Panorama

Zauderer oder Gegner? Das Ringen um die Ungeimpften

256745525.jpg

In dieser Woche kann man sich an vielen Orten in Deutschland ohne Termin einfach impfen lassen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für geimpfte Menschen sind die Argumente für die Corona-Impfung überzeugend. Bei den Ungeimpften überwiegen Zweifel, Desinteresse oder auch Angst. Das ist allerdings kein Grund, sie für die Impfkampagne verloren zu geben.

Mehr als 62 Prozent aller Menschen in Deutschland sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Das entspricht 51,9 Millionen Menschen (62,4 Prozent), teilte Gesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch via Twitter mit. 66,7 Prozent oder 55,5 Millionen Menschen sind mindestens einmal geimpft. Damit bleiben also 33 Prozent oder 27,7, Millionen Menschen, die (noch) nicht geimpft sind. Laut der Cosmo-Studie aus Erfurt, die seit Beginn der Pandemie die Einstellung der Bevölkerung zum Thema Corona ermittelt, sind von diesen bislang Ungeimpften rund 20 Prozent impfbereit, weitere 24 Prozent noch unentschieden und 56 Prozent strikt gegen die Corona-Impfung.

Unabhängig von ihrer Motivation wird es für Ungeimpfte zunehmend schwieriger. Immer mehr Bundesländer entscheiden sich für die 2G-Regel, die Restaurant- oder Veranstaltungsbesuche nur Geimpften oder Genesenen erlaubt. 3G, also auch Zutritt für Getestete, wird seltener angeboten und ab 11. Oktober auch zur finanziellen Last. Dann müssen Personen, die kein Impfangebot angenommen haben, die Tests selbst bezahlen. Ungeimpfte könnten zudem bald ihren Anspruch auf Entschädigung bei Verdienstausfällen wegen angeordneter Quarantäne verlieren. Es gäbe also durchaus praktische und auch finanzielle Gründe, sich impfen zu lassen. Wissenschaftlich ist längst belegt, dass die Impfung das beste Mittel gegen eine möglicherweise folgenschwere Covid-19-Erkrankung ist.

Trotzdem gibt es Impffaule, Impfzögerer, Impfverweigerer oder Impfgegner. Die Motivationen, warum Menschen die Impfung ablehnen, sind äußerst vielfältig. Manche hatten einfach noch keine Zeit oder keine Lust, sich um einen Impftermin zu kümmern. Andere sehen mögliche Nebenwirkungen der Impfungen sehr genau, wieder andere sind überzeugt, dass sie eine mögliche Erkrankung locker wegstecken. Und dann gibt es auch noch Menschen, die den Nutzen von Impfungen prinzipiell infrage stellen. Diese Aufzählung ist auf jeden Fall noch immer unvollständig, macht aber deutlich, dass jede dieser Personen vermutlich für andere Argumente zugänglich sein könnte.

Gefahr der Ausgrenzung

Bisher gibt es vor allem Appelle. "Jede einzelne Impfung zählt", sagte beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch der zunehmende Druck lässt die Ungeimpften immer schlechter aussehen, als Egoisten, Feiglinge, Verantwortungslose, Dumme. Auch Heinrich Bedford-Strohm, der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, findet es völlig richtig, "dass wir die Menschen zu überzeugen versuchen, dass sie sich impfen lassen". So sagte er es im Deutschlandfunk. Was aber nicht geschehen dürfe, sei eine "Ausgrenzung der anderen". Er habe auch kein Verständnis für Menschen, die sich keine Gedanken über die Impfung machen und denen der Schutz der Gemeinschaft einfach egal sei. Bei Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, helfen jedoch aus seiner Sicht "einfach nur geduldige Überzeugungsversuche".

Die Mehrheit der Impfverweigerer habe aber aus bestimmten Gründen Angst vor dem Eingriff in ihren Körper. Bedford-Strohm nannte als Beispiel Menschen, die ihr ganzes Leben auf Naturheilmittel vertraut haben und damit gut gefahren seien. Er versuche dann das Gespräch zu suchen, anstatt diese Menschen in eine egoistische Ecke zu stellen. Viele dieser Menschen sähen durchaus das Dilemma, dass die Impfung jeden einzelnen schütze, aber auch ein Dienst an der Gemeinschaft sei. Er hoffe, dass sie sich dann doch für die Impfung entscheiden. "Du kannst am Ende Menschen nicht zwingen, du kannst auch nicht eine Impfpflicht einführen, die dann dazu führt, dass du Leute körperlich anfassen musst." Das sei der falsche Weg, so Bedford-Strohm.

Emotionen könne man nicht abblocken oder per Zwang ausschalten, der richtige Weg sei aber, miteinander zu reden. "Durch geduldige Gespräche ist es möglich, dass Menschen nochmal nachdenken, sich vielleicht einen Ruck geben und über ihren Schatten springen." Er setze darauf, Menschen das Risiko des Nichtgeimpftseins klarzumachen. Mit ausgrenzender Rhetorik dränge man Menschen "in eine Haltung, die dann grundsätzlich misstrauisch gegen staatliches Handeln ist".

Menschlicher Austausch

In einer Expertenrunde des Science Media Centers (SMC) machte auch Felix Rebitschek vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung deutlich, dass an direkten Gesprächen kaum ein Weg vorbeiführe. Das sei nicht so einfach, weil man natürlich nicht unendlich Leute irgendwo hinschicken könne. Aber wenn man eine bestimmte Impfquote erreichen wolle, sei es "wahrscheinlich unvermeidbar". Dann helfe nur der menschliche Austausch mit der Möglichkeit, Rückfragen zu stellen.

Auch für Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt und wissenschaftliche Leiterin der Cosmo-Studie, ist Information der beste Weg zur Überzeugung. "Ich glaube, das Problem bei der Impfung ist eben, dass immer wieder Sachen neu passieren", sagte sie in der SMC-Runde. Vielleicht habe jemand im Februar entschieden, dass ihm die Impfung zu unsicher ist und seitdem keine neuen Informationen zur Impfung aufgenommen. Dann sei es jetzt eine gute Idee, den aktuellen Informationsstand zu vermitteln.

Mehr zum Thema

Ein Beispiel dafür sei die Impfempfehlung für Schwangere und Stillende. Seit sechs Tagen empfiehlt die STIKO bisher nicht oder unvollständig geimpften Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel sowie nicht oder unvollständig geimpften Stillenden die Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs. Junge Frauen im gebärfähigen Alter gehören derzeit eindeutig zu den impfzögerlichen Gruppen. Viele von ihnen befürchten, die Impfung könnte sich negativ auf die Realisierung eines Kinderwunsches oder den Verlauf einer bestehenden Schwangerschaft auswirken. Wie so oft ist jedoch das Gegenteil der Fall, Frauen mit Kinderwunsch profitieren von der Impfung, weil es vor allem in der späteren Schwangerschaft vermehrt schwerere Verläufe gibt, die eine intensivmedizinische Betreuung notwendig machen und dann das Leben von Mutter und Kind gefährden. Schwangere haben ein 1,5-fach höheres Risiko, auf die Intensivstation eingewiesen zu werden und ein 1,7-fach höheres Risiko für maschinelle Beatmung.

Wie so oft kommt vor allem den Ärztinnen und Ärzten eine besondere Verantwortung zu. "Die Menschen wollen von Ärzten informiert werden", sagte Betsch. Die niedergelassenen Ärzte könnten ihre Karteien beispielsweise auf Ungeimpfte durchforsten und sie aktiv ansprechen. Eventuell könnten auch Medizinstudierende bei solchen Aktionen unterstützen. Rebitschek betont aber, dass jemand da sein müsse, der sich nach meinem Verständnis "mit den Fakten auseinandergesetzt hat, der bereit ist, meine Fragen hier verständlich zu beantworten".

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.