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Illegal und ignoriert Das ausländische Pflegephantom

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Viele Familien kommen bei der Pflege ihrer Lieben sehr schnell an ihre Grenzen. Und dann?

(Foto: imago/Martin Wagner)

Wer alt oder krank ist, braucht Pflege. Aber Pflegekräfte sind teuer und rar. In Deutschland springen deshalb immer öfter ausländische Helfer ein. Daraus ist ein Schwarzmarkt entstanden, den die Politik einfach totschweigt, wie Experten sagen.

Googelt man "ausländische Pflegekräfte", spuckt die Suchmaschine innerhalb von 0,31 Sekunden fast 300.000 Ergebnisse aus. Glaubt man dieser Liste, bieten professionelle Pflegefirmen in Deutschland für Preise um die 1500 Euro Pflege und Betreuung 24 Stunden durch ausländische Pfleger im eigenen Zuhause an - TÜV-zertifiziert, legal und rechtlich abgesichert.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft legte im Herbst 2018 eine Analyse zum Fachkräftemangel in der Altenpflege vor und kommt darin zu dem Schluss, dass Altenpfleger "bundesweit" und "flächendeckend" fehlen. Obwohl die Ausbildungszahlen steigen und überraschend viele Pflegekräfte ihrem anstrengenden Beruf treu bleiben, wächst die Zahl der Pflegebedürftigen immer noch schneller als die der Pflegenden. Oder wie es die IW-Experten sagen: "Die Nachfrage nach professioneller Pflege läuft dem Angebot davon."

Wer in dieser Situation plötzlich vor dem Problem steht, dass Angehörige pflegebedürftig werden, muss unter massivem Zeitdruck kreativ werden. Eine Studie der Universität Mainz kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland mindestens 150.000 migrantische Pflegekräfte irregulär arbeiten. Ende 2018 fiel die Schätzung der Verbände für häusliche Pflege sogar noch drastischer aus. Demnach haben von den rund 600.000 Kräften, die in deutschen Haushalten arbeiten, nur etwa zehn Prozent einen Vertrag und führen Sozialversicherungsbeiträge ab. Exakte Zahlen hat niemand; dass die Dunkelziffer hoch ist, ist jedoch unbestritten. Deshalb meinen Experten, dass das deutsche Pflegesystem ohne die zumeist Frauen aus Polen oder der Ukraine schon zusammengebrochen wäre.

Pflegende "Haushaltshilfen"

Dieser Meinung ist auch Pflegeexperte Claus Fussek: "Schwarzarbeit geht natürlich gar nicht, aber würde man die etwa 70 bis 80 Prozent Schwarzarbeiter in der Pflege strafrechtlich und ordnungsrechtlich verfolgen, könnten wir in Deutschland nur noch beten", sagt Fussek n-tv.de. Schon die Einordnung als Pflegekräfte geschehe nicht, obwohl jeder wisse, dass viele "Haushaltshilfen" pflegerisch arbeiten und beispielweise auch Medikamente geben. "Diese Schwarzarbeit ist faktisch eine tragende Säule im Pflegesystem", zitiert der SWR Sozialforscherin Cornelia Schweppe, die für die Mainzer Studie drei Jahre geforscht hat. Politik und Behörden verschlössen vor den Realitäten einfach die Augen.

In ihren Empfehlungen für "Ausländische Haushalts-und Betreuungskräfte in Privathaushalten" verweist die Verbraucherzentrale darauf, dass eine legale Beschäftigung durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU recht unkompliziert zu organisieren ist. Setzt man den jeweiligen Tarif- oder Mindestlohn an und berücksichtigt zusätzlich Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung und Berufsgenossenschaft, landet man jedoch bei monatlichen Kosten von mindestens 2000 Euro.

Die Polin Irina, die seit Jahren illegal deutsche Senioren betreut, verdient nach eigenen Angaben 800 Euro im Monat. "Ohne Arbeitserlaubnis, Steuern oder Sozialabgaben", wie sie n-tv.de erzählt. Sie berichtet, sie sei auch schon geschlagen worden und habe diese Stelle dann nach 14 Tagen verlassen. Ihre Schilderungen passen genau zu dem, was auch Pflegeexperten neben der Illegalität am Konstrukt mit den ausländischen Pflegekräften problematisch finden. Für die Patienten ist eine gute Versorgung keineswegs gewährleistet, die Pflegepersonen arbeiten in einem weitgehend rechtsfreien Raum bei zum Teil schlechter Bezahlung.

Finanzielle und moralische Not

Eine 24-Stunden-Betreuung sei zudem mit einer Person legal unmöglich, heißt es bei der Verbraucherzentrale. Die Wochenarbeitszeit einer Pflegeperson darf laut Gesetz 48 Stunden nicht überschreiten. Damit wären beispielsweise 3,5 Pflegekräfte für einen zu pflegenden Senior erforderlich. Legal liefe das auf etwa 7000 Euro im Monat hinaus. Kosten, die kaum eine deutsche Familie zusätzlich aufbringen kann. Die meisten handelten aus finanzieller und moralischer Not, stellen die Mainzer Forscher fest.

Pflegeexperte Fussek hat für die Versorgung seiner Eltern über eine seriöse Agentur rumänische Haushaltshilfen engagiert. Diese Konstruktion ermögliche ihm weiterhin seine Berufstätigkeit und seinen Eltern ein weitgehend selbstbestimmtes Leben, erzählt er.

Angelehnt an das Recht auf einen Kitaplatz bringt er das Recht auf Tagespflegeplätze für Senioren ins Gespräch. Fussek fordert jedoch vor allem eine ehrliche, gesellschaftspolitische Debatte zu dem Thema. Denn in diesem Fall könne man auch nicht einfach auf die Politik verweisen. "Niemand hat eine bezahlbare und praktikable Antwort, wie wir das Problem der immer mehr zu pflegenden Menschen lösen können."

In der äußerst komplexen Fragestellung müssten die Pflegebedürftigen, deren Angehörige und potenzielle Erben ebenso berücksichtigt werden wie die Pflegenden und ihre Prioritäten, meint Fussek, der in diesem Zusammenhang von einer Schicksalsfrage für die ganze Gesellschaft spricht. "Wer es nicht selbst erlebt hat, soll keine klugen Ratschläge geben und hoffen, dass es ihn nicht trifft."

Quelle: n-tv.de

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