Panorama

Bundesweit zunehmende Todesfälle Corona-Intensivfälle in MV steigen stark

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Mecklenburg-Vorpommern hat aktuell Deutschlands höchste Corona-Inzidenz und zunehmend mehr Covid-19-Intensivfälle.

(Foto: imago images/BildFunkMV)

Statt in den Frühling hinein zu sinken, steigt die Corona-Inzidenz bundesweit wieder deutlich an, die Todeszahlen nehmen ebenfalls zu. Spitzenreiter bei den registrierten Neuinfektionen ist Mecklenburg-Vorpommern, wo sich auch die Lage auf den Intensivstationen erneut bedenklich zuspitzt.

Schon vor Beginn der russischen Invasion haben viele die Corona-Pandemie weitgehend abgehakt, jetzt beherrscht der Ukraine-Krieg die Schlagzeilen, Covid-19 scheint dagegen unwichtig zu sein. Doch Vorsicht ist geboten. Denn seit Anfang März sinken die bundesweiten Fallzahlen nicht mehr, sondern steigen erneut deutlich an, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern. Das macht sich dort bereits in den Intensivstationen bemerkbar, deren Belegung mit Corona-Patienten steil nach oben geht. Bedenklich ist auch, dass Deutschland erneut mehr Covid-19-Opfer zählt - seit Anfang Februar ist der 7-Tage-Schnitt von 146 auf 218 gestiegen.

Wie sich die 7-Tage-Inzidenzen genau entwickeln, weiß man immer weniger. Es wird seltener getestet und Ansteckungsketten nicht mehr nachverfolgt. Dass die Dunkelziffer sehr hoch sein muss, erkennt man an den teils extremen Test-Positivraten. Laut RKI ist sie zuletzt bundesweit von 44 auf 51 Prozent gesprungen, in Bremen liegt sie sogar nahe 70 Prozent.

Sehr hohe Dunkelziffern

In Mecklenburg-Vorpommern, wo die 7-Tage-Inzidenz derzeit mit fast 2000 registrierten Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner am höchsten ist, beträgt die Test-Positivrate knapp 50 Prozent. Entscheidender als die Inzidenz ist allerdings, was in den Krankenhäusern passiert, und da läuten bereits in fünf der acht Landkreise und kreisfreien Städte des Landes die Alarmglocken. Landesweit liegt die Hospitalisierungsinzidenz bei 16,7, berücksichtigt man die zu erwartenden Nachmeldungen, liegt der Wert adjustiert fast schon bei 30.

Auch das wäre grundsätzlich noch nicht besorgniserregend, da aktuell zahlreiche Fälle erst im Krankenhaus positiv getestet und nicht wegen Covid-19 eingeliefert werden. Allerdings belasten auch solche Patienten die Einrichtungen stark, da sie mit viel personellem und logistischem Aufwand isoliert untergebracht und versorgt werden müssen.

Je schwerer aber die Erkrankungen sind, weswegen ein Patient eingeliefert wurde, umso gefährlicher ist für ihn eine Corona-Ansteckung. Bei einem Herzinfarkt beispielsweise kann auch ein "milder Verlauf" lebensgefährlich sein. Umso bedenklicher ist, dass auch die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten in Mecklenburg-Vorpommern wieder deutlich nach oben geht. Am 20. Februar waren es noch 60 Fälle, heute bereits 91. Es könnten also schon bald die Höchststände von vergangenem Dezember mit über 100 Corona-Patienten erreicht werden. Und alleine vom 8. auf den 9. März zählte das Bundesland zwölf neue Covid-19-Tote.

Infektiösere Variante und Lockerungen

Der Greifswalder Bioinformatiker Lars Kaderali vermutet, dass für die steigenden Zahlen - nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern - der Subtyp BA.2 der Omikron-Variante verantwortlich ist. Sie sei noch infektiöser als die ursprüngliche Variante, sagte der zum Expertenrat der Bundesregierung gehörende Wissenschaftler dem "Nordkurier". Hinzu kämen die gelockerten Corona-Maßnahmen.

In Mecklenburg-Vorpommern habe es nie einen Rückgang der Fallzahlen wie in anderen Bundesländern nach der ersten Omikron-Welle gegeben, so Kaderali. "Das führt dazu, dass der erneute Anstieg auf den Peak der vorherigen Welle aufsetzt." Gefährlich sei dies vor allem für ältere Menschen, zitiert der NDR den Wissenschaftler. Insbesondere bei den Über-80-Jährigen sei die Sieben-Tage-Inzidenz im Vergleich zu anderen Altersgruppen seit Jahresbeginn deutlich gestiegen.

Vor allem steigende Fallzahlen bei Alten bedenklich

Bundesweit liegt die offizielle 7-Tage-Inzidenz der über 80-Jährigen bei 535 Fällen, in Mecklenburg-Vorpommern hat sie laut Lagebericht vom 9. März bereits fast 1000 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner erreicht. Bei den 60- bis 79-Jährigen liegt der Wert bei knapp 750.

Die steigenden Fallzahlen bei den Hochbetagten könnten der Grund für die Trendwende auf den Intensivstationen des Bundeslandes sein. Zwar sind dort in dieser Altersgruppe die meisten Menschen geimpft. Aber es gibt einen beträchtlichen Anteil mit unzureichendem oder gar keinem Schutz, was bei sehr hohen Inzidenzen quasi zwangsläufig zu mehr Intensivfällen und Toten führt.

Eine Omikron-Infektion hat zwar allgemein seltener schwere Verläufe zur Folge als die Vorgänger-Variante Delta. Doch vor allem in den Risikogruppen machen die Vakzine den entscheidenden Unterschied, wobei die dritte Impfung mit zunehmenden Alter immer wichtiger wird.

Zu wenig Geboosterte

Wie groß der Unterschied ist, zeigen Zahlen der Gesundheitsbehörde von Arizona. Demnach hatten in dem US-Bundesstaat im Januar Erwachsene nach zwei Impfungen ein 4,1-mal geringeres Risiko, ins Krankenhaus zu kommen als ungeschützte über 18-Jährige. Das Risiko zu sterben, war 7,2-mal niedriger. Geboosterte hatten 67-mal höhere Chancen, nicht schwer zu erkranken, und ihr Sterberisiko war sogar 180-mal geringer.

Dabei handelt es sich um Werte für alle Erwachsenen, bei sehr alten Menschen könnte der Unterschied noch deutlich höher sein. Umso kritischer muss man die Impfquoten in Mecklenburg-Vorpommern betrachten. Denn dort sind zwar 88,6 Prozent der über 60-Jährigen zweimal geimpft, aber nur 78 Prozent sind geboostert.

Auch bundesweit sind lediglich knapp 78 Prozent der über 80-jährigen Bevölkerung vollständig geimpft. In Sachsen sind sogar nur rund 69 Prozent dieser Altersgruppe geboostert, in Brandenburg 71 Prozent. Die beste Quote weist Schleswig-Holstein mit 88,5 Prozent auf, gefolgt von Bremen (86 Prozent) und Berlin (82,7 Prozent).

Steigende Intensivfälle auch in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt sind auch nur 76 Prozent der über 60-Jährigen geimpft. Mit rund 1700 Neuinfektionen hat es die zweithöchste Inzidenz der Bundesländer, und dort gibt es ebenfalls eine Trendwende bei den Corona-Intensivpatienten. Ihre Zahl ist seit dem 24. Februar von 46 auf heute 71 gestiegen.

Ob das auch in Thüringen der Fall ist, das ebenso hohe Fallzahlen wie Sachsen hat, kann man noch nicht sagen. Der Rückgang auf den Intensivstationen ist dort zwar ebenfalls gestoppt, seit dem 18. Februar hat die Zahl der Covid-19-Patienten in Intensivbehandlungen aber bisher nur von 41 auf 48 zugelegt.

Auffallend ist, dass es sich bei Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern um die drei Bundesländer mit den höchsten Altersdurchschnitten (48,1, 47,5 und 47,4 Jahre) handelt. Danach folgt Brandenburg (47,2). Auch dort sind die Corona-Intensivfälle von 55 am 4. März auf heute 60 leicht gestiegen. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass schwere Covid-19-Erkrankungen oft in Berliner Krankenhäusern behandelt werden.

Letztendlich ist die Situation insgesamt noch nicht bedrohlich, aber eine Kombination von hoher Inzidenz, schwachen Impfquoten und alter Bevölkerung birgt offenbar ein nicht zu unterschätzendes Risiko, das man angesichts des Ukraine-Krieges nicht aus den Augen verlieren darf.

Mit dem Schlimmsten rechnen, das Beste hoffen

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Nicht vergessen darf man auch, dass im Herbst beide Krisen verschärft aufeinander treffen könnten. Dazu gehört möglicherweise eine empfindliche Energieverknappung, die unter anderem Heizen und damit auch häufiges Lüften - unter anderem in Schulen - verteuert. Eine Rezession könnte Ungleichheiten weiter verstärken, die bereits in der Pandemie sozial Schwache besonders leiden ließen. Corona, Kriegsfolgen, Aufrüstung und eine beschleunigte Energiewende kosten Unmengen von Geld, das für eventuell nötige Ausgleichszahlungen und Hilfen fehlen wird.

Das alles muss nicht passieren, vielleicht kommt Covid-19 im Herbst tatsächlich nur als stärkere Erkältung zurück, und hoffentlich kann man bis dahin über einen Wiederaufbau der Ukraine und eine Rückkehr der Flüchtlinge nachdenken. Aber es kann auch anders kommen. Deshalb ist es klug, aufmerksam zu bleiben, nicht zu leichtsinnig zu agieren, sich auf das Schlimmste vorzubereiten und das Beste zu hoffen.

Quelle: ntv.de

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