Panorama

So wirkt die Mutation Delta-Variante fährt Briten in die Parade

In England sollten kommende Woche alle Corona-Schutzregeln fallen. Angesichts einer stark steigenden Inzidenz und der Verbreitung der Delta-Variante kippt Premier Johnson aber diesen Plan. Doch wie wirkt die Mutation? Und steht Deutschland die Entwicklung noch bevor?

"Paradise postponed" - Paradies verschoben, titelt die britische "Times" und spricht damit den englischen Landsleuten aus der Seele, die den 21. Juni als Ende aller Lockdown-Maßnahmen herbeigesehnt hatten. Mit dem "Tag der Freiheit" wird es jedoch vorerst nichts. Am frühen Abend kündigte Premier Boris Johnson offiziell an, worüber Medien bereits spekuliert hatten: Das Ende der Corona-Maßnahmen in England wird um bis zu vier Wochen verschoben. In Schottland, Wales und Nordirland ähneln die Corona-Regeln denen Londons.

Das bedeutet: weiterhin Besucherlimits für Sport, Kinos, Pubs. Eine Enttäuschung für die Briten, doch bei deutlich steigender Inzidenz jede Vorsicht abzulegen, wäre fahrlässig. Die Daten sprechen eine zu klare Sprache.

Startete das Vereinigte Königreich (UK) noch mit weniger als 2000 Neuinfektionen pro Tag in den Mai, so riss die Statistik am vergangenen Freitag schon wieder die 8000er-Marke. Das ist immer noch eine niedrige Fallzahl im Vergleich zur dritten Welle im Januar mit Höchstständen von über 60.000 neuen Infektionen täglich. Doch ist es auch gar nicht die Zahl der Neuinfektionen, die Wissenschaft und Politik Sorge bereitet. Es ist das Tempo, in dem sie nach oben steigt - in manchen Regionen auf das Doppelte innerhalb weniger Tage. "Es ist sehr klar, in welche Richtung die Infektionsraten gehen", heißt es aus dem Gremium der Wissenschaftler, das die britische Regierung berät. Und das sei nicht "die Richtung, in die wir wollten oder eine, die wir noch vor wenigen Wochen erwartet haben".

Überraschte Wissenschaftler bedeuten im Zusammenhang mit Corona kaum etwas Gutes. Alarmierend kommt hinzu: Neuesten Daten zufolge hat die Variante Delta, die zuerst in Indien auftauchte und als ansteckender und möglicherweise im Krankheitsverlauf aggressiver gilt als die Alpha-Variante B.1.1.7, das Feld in UK fast komplett übernommen. Mit über 90 Prozent beziffern britische Wissenschaftler inzwischen den Anteil von Delta am Infektionsgeschehen. Die Mutante soll im Vergleich mit Alpha etwa um 60 Prozent infektiöser sein.

Innerhalb der steigenden Tendenz bei den Neuinfektionen fällt den Behörden eine Entwicklung besonders auf: Gerade unter britischen Schülerinnen und Schülern nehmen die Corona-Fälle zu. Das aktuellste Briefing von Public Health England, datiert vom 11. Juni, zeigt beinahe eine Verdopplung von Clustern und Ausbrüchen in Grund- und weiterführenden Schulen zwischen Mitte und Ende Mai. Innerhalb von zwei Wochen stieg die Zahl neu entdeckter Cluster und Ausbrüche von 50 auf 94, insgesamt wurden 370 gezählt - zwischen Mitte April und Anfang Juni.

Mehr Infizierte unter 30

Im selben Zeitraum entwickelte sich Delta in den betroffenen Schulen zur dominanten Variante. Mehr als die Hälfte der Cluster in der ersten Juniwoche gehen auf ihr Konto. Darüber hinaus haben britische Wissenschaftler die nachgewiesenen Delta-Fälle den Altersstufen zugeordnet. Und auch dabei zeigt sich, dass sich in den letzten Wochen deutlich mehr Menschen unter 30 Jahren infiziert haben als etwa über 60.

Bei insgesamt noch immer niedrigen Zahlen halten sich die Behörden mit schnellen Deutungen zurück. Anders als in Deutschland gehörten die britischen Kinder zu den ersten, die von Lockerungen profitierten und in die Schulen zurückkehren durften. Das barg natürlich ein erhöhtes Risiko. Doch gleichzeitig sprechen die Infektionszahlen unter den Jüngeren dafür, dass es für den Verlauf der Delta-Pandemie einen anderen entscheidenden Faktor gibt: den Impfstatus.

Großbritannien hat zwar in seiner Impfkampagne vor allem zu Beginn deutlich mehr Tempo machen können als etwa Deutschland mit den wenigen Dosen, die zur Verfügung standen. Aber die Briten haben auch priorisiert. Und das bedeutet: Unter den mehr als 56 Prozent Erwachsenen, die bereits voll geimpft sind, finden sich wenige junge Erwachsene und sehr viele ältere. Diese Impfreihenfolge kann man nun in der Alterspyramide der Neuinfektionen gespiegelt sehen.

Und das ist - allen Sorgen zum Trotz - eine gute Nachricht. In der Frage, wie hoch das Risiko ist, sich mit der Delta-Variante anzustecken, spielt der Impfstatus den britischen Daten zufolge eine entscheidende Rolle.

Nach der zweiten Dosis holen die Impfstoffe auf

Zwar fanden Forschende in einer von der nationalen Gesundheitsbehörde in Auftrag gegebenen Studie heraus, dass Impfungen nachweisbar weniger Schutz gegen Delta bieten als gegen die derzeit auch in Deutschland noch vorherrschende Alpha-Variante. Aber nach der zweiten Dosis holen die Impfstoffe bei der Effektivität wieder deutlich auf.

Die Studien mit den Vakzinen von Astrazeneca und Biontech belegen nach der ersten Impfung im Durchschnitt rund 50 Prozent Impfschutz gegen Alpha, aber nur knapp über 30 Prozent gegen Delta. Bei Menschen, die komplett immunisiert waren, schnellt die Impfschutzquote gegen Delta auf über 80 Prozent nach oben. Dieser Wert liegt deutlich näher an der Quote gegen Alpha, die bei 88 Prozent liegt. Für Biontech allein liegt der Wert noch einmal höher.

Das bedeutet: Mindestens diese zwei Impfstoffe sind nachweisbar wirksam gegen die Delta-Variante, wenn sie auch nicht den Effekt wie gegen die Alpha-Mutation erreichen. Großbritannien zeigt auch: Für den vollen Immunschutz gegen eine aggressivere Mutante ist die zweite Impfung ganz entscheidend. Wird sie versäumt, ist die Wirkung geschwächt und das Risiko, sich dennoch anzustecken, deutlich erhöht.

Die steigenden Inzidenzen in UK verweisen außerdem darauf, wie wichtig es ist, die Impfkampagne weiter voranzutreiben. Unter anderem das ist das Ziel des verschobenen Lockdown-Endes: In den nächsten vier Wochen weitere gut 10 Millionen Britinnen und Briten mit dem schützenden Piks zu versehen.

Denn Geimpfte, das haben auch brasilianische Studien mit der dort vorherrschenden Variante ergeben, schützen ihre ungeimpfte Umgebung zwar mit, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Eine stark ansteckende Variante wird sich trotzdem ihren Weg zu denjenigen bahnen, die weiterhin als Wirt zur Verfügung stehen - in Großbritannien wie in Deutschland sind das mehrheitlich jüngere Erwachsene und Kinder.

Delta doppelt so aggressiv wie Alpha

Das wiederum bedeutet zwar, dass die Sterberate und die Quote der schweren Verläufe sich in einer vierten Welle höchstwahrscheinlich auf wesentlich niedrigerem Niveau halten würden als zuvor. Denn alle drei bisherigen Wellen haben gezeigt, dass der Faktor Mortalität bei jungen Leuten nahezu keine Rolle spielt.

Mehr zum Thema

Doch jüngste britische Analysen zum Krankheitsverlauf zeigen auch, dass die Wahrscheinlichkeit, mit einer Covid-Erkrankung in einer Klinik zu landen, bei der Delta-Variante doppelt so hoch ist wie bei Alpha. Noch sind auch für diese Studien die Fallzahlen sehr gering und die Warnung ist unter Forschenden umstritten. Doch würden sie bestätigen, was auch indische Untersuchungen schon andeuteten.

Demnach lässt sich die Gefahr, die von Corona ausgeht, nicht so leicht bannen, wie es in Großbritannien vor einigen Wochen aussah und derzeit für viele in Deutschland aussieht. Eine potentere Variante kann den Hebel sehr schnell wieder umlegen, solange eine Herdenimmunität noch nicht erreicht ist.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.