Panorama

Unterwegs mit Straßenkindern Das Mädchen, das nicht sein darf

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Schlafplatz am Berliner Ostbahnhof: Bei der Auswahl des Nachtquartiers dürfen die Straßenkinder nicht wählerisch sein.

Ein Medizinstudium und dann als Ärztin ohne Grenzen arbeiten: Ivy hat ziemlich große Pläne für einen Menschen, den es nach Lesart der Behörden gar nicht gibt. Tausende Kinder fristen ihr Dasein auf Deutschlands Straßen - und die wenigsten von ihnen haben Anspruch auf staatliche Hilfe.

Nach Weihnachten will Ivy einfach nur noch weg. Raus aus dem piefigen Fürth mit all seinen schlechten Erinnerungen, raus aus der mittelfränkischen Einöde, aber vor allem: Weg vom Vater, der sie nicht versteht und ihr nicht zuhört. Der schon mit seinem eigenen Leben nicht klarkommt und mit der Erziehung seiner Tochter heillos überfordert ist. Also packt Ivy Ende Dezember ihre Habseligkeiten zusammen und macht sich auf den Weg nach Schweden. "Wildcampen bis zum Sommer", sagt sie und muss dabei lächeln. "Ich dachte, wenn ich erst mal aus der Stadt bin, wird schon alles gut." Aber Ivy schafft es nicht mal aus Malmö raus, sondern merkt schnell: Schweden im Winter und ohne Dach über dem Kopf, das ist eine ziemlich bescheuerte Idee. Aber zurück nach Hause? Auf keinen Fall!

"Zuhause." Ivy spuckt das Wort förmlich auf den schmutzigen Asphalt des Berliner Alexanderplatzes, wo sie ein paar Monate später auf einem quietschenden Klappstuhl sitzt und eine Schüssel mit dampfendem Bohneneintopf in der Hand balanciert. Geborgenheit, Zuneigung, ein Ort zum Fallenlassen: Wenn die junge Frau mit den großen Augen und den vollen Lippen an ihr Elternhaus zurückdenkt, fällt ihr vieles ein - nur eben nicht das, was die meisten ihrer Altersgenossen mit "Zuhause" verbinden. Dass Ivy ausgerechnet hier eine Vorstellung davon bekommt, was es heißen muss, jemanden zu haben, hätte sie sich vorher nicht vorstellen können. Doch da sind sie, auf diesem trostlosen Stück Stadt namens Alexanderplatz: Menschen, die sich um Ivy kümmern. Denen sie nicht egal ist.

Drogen, Prostitution, Kriminalität - die Abgründe lauern überall

"Straßenkinder e.V." steht auf dem weißen Kleinbus, der am Rand der riesigen Betonwüste im Schatten des Fernsehturms parkt. Enna und ihre beiden Kollegen haben sechs der quietschenden Stühle um einen Klapptisch herum aufgebaut, im Heck des Transporters blubbern mehrere große Wärmekessel vor sich hin. Jeden Mittwoch und Freitag kommen die Streetworker hierher, um gratis Essen, Kaffee und Tee an die Jugendlichen auf Platte zu verteilen. Seit die "Straßenkinder" 2004 zum ersten Mal mit der Gulaschkanone am Alex vorfuhren, hat sich die Essensausgabe zu einer regelrechten Institution entwickelt: "Zwischen 20 und 80 Jugendliche", schätzt Enna, holen sich hier regelmäßig kostenlose Mahlzeiten ab, so genau könne man das nie sagen. "Aber heute ist hier ganz schön tote Hose."

Wie kann ich helfen?

Bereits seit der Gründung im Jahr 2000 finanzieren die "Straßenkinder" ihre Arbeit komplett auf Spendenbasis und wurden seitdem vielfach für ihre gemeinnützige Arbeit ausgezeichnet Auch Sie können helfen.

Spendenkonto:

Straßenkinder e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN DE29100205000003282600
BIC BFSWDE33BER

Internet:

http://www.strassenkinder-ev.de/spende.html

Kein Wunder bei dem Wetter: Die Spitze des Fernsehturms verschwindet in den stahlgrauen Wolkenbergen, die so tief über der Stadt hängen, dass sie fast nahtlos in den Asphalt überzugehen scheinen. Ein kalter Wind pfeift über den Platz, manchmal bringt er ein paar Regentropfen mit. Eigentlich das perfekte Wetter, um sich mit einer heißen Tasse Tee und einem guten Buch auf der Couch einzukuscheln. "Eine feste Wohnung würde mir fürs Erste schon mal reichen", sagt Ivy und muss lachen. Kurz nur, dann holt die Realität das Mädchen von der Straße wieder ein. Denn das mit der Wohnungssuche ist so eine Sache: Aus Berlin will Ivy nicht mehr weg, so viel steht fest. Zusammen mit Enna machte sich die 17-Jährige deshalb zu Jobcenter und Jugendamt auf. Dort aber fühlte sich niemand zuständig - Ivy ist ein Problem der Stadt Fürth.

"Das ist ein echter Teufelskreis", sagt Eckhard Baumann und zeichnet mit seinem Kaffeebecher selbigen in die Luft. Der Vorsitzende der "Straßenkinder" mit der sanften Stimme und dem energischen Blick kämpft seit der Vereinsgründung 1998 gegen die bürokratischen Windmühlen, die der ohnehin schon fordernden Wiedereingliederung seiner "Klienten" in die Gesellschaft nur noch mehr Steine in den Weg legen. "Es gibt ja einen Grund, warum die Kids von zu Hause ausreißen, in eine andere Stadt flüchten. Ausgerechnet dahin zurück wollen sie natürlich nicht." Müssten sie aber, denn Unterstützung vom Staat gibt es nur an der Meldeadresse - und um die zu ändern, fehlt den Minderjährigen die Mündigkeit. "Auf den Ämtern in der Provinz können die sich manchmal gar nicht vorstellen, wie leicht man in der Stadt unter die Räder kommen kann", sagt Baumann. Ohne Starthilfe in der fremden Stadt bleiben den Jugendlichen nicht viele Möglichkeiten, genug Kleingeld für einen vollen Bauch zusammenzukratzen. Betteln ist eine, schlimmer sind: Drogen, Prostitution, Kriminalität.

Sechs Monate, um den Absprung zu schaffen

Ein verheerender Kaltstart in die trostlose neue Großstadtwelt - und mit jedem neuen Tag auf Platte wird es schwerer, aus dem Teufelskreis auszubrechen: "Sechs Monate. Wer es bis dahin nicht von der Straße wegschafft, bleibt nach unserer Erfahrung für eine sehr lange Zeit kleben", sagt Baumann. Ein Schicksal, das Ivy erspart bleiben könnte, wenn sie sich zusammen mit den Streetworkern weiter durch den deutschen Behördendschungel wühlt. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Straßenkindern ist die Fürtherin vergleichsweise spät von zu Hause geflüchtet.

Ivys 18. Geburtstag steht vor der Tür - dann endlich greifen die sozialen Sicherungssysteme auch bei ihr und sie kann zum ersten Mal in ihrem Leben selbst bestimmen, wohin die Reise gehen soll: "Zuerst brauch ich eine Bude, dann will ich wieder in die Schule und später Medizin studieren." Und dann? "Ärztin ohne Grenzen, das wär's. Ich will den Menschen was zurückgeben."  Sagt es, läuft feuerrot an und legt sofort den Rückwärtsgang ein: "Aber es kommt ja eh immer anders, als man denkt." Träumereien von einem besseren Leben passen eben nur schwer in eine Lebenswirklichkeit, in der ein warmes Abluftgitter an einem der Hauptstadtbahnhöfe schon als luxuriöser Schlafplatz durchgeht.

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Auch leerstehende Häuser stehen bei den Straßenkindern hoch im Kurs: Ganz so viel Auswahl wie im Berlin der Wendejahre gibt es heutzutage aber nicht mehr.

Immerhin, den hat sie sicher. Gleich nach ihrer Ankunft in Berlin lernt Ivy am Hauptbahnhof Tobi kennen und schließt sich seiner Dreiergruppe an. "Ist sicherer und man ist nicht so einsam", sagt das Mädchen - und klingt dabei doch ziemlich einsam. Was an Tobi liegt, oder vielmehr an seiner Abwesenheit. "Es hat sofort gefunkt, das war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich Ivy. In den folgenden Monaten streifen die beiden tagsüber durch die Stadt, wärmen sich nachts aneinander und sind dabei nie länger als eine halbe Stunde voneinander getrennt. Vom Hauptbahnhof ziehen sie zum Ostbahnhof um, wo sie optisch kaum zu unterscheiden sind zwischen all dem Feiervolk, das hier auf dem Weg Richtung Berghain vorbeikommt.

Und dann plötzlich, ein paar Tage ist das erst her, dieser gewaltige Streit, "ich weiß noch nicht mal mehr, warum eigentlich." Fest steht nur, dass Tobi den Konflikt auf die einzige Art und Weise beendet, die er kennt: Flucht. Seitdem ist er wie vom Erdboden verschwunden und Ivy leidet. Lernt die Lektion von der größten Gefahr, die über ihr und den anderen Straßenkindern wie ein Damoklesschwert hängt, auf die extraharte Tour: Fehlendes Selbstwertgefühl - woher soll es auch kommen - führt viel zu häufig dazu, dass die Jugendlichen schon bei den ersten Anzeichen von Gegenwind die Segel streichen. Nicht nur in der Beziehung, sondern vor allem bei den täglichen Herausforderungen im normalen Leben.

"Je chemischer, desto besser"

Ivy sagt, dass sie die Gefahren sieht. Sie will nicht dieselben Fehler machen wie so viele derer, die auf Deutschlands Straßen leben. 2500 sollen es nach neuesten Schätzungen sein, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Nein, Ivy will den Weg weitergehen, den sie zusammen mit den Streetworkern der "Straßenkinder" begonnen hat. Will unbedingt zu den 40 Prozent gehören, die laut Baumann irgendwann "ihr Leben selbst in die Hand nehmen."

Angst jedenfalls hat sie keine vor der Zukunft, sagt Ivy. Oder halt, doch, eine gibt es da, die wie ein Raubtier irgendwo in den schlecht beleuchteten Ecken ihres Unterbewusstseins sitzt und die sie nicht richtig zu fassen kriegt: die Angst vor dem Absturz. Ivy weiß, wovon sie spricht, hat das Komplettprogramm inklusive Zwangseinweisung in die geschlossene Psychiatrie schon durch. "Bevor ich abgehauen bin, habe ich jede Droge in mich reingestopft, an die ich rankam. Je chemischer, desto besser. Aber seitdem: Gar nichts mehr, ich hab einfach die Lust daran verloren." Und nochmal, wie um sicherzugehen: "Einfach die Lust verloren."

Kurz, ganz kurz nur verdunkelt ein Schatten Ivys feine Züge, bevor ihr Lächeln sie wieder wie eine unüberwindbar scheinende Burgmauer umgibt. Lange genug immerhin, um einen Blick auf die Untiefen dahinter zu werfen: Den Kampf gegen sich selbst hat Ivy noch längst nicht gewonnen.

Quelle: ntv.de