"Der Herr der Hähne""El Mencho": Vom Polizisten zu Mexikos Staatsfeind Nummer 1

Er war Mexikos meistgesuchter Drogenboss und führte sein Jalisco-Kartell zu enormer Macht. Jahrzehntelang entzog sich Nemesio Oseguera den Behörden. Am Wochenende ist der 59-Jährige infolge einer Militäroperation gestorben. Es ist das Ende einer blutigen Karriere.
Der mexikanische Drogenboss Nemesio Oseguera, besser bekannt als "El Mencho", starb am Sonntag bei einer Militäroperation. Der 59-jährige ehemalige Polizist war der geheimnisumwitterte Anführer des mächtigen Kartells Jalisco Nueva Generación (CJNG), einer internationalen kriminellen Organisation, die als eine der größten Mexikos angesehen wird. Wegen seiner Vorliebe für Hahnenkämpfe wurde er auch "Herr der Hähne" genannt.
Innerhalb relativ kurzer Zeit gelang es Oseguera, das CJNG zu einem kriminellen Imperium zu formen, das mit seinen ehemaligen Verbündeten aus Sinaloa konkurriert. Das Jalisco-Kartell ist laut Experten wie ein Franchise-Unternehmen organisiert und besteht aus rund 90 Organisationen. Trotz einer von den USA ausgesetzten Belohnung von 15 Millionen Dollar für Hinweise, die zu "El Menchos" Verhaftung oder Festnahme führen sollten, konnte er sich jahrelang der Verhaftung entziehen.
Seit der Festnahme des Sinaloa-Bosses Joaquín "El Chapo" Guzmán galt Oseguera als mächtigster Krimineller des Landes. Anders als Guzmán, der zum Medienstar wurde, zog "El Mencho" es vor, im Verborgenen zu bleiben. Bekannt wurde er durch eine mit Schimpfwörtern gespickte Aufnahme, die in den sozialen Medien veröffentlicht wurde und in der er Sicherheitskräften drohte.
Oseguera war auch dafür bekannt, spektakulären Gefangennahmen zu entgehen. Im Mai 2015 versuchten mexikanische Streitkräfte, ihn einzukesseln. Daraufhin schossen seine Handlanger einen Militärhubschrauber ab, um ihrem Boss Zeit zur Flucht zu verhelfen. In einem Zeitraum von sechs Wochen tötete seine Bande im selben Jahr zwei Dutzend Polizisten im Westen Mexikos - eine Warnung an die Behörden.
Oseguera wurde 1966 in einem armen Dorf in den Bergen des westlichen Bundesstaates Michoacán geboren. Dort konkurriert der Anbau von Schlafmohn und Marihuana seit Jahrzehnten mit der Avocadozucht. Als Junge arbeitete er auf den Feldern und suchte später in den USA sein Glück, wo er laut Staatsanwaltschaft in den Heroinhandel einstieg. Nach einigen Jahren wurde er verhaftet und verbüßte eine Haftstrafe in einem US-Gefängnis.
Im Anschluss wurde er nach Mexiko abgeschoben, wo er der Polizei beitrat, bevor er sich dem Milenio-Kartell, einem Ableger des Sinaloa-Kartells, anschloss. Schließlich stieg er nach Einsätzen als Auftragskiller zu einem der obersten Handlanger auf.
Nach einem gescheiterten Versuch, das Milenio-Kartell zu übernehmen, ging er eigene Wege: zunächst erklärte er Sinaloa den Krieg und gründete 2009 das CJNG im Bündnis mit einer lokalen Bande von Geldwäschern, aus der auch seine Ehefrau Rosalinda González Valencia stammt. Das Kartell ist nach dem westlichen Bundesstaat Jalisco benannt, in dem sich auch die zweitgrößte Stadt Mexikos befindet, Guadalajara.
Das CJNG verband Drogenhandel und Wohltätigkeitsarbeit nach Art des Sinaloa-Kartells mit den extrem gewalttätigen Methoden des Zeta-Kartells, das bekannt für seine paramilitärischen Taktiken ist. Jahrelang bestach Oseguera Polizisten, um in Jalisco nahezu ungestraft agieren zu können. Schutz suchte er aber auch bei Politikern. Mit der Verteilung von Lebensmittelpaketen versuchte seine Organisation, Rückhalt in den ärmeren Teilen der Bevölkerung zu gewinnen.
Am Ende brachte eine Geliebte die Ermittler auf seine Spur. Laut Verteidigungsminister Ricardo Trevilla Trejo konnte ein Vertrauter der Frau vom mexikanischen Geheimdienst ausgemacht werden. Der Mann brachte sie am Freitag zu einem Haus in der Stadt Tapalpa, wo sie sich mit dem Drogenboss traf. Nachdem die Frau und der Mann das Gebäude am Samstag verlassen hatten, griffen die Einsatzkräfte einen Tag später zu.
"El Mencho" sei es zunächst gelungen, mit einigen Leibwächtern in ein Waldgebiet zu fliehen, so der Minister. Sicherheitskräfte hätten die Gruppe aber umstellt. Schwer verletzt sei der Drogenboss später in Gewahrsam auf dem Weg nach Mexiko-Stadt gestorben.