Panorama

Ein Sexvideo, Cybermobbing, Suizid Der tragische Fall einer jungen Italienerin

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Tiziana Cantone konnte die Häme nicht mehr ertragen. Sie beging diese Woche Selbstmord.

(Foto: dpa)

Tiziana Cantone erhängt sich, nachdem ein Sexvideo von ihr im Internet kursiert und sie öffentlich zur Schau gestellt wird. In Italien löst ihr Tod eine Debatte über Machos, Frauenrollen und offenen Sexismus aus.

Monatelang hatte sie gekämpft, am Ende sah Tiziana Cantone keinen Ausweg mehr. Die 31-Jährige erhängte sich in der Wohnung ihrer Eltern, verzweifelt und völlig am Ende. Ein Sexvideo von der jungen Frau war gegen ihren Willen im Internet veröffentlicht worden und hatte sich rasend schnell verbreitet. Den Spott und die Häme ertrug die Italienerin am Ende nicht mehr.

Selbst eine Klage vor Gericht und ein neuer Name halfen Tiziana nicht, aus ihrem Alptraum zu entkommen. Der Tod der jungen Frau aus der Nähe von Neapel wird in Italien seit Tagen hitzig diskutiert und löste eine erneute Debatte über das Bild von Frauen und Sexismus aus. "Tiziana ist nicht wegen ihrer Leichtsinnigkeit gestorben oder wegen etwas, was sie getan hat, sondern weil das Verhältnis zur Sexualität in Italien unglaublich krankhaft ist", kritisierte der Autor Roberto Saviano. Die Frau, die Spaß am Sex hat, ist eine Prostituierte, der Mann ist "ein Guter"."

In der Kritik steht auch die italienische Gesellschaft, in der noch immer oft Männer und Machos dominieren und Frauen es schwer haben. "Die Frau ist Opfer einer Gesellschaft, in der eine sexistische Mentalität herrscht, die die Frauen dauerhaften Schikanen aussetzt, vor allem wenn es um Verhalten geht, dass mit Sexualität zu tun hat", urteilte Antonella Bozzaotra, Präsidentin der Psychologenvereinigung in Kampanien. "Das ist eine Mentalität, die in unserem Land und generell in der westlichen Welt immer noch sehr verbreitet ist."

Bilder in italienischen Medien zeigen Tiziana als junge, hübsche und lebenslustige Frau. "Meine Tochter hat das nicht verdient, sie hat niemals jemanden betrogen", sagte ihre Mutter. Die im Internet kursierenden Sexvideos wurden tausendfach angeklickt. Vor allem ihr Ausspruch "Machst du ein Video? Gut so" wurde anschließend parodiert und sogar auf Tassen, T-Shirts oder Schlüsselanhänger gedruckt.

Ermittlungen wegen Anstiftung zum Suizid

Verzweifelt versuchte die junge Frau vor der öffentlichen Hetze zu fliehen, verklagte die Netzwerke, in denen das Video veröffentlicht worden war. Zwar gaben die Richter ihr Recht, doch die junge Frau wurde dazu verurteilt, die Prozesskosten in Höhe von 20.000 Euro zu zahlen. Und die öffentliche Häme hörte nicht auf. Gegen vier Männer, die die Videos im Internet verbreitet haben sollen, laufen nun Ermittlungen wegen Anstiftung zum Suizid. Das Video hatte Tiziana selbst privat verschickt - dass es veröffentlicht wurde, wusste sie nicht.

"Ich glaube, dass die Online-Giganten alle Möglichkeiten hätten, etwas dagegen zu unternehmen, aber es ist noch nicht der klare Wille zu sehen", sagte Tonino Cantelmi, Professor für Cyber-Psychologie an der Universität Rom, der Nachrichtenagentur Ansa. "Man muss dieser Diktatur die Macht entziehen." Ein Facebook-Sprecher in Italien betonte, die Videos seien nicht über das Netzwerk verbreitet worden. Zahlreiche Politiker fordern nun Konsequenzen aus dem Selbstmord der jungen Frau.

"Dieser Fall zeigt, wie notwendig es ist, die Bemühungen zur Prävention und Ausbildung für den verantwortungsvollen Gebrauch des Internets zu verstärken", forderte die Parlamentspräsidentin Laura Boldrini, die selbst oft frauenfeindlichen Attacken ausgesetzt ist. Rufe nach einem Gesetz gegen Cybermobbing und mehr Initiativen, um Jugendliche für Gefahren zu sensibilisieren, werden laut.

Tiziana helfen diese Initiativen nicht mehr. So groß vorher der öffentliche Spott war, so überwältigend ist nun die Anteilnahme nach ihrem Tod. Dutzende Menschen nahmen in Casalnuovo bei Neapel mit weißen Herz-Luftballons Abschied von der jungen Frau. Ihre Angehörigen fordern wenigstens jetzt Privatsphäre und Ruhe für Tiziana: "Schluss mit dem Pranger. Wir wollen Gerechtigkeit."

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Quelle: ntv.de, Miriam Schmidt, dpa