahn-Zugriff war vertretbar"

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Dieter Degowski mit den Geiseln Silke Bischoff und Ines Voitle.

(Foto: Associated Press)

Eigentlich wollen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski "nur" eine Bank überfallen. Doch dann schreiben sie im Sommer 1988 Kriminalgeschichte. Rudolf Esders verurteilt die beiden zu lebenslanger Haft. 25 Jahre später erinnert sich der Richter im Interview mit n-tv.de an seine Begegnung mit den Gladbecker Geiselnehmern.

n-tv.de: 25 Jahre Gladbecker-Geiselnahme - was denken Sie, wenn Sie heute die Bilder von damals sehen?

Rudolf Esders: Das war ein ungeheuerliches Verbrechen, ein Verbrechen, das in aller Öffentlichkeit geschah und das nur zu Beginn etwas rational war, aber später völlig irrational wurde.

Inwiefern?

Ein normaler Bankraub hat ja noch gewisse Formen von Rationalität. Die Täter gingen ja maskiert in die Bank und hofften, unerkannt zu entkommen, bis sie dann identifiziert wurden. Als sie die Masken dann ablegten, war klar, dass sie eines Tages verhaftet werden. Von da an war alles irrational: Denn man kann nur Geiseln nehmen, wenn man hofft, nicht festgenommen zu werden. Oder wenigstens, wie das bei Terroristen manchmal sein kann, später freigepresst zu werden.

Sie waren damals der Vorsitzende Richter. Haben Sie sich gefreut über den Fall oder waren Sie erschrocken?

Weder noch. Aber angesichts der Aufmerksamkeit, die der Fall in der Öffentlichkeit erregt hatte, war mir bewusst, dass einiges auf mich zukam.

Wie sehr hat Sie der Prozess belastet?

Dazu gibt es eine Geschichte: Als der Prozess vorbei war, habe ich für meine Töchter, die waren damals so um die zehn Jahre alt, eine Pizza gebacken. Als die beiden fertig gegessen hatten, haben sie zu mir gesagt: "Jetzt, wo der Prozess zu Ende ist, können wir dir ja sagen, was du die ganze Zeit für ein Ekelpaket gewesen bist."

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In Bremen kaperten die Geiselnehmer einen Bus.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Was für einen Eindruck hatten Sie von den Gladbecker Geiselnehmern, von Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski?

Rösner war der Zugänglichere und Offenere im Prozess. Er gab die Dinge weitgehend freimütig zu und brüstete sich teilweise sogar mit mehr, als er überhaupt getan hatte. Degowski war viel introvertierter und bestritt Dinge, die nicht zu bestreiten waren.

Was für eine Rollenverteilung gab es zwischen den beiden bei der Geiselnahme?

Rösner führte die Dinge, weil er intellektuell überlegen war. Er war auch der relativ Vernünftigere der beiden. Als er an der Raststätte dicht dran war, aufzugeben, war es Degowski, der das Ultimatum stellte: Wenn unsere Gefährtin Marion Löblich nicht freigelassen wird, dann knallt es hier.

Die Medien haben sehr intensiv über die Geiselnahme berichtet. Teilen Sie die Kritik?

Natürlich gab es Szenen, die überhaupt nicht zu verkraften sind. Ich denke zum Beispiel an das Interview, das Degowski einem Kamerateam von Radio Bremen gegeben hat. Dabei hielt er der Geisel Silke Bischoff den Revolver an den Kopf. Der Reporter fragte sie: "Wie geht es Ihnen?" Sie sagte: "Gut." Degowski quittierte das mit: "Zu jung." Damit war gemeint: Sie begreift es nicht. Und dann gab es noch eine Szene in der Kölner Fußgängerzone. Ein Reporter war zu spät gekommen, um noch eines dieser Bilder aufzunehmen, das Degowski im Fond des Wagens zeigte, wie er Silke Bischoff mit der Pistole bedrohte. Da forderte der Reporter ihn auf, ihr doch nochmal die Waffe an den Kopf zu halten, damit auch er sein Foto machen konnte. Das ist dann auch geschehen. Man sah dann noch den Abdruck der Mündung an ihrem Hals. Aber trotzdem war die Rolle der Medien später, zumindest für mich als Richter, ambivalent.

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Aufsehen in der Kölner Fußgängerzone.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Warum?

Es war sehr hilfreich, dass wir bei der Aufklärung auf so umfangreiches Videomaterial zurückgreifen konnten. Ich erinnere mich an eine banale Szene in Bremen-Huckelriede. Rösner hatte eine Geisel aus dem Bus geholt und bedrohte sie. Er rief: "Wenn jetzt keiner kommt, knall' ich sie weg." Die Videoaufnahmen zeigten, dass es Rösners Lebensgefährtin Marion Löblich war, die die Geisel quasi aus dem Bus heruntergereicht hatte. Im Prozess hat sie das aber bestritten. Als wir ihr die Videosequenz vorgespielt haben, sagte sie: "Das war doch dunkel. Das kann doch nicht sein." Dann habe ich ihr erklärt, dass einige Kameras einen Restlichtaufheller haben.

Was war für Sie als Richter die Hauptschwierigkeit im Prozess?

Das war die Länge des Verfahrens (Anm.d.Red.: 19 Monate) sowie die Aufregung und die angespannte Atmosphäre im Gerichtssaal. Während des Prozesses schied ein Berufsrichter wegen Herzproblemen aus, so dass ich mit einem Ergänzungsrichter verhandeln musste. Wenn noch einer krank geworden wäre, hätten wir den Prozess wieder ganz von vorne beginnen müssen. Das war mein Alptraum. Deshalb war ich erleichtert, dass der Prozess zu Ende geführt werden konnte.

Es gab damals massive Kritik an der Polizeiarbeit: Was waren die größten Pannen?

Es war richtig, in Gladbeck nicht einzugreifen, als Rösner und Degowski aus der Bank herauskamen. Das wäre sehr schwierig und mit großer Lebensgefahr für die Geiseln verbunden gewesen. Man hatte Monate vorher in einem ähnlichen Fall die Leute mit den Geiseln ziehen lassen. Kurz darauf wurden sie freigelassen. Deshalb entschied man sich in Gladbeck gegen einen Zugriff. Man warf der Polizei später vor, dass sie die Geiselnahme auf der Autobahn beendet hat. Dabei ließ sich der Einsatz hier für Unbeteiligte sehr viel gefahrloser durchführen als in anderen Situationen vorher, als viele Personen um das Täterfahrzeug herumstanden. Das Risiko auf der Autobahn war vertretbar, aber es hat sich durch eine Panne leider verwirklicht.

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Nach 54 Stunden endete die Geiselnahme auf der Autobahn zwischen Köln und Frankfurt.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Was war passiert?

Das Spezialeinsatzkommando wollte das Auto der Geiselnehmer rammen. Weil Rösner plötzlich und unerwartet anfuhr, traf man den Wagen aber nicht an der Vordertür, sondern an der hinteren Tür.

Also hat die Polizei aus Ihrer Sicht sogar gute Arbeit geleistet?

Gut will ich nicht sagen, aber vertretbar war es allemal.

Ein besonders strittiger Punkt im Prozess war die Frage, aus wessen Pistole die Kugel stammte, mit der die Geisel Silke Bischoff während der Polizeiaktion getötet wurde.

Die Verteidigung sagte, es sei gar nicht Rösner gewesen, der die Geisel erschossen habe. Das sei vielleicht ein Polizeibeamter gewesen, der eine ähnliche Pistole geführt habe. Wir haben dann akribisch nachgewiesen, dass das Geschoss aus Rösners Pistole kam und dass die Schussentfernung maximal 15 Zentimeter betrug. Dadurch war es ausgeschlossen, dass ein Polizeibeamter den Schuss abgefeuert haben konnte.

Sie haben Rösner und Degowski 1991 zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Degowski hat inzwischen ein Ersuchen auf vorzeitige Haftentlassung gestellt. Für wie angemessen halten Sie das?

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Rudolf Esders, Jahrgang 1939, war früher Richter. Seit seiner Pensionierung im Jahr 2005 ist er als Anwalt tätig.

(Foto: http://ra-blm.de/)

Es ist sein gutes Recht. Mit Ablauf der Mindesthaftzeit ist genug gesühnt. Dann kommt es nur noch darauf an, eine zuverlässige Prognose zu stellen. Ist diese günstig, dann muss man es versuchen. Sonst kann man es nicht verantworten.

Ist es denkbar, dass es auch heute noch so eine Geiselnahme gibt, die sich zu einer dreitägigen Verfolgungsjagd durchs ganze Land ausweitet?

Ich glaube nicht. Eine solche Irrfahrt würde die Polizei nicht mehr zulassen. Man fährt ja auch leicht in Bereiche hinein, die auf eine solche Geiselnahme gar nicht so schnell vorbereitet sind. Vermutlich würde die Polizei heute versuchen, die Dinge direkt am Tatort zu lösen. Damit sind natürlich unter Umständen erheblichste Risiken verbunden. Wenn Sie den Täter erschießen, kann es immer sein, dass dabei eine Geisel ums Leben kommt.

Sie waren auch Richter im Prozess um den französischen Polizisten Daniel Nivel, der bei der Fußball-WM 1998 von deutschen Hooligans verprügelt wurde. Gab es angesichts der Macht der Bilder Parallelen zur Gladbecker Geiselnahme?

Ja, in beiden Fällen haben uns die Bilder gut geholfen. Bilder sind zwar nicht unbestechlich, das wissen wir auch, aber sie sind oft zuverlässiger als die Erinnerung eines Zeugen.

Mit Rudolf Esders sprach Christian Rothenberg

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Quelle: ntv.de

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