Panorama

Droht eine neue Welle? Delta bringt Corona nach Israel zurück

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Israel befürchtet, vor einer neuen Corona-Welle zu stehen - trotz hoher Impfquote.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kaum Neuinfektionen und eine hohe Impfquote: Erst vor wenigen Wochen hebt Israel alle Corona-Beschränkungen auf. Die Pandemie scheint besiegt. Doch nun schnellen die Fallzahlen wieder in die Höhe. Die Delta-Variante ist beim Impfweltmeister angekommen - und das Land erlebt ein Déjà-vu.

Die Corona-Pandemie in Israel schien bereits beendet: Die Zahl der Neuinfektionen sinkt vor einem Monat unter 10 pro Tag. Experten sprechen vom Erreichen der Herdenimmunität. Die Regierung lockert alle verbliebenen Restriktionen. Als Israels neuer Premierminister Naftali Bennett Mitte Juni in seiner Antrittsrede eine lange Liste von Themen nennt, um die sich seine Regierung kümmern werde, fehlt Corona gänzlich. Doch nur wenige Wochen später erlebt das Land ein Déjà-vu.

War es Anfang des Jahres noch die Alpha-Variante B.1.1.7 des Coronavirus, die die Fallzahlen nach oben schnellen ließ, treibt nun die deutlich ansteckendere Delta-Mutante das Infektionsgeschehen in Israel an. Inzwischen ist die Zahl der neuen Fälle auf den höchsten Stand seit Ende März geklettert. 730 Neuinfektionen seien binnen 24 Stunden gemeldet worden, teilte das Gesundheitsministerium am Dienstag mit. Fast alle gehen auf die Delta-Variante zurück. Israel befürchtet nun, vor einer neuen Corona-Welle zu stehen - trotz hoher Impfquote.

Kein Land der Welt hat so schnell einen so großen Teil seiner Bevölkerung geimpft wie Israel. Fast 62 Prozent der 9,3 Millionen Landesbewohner haben bereits eine erste Corona-Impfung erhalten, mehr als die Hälfte auch die zweite Dosis. Doch die Delta-Variante senkt die Wirksamkeit des Impfstoffes von Biontech/Pfizer, mit dem die meisten Israelis geimpft sind, einer vorläufigen Schätzung des Gesundheitsministeriums zufolge auf 64 Prozent. Daher sind unter den Neuinfizierten auch bereits zweifach Geimpfte - und viele jüngere Menschen.

"Impfungen statt Lockdowns"

Aufsehen erregten Dutzende Corona-Ausbrüche an Schulen, aber auch ein Ausbruch unter Schülern nach einer Party in Tel Aviv vergangene Woche. Wie der TV-Sender Channel 12 berichtete, haben sich bei der Feier mindestens 83 junge Leute mit dem Virus angesteckt - alle beim selben Mitschüler. Beunruhigend an dem Fall sei vor allem die Infektionskette, die zu dem Ausbruch führte. Der "Times of Israel" zufolge war der junge Mann geimpft. Dennoch hatte er sich bei einem ebenfalls geimpften Angehörigen infiziert, und dieser Angehörige hatte sich bei einer ebenfalls geimpften Person angesteckt, die kürzlich in London war.

Grund zur Panik sind die vermehrten Infektionen unter vollständig Geimpften allerdings noch nicht. Denn die Biontech-Impfung ist zwar bei Delta durchlässiger als erhofft. Dennoch verhindert sie mit mehr als 90 Prozent zuverlässig schwere Krankheitsverläufe. Das zeigt sich auch bei den Hospitalisierungen. Die Zahl der Schwerkranken blieb am Dienstag bei nur 45. Es kamen zudem keine neuen Todesfälle hinzu. Von rund 80 Covid-Patienten in Krankenhäusern sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums weniger als die Hälfte nicht geimpft, von den 45 Schwerkranken 44 Prozent.

Der Forscher Eran Segal vom Weizman Institut twitterte, der Anstieg der Neuinfektionen werde zwar auch zu einem Anstieg der Schwerkranken und Todesfälle führen. "Der Prozentsatz der Infizierten, die schwer krank werden oder sterben, ist jedoch deutlich geringer, und es ist nicht zu erwarten, dass wir zur hohen Zahl der Schwerkranken auf dem Höhepunkt der Pandemie zurückkehren werden."

Premierminister Bennett will daher einen erneuten Lockdown um jeden Preis vermeiden. "Wir können die aktuelle Corona-Welle ohne Einschränkungen besiegen", sagte er Anfang Juli beim Besuch eines Impfzentrums. "Impfungen statt Lockdowns, Masken statt Einschränkungen. Wir wollen keine Einschränkungen von Partys oder Trips oder dergleichen beschließen", sagte Bennett zu anwesenden Teenagern. "Redet mit euren Eltern und lasst euch impfen."

Mit Pizza und Eis zum Impftermin

Mit Pizza und alkoholfreiem Bier für die Großen, mit Eiscreme und Kinogutscheinen für die Kleinen versucht Israel nun die Impfkampagne wieder anzukurbeln. Diese war besonders zu Beginn sehr erfolgreich, kam dann allerdings ins Stocken. Um Impf-Lücken zu schließen, werden seit Anfang Juni die 12- bis 15-Jährigen geimpft. Empfohlen wird außerdem in Einzelfällen, vor allem bei bestimmten Vorerkrankungen, auch die Einbeziehung noch jüngerer Kinder. Studien dazu sind allerdings noch nicht abgeschlossen. Zudem gibt Israel als erstes Land der Welt schon eine dritte Impfdosis aus - vorerst allerdings nur an Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.

Parallel zur Fortsetzung der Impfkampagne hat Israel aber auch neue Corona-Maßnahmen beschlossen. So wurde die zwischenzeitlich aufgehobene Maskenpflicht in Innenräumen längst wieder in Kraft gesetzt. Folgen sollen Restriktionen für größere Versammlungen. Der einst für Geimpfte und Genesene ausgegebene Grüne Pass könnte dabei eine Renaissance erleben. Vor allem aber soll die Einschleppung des Virus und seiner Mutanten nach Israel durch zielgenaue Test- und Quarantäneregeln weiter erschwert werden. Eine Öffnung des Landes für geimpfte Touristen war bereits vom 1. Juli auf den 1. August vertagt worden. Eine weitere Verschiebung auf September ist nun schon im Gespräch.

Allerdings will die Regierung auch Zugeständnisse machen: Menschen, die in Quarantäne müssen, können ihre Selbstisolation künftig mit einem negativen Corona-Test von zehn auf sieben Tage verkürzen. Die Maßnahme soll dabei helfen, die Bevölkerung zur Einhaltung der Selbstisolation zu motivieren. "Wir legen Bedingungen fest, die die Öffentlichkeit erfüllen kann", sagte Bennett. "Wir kommen der Öffentlichkeit entgegen." Wer aber die Quarantäne bricht, muss umgerechnet rund 1290 Euro Strafe zahlen.

Von offizieller Seite heißt es, eine Familie habe die Delta-Variante als ungewolltes Mitbringsel aus dem Zypern-Urlaub mitgebracht. Sie war nicht die einzige: Zu viele Israelis hatten sich den Behörden zufolge nicht an die Quarantänepflicht gehalten, die für alle Ungeimpften und damit für alle Kinder unter 16 Jahren gilt.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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