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Sterben mehr Menschen als sonst? Das Coronavirus und die Todesstatistik

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In Deutschland sind bislang mehr als 4600 Corona-Infizierte gestorben. Allerdings ist oft unklar, ob sie nicht auch ohne das Virus innerhalb eines bestimmten Zeitraums gestorben wären.

(Foto: imago images/penofoto)

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland im Schnitt 2600 Menschen gestorben - pro Tag. Angesichts der gegenwärtigen Pandemie stellt sich die Frage, ob Covid-19 die diesjährige Sterberate in die Höhe treiben wird. Eine Antwort darauf zu finden, ist nicht so einfach, wenn nicht gar unmöglich.

Sterben durch die Corona-Pandemie in diesem Jahr mehr Menschen als sonst in Deutschland? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten, wie eine Auswertung von Angaben aus den Bundesländern ergibt. In Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, die besonders hohe Infiziertenzahlen melden, liegen nach eigenen Angaben bislang keine aktuellen Daten dazu vor. Auch das Statistische Bundesamt hat bislang keine aktuellen Zahlen veröffentlicht.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht nach jetzigem Stand nicht davon aus, dass die Pandemie einen erkennbaren Effekt auf die gesamtgesellschaftlichen Sterbefälle haben wird. Vizepräsident Lars Schaade sagte bei einer Pressekonferenz in Berlin, dass der Ausbruch von Sars-CoV-2 in den Mortalitätsstatistiken für das Jahr 2020 kaum zu sehen sein werde - sofern das Virus weiter unter Kontrolle gehalten wird. In Ländern mit weitaus mehr Fällen könne dagegen ein klarer Ausbruch erkennbar sein.

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Zwar sind in Deutschland bislang mehr als 4600 Corona-Infizierte gestorben. Allerdings ist insbesondere bei sehr alten und stark vorerkrankten Menschen oft unklar, ob sie nicht auch ohne das Virus innerhalb eines bestimmten Zeitraums gestorben wären. Im Jahr 2019 sind nach einer vorläufigen Schätzung des Statistischen Bundesamts in Deutschland 940.000 Menschen gestorben. Das sind im Schnitt rund 2600 am Tag.

"Für Hessen lässt sich derzeit keine Übersterblichkeit im Zusammenhang mit dem Coronavirus feststellen", heißt es aus dem Gesundheitsministerium in Wiesbaden. "Bisher sind in keiner der Altersgruppen signifikante Abweichungen von den normalerweise zu erwartenden Todesfällen festzustellen." Die Gesundheitsverwaltung in Berlin teilte mit, dass in den vergangenen Wochen nur eine geringe Übersterblichkeit - also mehr Tote als gewöhnlich - festzustellen war. Sie sei wahrscheinlich primär auf die Influenza, nicht auf Covid-19 zurückzuführen.

RKI: Todesfallzahlen sind unterschätzt

Unklarheit herrscht nicht nur darüber, inwieweit das Coronavirus zu mehr Todesfällen in Deutschland führt. Auch die Frage, wie viele Infizierte tatsächlich bislang gestorben sind, lässt sich kaum beantworten. Denn in den meisten Bundesländern werden bei Verstorbenen nur selten nachträgliche Tests auf Corona vorgenommen. In die Statistik fließen also hauptsächlich Fälle ein, bei denen eine Corona-Infektion bereits vor dem Tod bekannt war.

Lothar Wieler, Präsident des RKI, hatte schon Anfang des Monats gesagt, er halte die Todesfallzahlen in Deutschland für unterschätzt. Nicht jeder Gestorbene sei zuvor getestet worden, sagte er. "Ich gehe davon aus, dass wir mehr Tote haben, als offiziell gezählt werden."

Anders als etwa in Italien: Bei Menschen, die im Krankenhaus sterben und bei denen ein Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19 vermutet wird, wird post mortem ein Test auf das Virus durchgeführt. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Anfang April berichtete, wird darüber hinaus der Tod von Patienten mit schweren Vorerkrankungen im Falle eines positiven Testergebnisses automatisch der Covid-19-Lungenkrankheit zugeschrieben - auch wenn nicht klar ist, ob die Patienten "an dem" oder lediglich "mit dem" Virus gestorben seien. Stirbt eine Person im Altersheim oder zu Hause, werde dagegen nicht regelmäßig ein Post-mortem-Test auf den Erreger vorgenommen.

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So ist es auch in Niedersachsen: Dort werden laut Landesgesundheitsamt zu Hause oder in Heimen verstorbene Menschen oder Risikopatienten in der Regel nicht nachträglich auf Covid-19 getestet. "Testungen werden bei Ausbrüchen, bekannten Kontakten zu Covid-19 oder bei entsprechendem Krankheitsbild gemacht, also bei einem konkreten Verdacht", heißt es aus Hessen. Verbindliche Aussagen zu Testungen nach dem Tod könnten nicht gemacht werden. Auch bei Verstorbenen in Baden-Württemberg werden Tests nur in solchen Fällen empfohlen, in denen die Betroffenen typische Krankheitssymptome aufwiesen oder engen Kontakt zu Sars-CoV-2-Infizierten hatten.

Bei älteren Menschen sind Verläufe atypisch

Wie hoch die Dunkelziffer nicht erfasster Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 sei, könnten die Behörden in Baden-Württemberg nicht abschätzen. In Rheinland-Pfalz werde die Dunkelziffer nicht erfasster Todesfälle als gering eingeschätzt, sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Risikopatienten mit Symptomen von Covid-19 nähmen in der Regel rasch Kontakt zum Gesundheitswesen auf. Auch die Träger von Alten- und Pflegeheimen seien gehalten, Bewohner mit Symptomen umgehend testen zu lassen.

Allerdings sterben immer wieder infizierte Menschen in solchen Heimen, ohne dass bei ihnen zuvor Symptome bemerkt wurden. Keine typischen Corona-Symptome und ein deutlich verkürzter Sterbeprozess, so beschrieb zum Beispiel die betreibende Diakonie den Ausbruch in einem Altenheim in Wolfsburg. Bei älteren Menschen seien die Verläufe häufig atypisch, weil die Menschen andere Erkrankungen mitbrächten, hatte kürzlich Guido Michels erklärt, Chefarzt am Sankt-Antonius Hospital in Eschweiler und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin.

Diskutiert wird unter Experten auch, dass das Virus den Hirnstamm einbeziehen kann, wo die Steuerung für das Herz-Kreislauf-System und die Atemwege sitzt - was einen plötzlichen Atemstillstand zur Folge haben kann. Auch eine Lungenembolie oder Herzrhythmusstörungen im Zuge der Infektion gelten als mögliche Ursache plötzlicher Todesfälle.

Quelle: ntv.de, fzö/dpa