Zwei Jahre nach MesserattackeBetroffene des Solingen-Terrors leben bis heute mit dem Trauma

Mit einem Messer sticht der IS-Kämpfer Issa al H. am 23. August 2024 auf mehrere Menschen in Solingen ein. Drei sterben, viele werden ernsthaft verletzt. Zum zweiten Jahrestag berichten Betroffene, wie es ihnen heute geht.
Der Gedenkstein in Solingen ist ein Ort lebendiger Erinnerung: "Da ist immer mal wieder eine neue Lampe, eine neue Kerze, ein neuer Blumenstrauß", berichtet Ilka Werner, Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises. Zwei Jahre nach dem islamistischen Terroranschlag mit drei Toten und vielen Verletzten in Solingen ist diese Stelle vor der Stadtkirche am Sonntagabend der Ort, um an die Opfer zu erinnern - mit Worten, Kerzen und Musik, drei Glockenschlägen und einer Schweigeminute zur Tatzeit um 21.37 Uhr.
Hunderte Menschen kommen zum Gedenken. Ministerpräsident Hendrik Wüst nennt den islamistischen Anschlag einen Akt des Terrors, gerichtet gegen feiernde Menschen und begangen aus Hass. "Hass gegen unsere freiheitliche Lebensweise", betont er. Die Menschen in Solingen hätten dem Hass und der Gewalt Zusammenhalt und Solidarität entgegengesetzt. Daraus erwachse "Zuversicht für Solingen und für unser Land", sagt Wüst.
Oberbürgermeister Daniel Flemm dankt den Einsatzkräften und vielen weiteren Helfern, die ohne Zögern Verantwortung übernommen hätten. Der Zusammenhalt heile. Solingen solle keine Stadt der Trauer sein. Feste, Begegnungen und viele kleine Momente ließen die Stadt leuchten, erklärt der Oberbürgermeister.
Der Anschlag ereignete sich beim Fest zu 650 Jahren Stadtrecht am 23. August 2024. Während eines Konzertes auf dem Platz Fronhof in der Innenstadt drängt der Täter durch die Reihen und sticht mit einem Messer auf Zuschauer ein. Unter den Opfern ist eine Frau, die eben noch fröhlich tanzte. Wenig später stirbt sie in den Armen ihres schwer verletzten Mannes. Verletzte und weitere Augenzeugen haben so die dramatischen Ereignisse vor Gericht geschildert.
Neue Anschläge wecken Erinnerungen
"Für die meisten Leute in Solingen ist es nicht mehr alltägliches Thema", sagt Kirchenkreis-Superintendentin Werner. Es sei aber auch nicht weit weg. "Immer wenn woanders was passiert, kommt es schon wieder hoch." Nach dem Anschlag beim CSD in Berlin etwa. Es gebe Betroffene, die nach wie vor nicht gern über diesen Platz oder auf Feste gingen. Mit der Vorstellung, man hätte selbst eines der Zufallsopfer gewesen sein können, setzten sich viele Leute mit dem Fronhof und dem Geschehen in Beziehung.
Rechtsanwalt Simon Rampp, der neun Verletzte und Hinterbliebene vertritt, schildert: "Die Tat hat die Menschen verändert." Das gehe in alle Richtungen. Es gebe Mandanten, die wollten nicht mehr mit den Ereignissen konfrontiert werden, wollten ihr altes Leben zurück. Es gebe auch Mandanten, die hätten täglich mit den Folgen der Tat zu kämpfen. Sich umdrehen, wer hinter einem steht, oder nicht mehr so unbekümmert im Alltag sein, nennt er als Beispiele.
Viele Ersthelfer und Einsatzkräfte haben nach Einschätzung der Feuerwehr dazu beigetragen, vier lebensgefährlich Verletzten das Leben zu retten. Der Syrer Issa al H., ein abgelehnter Asylbewerber, stach von hinten gezielt jeweils auf den Hals von Konzertbesuchern ein. Während des Rettungseinsatzes war der Täter noch nicht gefasst. Er wurde rund 25 Stunden später festgenommen.
Dramatik in den Augen ablesbar
Feuerwehr-Chef Sebastian Wagner konnte die dramatische Situation bei seinem Eintreffen schon im Gesicht eines Kameraden ablesen, der mit einer Notärztin Opfer sichtete. "Dem habe ich dann in die Augen geguckt und dann wusste ich, was mir da entgegenkam, was da an Dramatik gewesen sein muss, was der Mensch da erlebt hat." Es ging etwa um Reanimation und starken Blutverlust.
Das sei auch ein unheimlich belastender Einsatz gewesen. Die Dienstgruppe habe in den Monaten vorher schon mehrere schlimme Feuerwehreinsätze erlebt. Einige Kolleginnen und Kollegen seien nach dem Anschlag in Behandlung gewesen. "Wir haben sehr umfangreich psychosoziale Unterstützung für Einsatzkräfte angeboten", verdeutlicht Wagner. Alle seien wieder im Dienst.
Halle, Hanau, Magdeburg und Solingen: Nach Anschlägen sind laut ersten Ergebnissen eines Forschungsprojektes für die Menschen in den betroffenen Städten Gesprächsräume wichtig. "Weil im Nachgang passiert es dann ganz oft, dass ein neuer Konflikt entsteht", sagt Mareike Wilke, die das Projekt zum Umgang mit expressiver Gewalt in der Zivilgesellschaft an der Konfliktakademie "ConflictA" der Uni Bielefeld leitet. Wo man gedenken könne, sei ein Punkt.
Oder Angehörige fühlten sich nicht gesehen, weil sie keine Kondolenzschreiben bekämen. In Gesprächsrunden wie der am Gedenktag in Solingen gehe es darum, gehört zu werden. Das sei generelles Anliegen solcher Angebote. Eine andere Erfahrung sei, dass sich nicht alle Bürger an Gedenkveranstaltungen beteiligen wollten. Sie wollten eher nach vorn schauen, erläutert Wilke.
Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilte den Attentäter vor knapp einem Jahr zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen drei seiner Kontaktpersonen im Messengerdienst Telegram, die im Ausland vermutet werden. Der Terroranschlag von Solingen war der Erste in Deutschland seit der Attacke auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016, zu dem sich der IS bekannte.