Panorama

Von Vietnam nach Großbritannien Das grausame Geschäft der Menschenhändler

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Die Reise endet für viele tödlich.

(Foto: REUTERS)

Sie starten mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Reise scheint gut organisiert und sicher. Doch der Fall der Toten von Grays zeigt, dass der weltweite Menschenhandel ein skrupelloses Geschäft ist.

Der Tod von 39 Menschen, die in Großbritannien in einem Sattelauflieger gefunden wurden, hat die Debatte über moderne Sklaverei neu entfacht. Inzwischen gehen die britischen Behörden davon aus, dass die meisten der 31 Männer und acht Frauen aus Vietnam stammten und Opfer von Menschenhändlern wurden.

Die britische Seite "Metro.co.uk" berichtet, eines der mutmaßlichen Opfer habe 30.000 Pfund (etwa 35.000 Euro) bezahlt, um illegal nach Großbritannien zu gelangen. Die Familie habe noch versucht, die junge Frau von dem Unternehmen abzuhalten, blieb jedoch erfolglos. Die Schlepper hatten die Überfahrt als "sichere Route" bezeichnet und den Eindruck erweckt, die Menschen würden mit dem Flugzeug und dem Auto reisen.

Die 26-Jährige, deren letzter bekannter Aufenthaltsort Belgien war, hatte aus dem Kühlcontainer noch Nachrichten an ihre Eltern geschickt. Britischen Medien zufolge schrieb sie: "Es tut mir leid, Mama, mein Weg ins Ausland war nicht erfolgreich. Ich liebe dich und Papa so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann."

Verzweifelter Kampf ums Überleben

Noch liegen die Obduktionsergebnisse der Menschen, die in der Nacht zum Mittwoch in einem Sattelauflieger in dem Ort Grays in der Grafschaf Essex gefunden wurden, nicht vor. Bisher vermuten die Ermittler, dass die Menschen entweder erfroren oder erstickten. Französische Justizbehörden berichteten, Migranten würden häufig in solche Lastwagen gelockt, ohne zu ahnen, wie kalt es im Inneren wird. Aus Ermittlerkreisen hieß es, die Migranten seien nur spärlich bekleidet gewesen, als sie im Container gefunden wurden. Der "Mirror" berichtete von blutigen Handabdrücken an der Innenseite der Lkw-Tür.

Der Fahrer des Lkw, ein 25-Jähriger aus Nordirland, muss am Montag vor Gericht erscheinen. Ihm werden unter anderem Totschlag in 39 Fällen sowie Beteiligung an Menschenhandel und Geldwäsche vorgeworfen. Drei weitere Verdächtige wurden am Sonntag auf Kaution freigelassen. Auch die belgische Staatsanwaltschaft meldet eine Festnahme. Nur selten werden die Schleuser gefasst.

In einem Fall im Jahr 2000 hatte der Lkw-Fahrer die Lüftungsöffnung geschlossen, weil er fürchtete, man könne die Flüchtlinge hören. In dem Anhänger wurden später die Leichen von 58 illegalen Migranten gefunden, sie waren erstickt. Der Fahrer wurde verurteilt. Zwei Menschen überlebten die Fahrt von Seebrügge nach Dover. Sie berichteten, dass jeder an Menschenhändler 20.000 Pfund bezahlt hatte und mit gefälschten Papieren ausgestattet wurde. Die sogenannten Snakeheads werben in den Herkunftsländern der Migranten in sozialen Netzwerken aggressiv um neue Kunden. Mike Gradwell, ein ehemaliger Detective Superintendent der Lancashire Police, der das Ertrinken von mindestens 21 chinesischen illegalen Einwanderern im Jahr 2004 untersuchte, nannte die Banden in der BBC "kriminelle Reisebüros". In diesem Fall waren die Menschen einfach vor der Küste ausgesetzt worden.

Schicksal als Sklaven

Vor allem in Ländern, in denen sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, werden die Menschenhändlerbanden schnell fündig, dazu gehören China und zunehmend auch Vietnam.

Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass organisierte Kriminelle in den zurückliegenden Jahren Tausende von Vietnamesen illegal nach Großbritannien gebracht haben. Dem "Guardian" zufolge hatte das britische Innenministerium 2018 lediglich 121 Fälle von vietnamesischen Staatsangehörigen als Opfer von Menschenhandel eingestuft. Genaue Statistiken über die tatsächliche Zahl sind jedoch schwer zu ermitteln, weil die meisten Ankommenden untertauchen und ohne offizielle Papiere leben.

Selbst diejenigen, die die gefährliche Reise schaffen, haben in Großbritannien keineswegs sichere und bessere Lebensverhältnisse. Viele von ihnen sind gezwungen, illegal in Nagelstudios oder auf Cannabisfarmen zu arbeiten, um die Reisekosten abzuzahlen. Frauen enden häufig als Sexarbeiterinnen.

Quelle: ntv.de