Panorama

Drama der Costa Concordia Der "Commandante" erwartet sein Urteil

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Schettino zeigt sich vor dem Urteil gelöst.

(Foto: AP)

Der Kapitän Francesco Schettino war einer der ersten, der die sinkende Costa Concordia verließ. Jetzt rückt die Stunde der Wahrheit näher, in Kürze fällt das Urteil gegen ihn. Noch gibt sich Schettino allerdings fast heiter.

Francesco Schettino redet jetzt gerne im Dialekt seiner Heimat, der Sorrentiner Halbinsel südlich von Neapel. Da fühlt er sich verstanden. Wir stehen zusammen an der Bar des zum Gericht umfunktionierten Kinos von Grosseto, der Unglückskapitän der Costa Concordia spricht mit seinem Anwalt Domenico Pepe und einem Fotografen aus Neapel. Jetzt ist er gelöst, scherzt. Schaut aber auch ein wenig skeptisch zu mir herüber, als ich mich der kleinen Gruppe nähere. Nein, Interviews will er vor dem Urteil nicht geben. "Ganz am Ende werde ich noch einmal das Wort ergreifen, bevor sich das Gericht zur Urteilsfindung zurückzieht", sagt er, zu mir gerichtet, "das mache ich nur für euch. Für die Presse."

Der Anwalt spricht für den Mann, den alle nur "Commandante" nennen. "Die Staatsanwaltschaft verlangt 26 Jahre Haft für den Commandante. Das ist wahrlich übertrieben." Man könne zugeben, dass Schettino das Schiff in der Unglücksnacht vor drei Jahren aufs Riff gesetzt habe. Also maximal neun Jahre, mehr gibt es dafür nicht.

Gewagte Verteidigungsstrategie

Eine gewagte Verteidigungsstrategie. Als ob der Untergang des Schiffes und der Tod der 32 Menschen ein vom Rammen des Riffes kausal getrenntes Ereignis wäre. Der Staatsanwalt machte sich darüber auch entsprechend lustig.

Viele Tatsachen sprechen gegen Schettino, vor allem aber eine: die Verzögerung der Evakuierung des Schiffes um eine Stunde. Als die Costa Concordia am 13. Januar 2012 um 21.45 Uhr die Insel rammte, wurde das Schiff so weit unter Wasser aufgerissen, dass es in jedem Falle gesunken wäre. Dass es noch bis Mitternacht in der Waagerechten geblieben ist, war schon fast ein Wunder.

Richtig ist, dass 4200 Menschen noch von Bord kamen. Aber das hat mit Schettino wenig zu tun. Der telefonierte zunächst einmal eine Stunde mit der Marineleitung des Reeders und gab danach erst Alarm und befahl die Evakuierung. Bis dahin hatte man die Passagiere noch per Lautsprecherdurchsage zum Gang in die Kabinen aufgefordert, "um Panik zu vermeiden", wie Schettino sich rechtfertigte. Auf einem Schiff nur mit Notbeleuchtung, das sich langsam aber sicher auf die Seite neigte, auf dem die Fahrstuhlschächte für neun Passagiere eine tödliche Falle wurden, weil der Strom ausgefallen war und die Notstromaggregate nie ansprangen. Als die Evakuierung dann losging, war es schon fast zu spät.

Schettino fühlt die Last der Verantwortung. "Haben Sie sich bei den Opfern entschuldigt?" Ich wage eine Frage. Der Anwalt funkt dazwischen, er ist kategorisch: "Der Commandante hat mit vielen Angehörigen der Opfer direkt gesprochen, mit dem Bruder des toten Stewards steht er immer noch im Kontakt. Nein, der Commandante hat sich entschuldigt."

Kein Haus, keine Garage, keine Ehefrau

Das mögen wir glauben. Sicherlich hat dieser Mann kein schönes Leben, nach seinen Maßstäben. Haus und Garage wurden beschlagnahmt, die Ehefrau setzte ihn vor die Tür. Jetzt pendelt er zwischen dem Heimatort und Rom, wo er regelmäßig mit einer Journalistin des Radio- und Fernsehsenders RAI gesehen wird, sie wird als seine neue Freundin gehandelt.

Eines hat ihn besonders aufgeregt: der Antrag der Staatsanwaltschaft, ihn in Haft zu nehmen. Ein gutes Jahr saß Schettino im Hausarrest, das gilt in Italien als Haft. Ein Fluchtgrund bestünde nicht, meint sein Anwalt. Er sei doch immer hierher nach Grosseto gekommen, um sich der Verantwortung zu stellen.

Sicher, sollte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgen und ihn zu 26 Jahren Haft verurteilen, dann wäre das ein guter Fluchtgrund und somit auch ein guter Grund, ihn sofort in Haft zu nehmen. Am Ende ist das Verfahren aber mit dem Urteil von Grosseto aber noch nicht. Noch zwei weitere Instanzen stehen Schettino offen. Zuerst das Appellationsgericht in Florenz und dann wird der Kassationsgerichtshof in Rom das letztendlich gültige Urteil über die Verantwortung von Commandante Francesco Schettino für den Tod von 32 Menschen fällen.

Quelle: ntv.de