Panorama

Experte Ulrichs im Interview "Derzeit wird gar nichts richtig gemacht"

Die Zahlen der Neuinfektionen sind hoch. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Denn selbst wenn jetzt die Notbremse in Kraft tritt, würde es noch zwei Wochen dauern, bis die Zahlen wieder nach unten gehen, wie Epidemiologe Timo Ulrichs erklärt. Er warnt: "Wir laufen sehenden Auges in eine sehr hohe dritte Welle rein."

ntv: Gestern gab es vom Leiter des Robert-Koch-Instituts wieder sehr emotionale und eindringliche Warnungen, man müsse jetzt handeln und die Notbremse ziehen. Wie schätzen Sie das ein?

Timo Ulrichs: Das ist völlig richtig. Eigentlich ist es schon seit Wochen so, dass man eindringlich vor den Zahlen warnt, die mittlerweile eintreffen. Die hohen Bettenbelegungen auf den Intensivstationen sprechen schon für sich. Nach diesem Zurechtruckeln der Zahlen über die Osterfeiertage und dem Zeitverzug haben wir immer noch keine Entwarnung. Ganz im Gegenteil: Es geht mit den Zahlen weiter nach oben. Bis diese nach unten gehen, dauert es nochmal 10 bis 14 Tage. Wir sind mit den Zahlen der Neuinfizierten jetzt schon so hoch wie beim Peak der zweiten Welle. Das heißt, wenn wir jetzt die Notbremse ziehen würden, dann würde es noch bis zu zwei Wochen dauern und weiter nach oben gehen, bis wir den Turnaround schaffen. Das ist wirklich sehr bedauerlich.

Modellierer haben errechnet, dass Deutschland, wenn die Notbremse am kommenden Montag gezogen wird, eine 7-Tage-Inzidenz über 200 haben wird. Wenn wir noch eine Woche warten, liegt sie über 300. Geht es tatsächlich so schnell nach oben?

Ja, das sind die Gesetze des exponentiellen Wachstums. Das war eigentlich auch schon vorher klar, sogar schon vor der zweiten Welle. Aber es dauert eben immer eine Weile, bis sich das bei den politischen Entscheidungsträgern wirklich durchgesetzt hat. Derzeit wird gar nichts richtig gemacht, das ist wirklich die schlechteste aller Optionen. Das heißt: Wir laufen sehenden Auges in eine sehr hohe dritte Welle rein.

Ausgangssperren werden immer sehr kontrovers diskutiert. Denken Sie, es kann irgendwelche Ausnahmen davon geben, oder brauchen wir die wirklich, also auch für Abendspaziergänge oder Sport?

Die Tatsache, dass wir so lange gewartet haben mit diesen verschärften Maßnahmen, und sie jetzt ja immer noch nicht einsetzen, bringt uns in ein Dilemma, gerade bei den Ausgangssperren. Wir kommen langsam in den Frühling, wo die Menschen gerne rausgehen wollen und wo das auch gut ist, um die Kontakte zu reduzieren, weil an der frischen Luft die Übertragungswahrscheinlichkeit sehr viel geringer ist als in Räumen. Gleichzeitig müssen wir aber dafür Sorge tragen, dass diese hohen Temperaturen nicht dazu führen, dass man sich draußen in größeren Gruppen trifft, die dann wiederum das Risiko haben, dass das Virus da zirkulieren kann. Das alles zusammengenommen ist sehr kritisch. Deswegen würde man bei Ausgangssperren eher darauf achten, dass es in Ballungsräumen nicht dazu führt, dass Menschen sich treffen, die sich sonst in den Haushalten nicht treffen würden. Aber Spaziergänge und diese Dinge an der frischen Luft, mit größeren Abständen, das ist ja eigentlich eine sehr sinnvolle Sache.

Zum Thema Impfen: Der Pfizer-Chef sagt, dass beim Biontech-Impfstoff eine dritte Impfung benötigt wird, vielleicht sogar jährlich eine Auffrischung. Warum ist das nötig?

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Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Das müssen wir erst mal abwarten. Zurzeit ist die Impfabdeckung bei allen zugelassenen Impfstoffen immer noch sehr gut, von einigen Varianten mal abgesehen. Wir werden in der Fläche eine Grundimmunität in die Bevölkerung bekommen, und das nicht nur in Deutschland, sondern überall da, wo geimpft wird. Das drängt das Virus erstmal stark zurück, dann muss man abwarten, wie sich das ganze weiterentwickelt. Das hängt auch davon ab, wie wir es schaffen, auch in den ärmeren Ländern im globalen Süden zu impfen, damit das Virus nicht noch die Gelegenheit bekommt, sich noch stärker zu verändern. Sollte das der Fall sein, dann müsste man überlegen, ob man Updates macht. Das ist bei den mRNA-basierten Impfstoffen ziemlich leicht möglich.

Es gibt Meldungen aus Altersheimen im Bergischen Land und auch aus Bayern, wo sich Bewohner, die schon zweimal geimpft worden sind, trotzdem wieder infiziert haben. Ist das eine besorgniserregende Meldung?

Es kann sein, dass bei besonders alten Menschen das jeweilige Immunsystem nicht mehr so gut einen Schutz aufbaut. Dass es also immer noch zu einem Durchbruch einer Infektion kommen kann. Man muss beobachten, ob die Infizierten auch wirklich erkranken. Ich gehe davon aus, dass das eigentlich nicht der Fall sein wird. Wir hatten solche Fälle ja auch schon nach der ersten Impfung in verschiedenen Altersheimen. Da sind zwar Infektionen aufgetreten, aber eben keine Covid-19-Erkrankungen.

Das ist doch eigentlich das, was man erreichen will: Dass die Impfung vor schweren Krankheitsverläufen, überhaupt vor Krankheitsverläufen schützt.

Das ist richtig, aber hier besteht die Gefahr, dass wir zwar die Erkrankungen verhindern können, aber nicht die Weitergabe des Virus. Das ist hier noch nicht gegeben. Wir sehen zwar Infektionen, aber müssen eben schauen, ob die auch weitergegeben werden können. Das ist das Entscheidende. Die epidemiologischen Daten in den Ländern, wo schon geimpft worden ist, sprechen eine andere Sprache: Dass die Weitergabe des Virus dann stark unterbunden wird. Wir gehen davon aus, dass das auch in Deutschland der Fall sein wird, und dass wir mit der Flächendurchimpfung die Pandemie beenden werden.

Laut Zentralinstitut der Kassenärztlichen Vereinigung hier in Berlin liegen derzeit vier Millionen Impfdosen, die nicht verimpft werden, einfach so rum. Wie kommt dieser Stau zustande?

Das ist schon wesentlich weniger geworden, da sich die Hausarztpraxen daran beteiligen. Wir haben jetzt eine sehr gute Impfquote pro Tag und sind plötzlich auch ganz vorn mit dabei im Vergleich der EU-Länder. Das ist schon mal ganz schön. Dass immer noch Dosen zurückgehalten werden, hängt mit einigen der Impfstoffkandidaten zusammen, damit man sicher sein kann, ihnen auch die zweite Impfung geben zu können.

Muss man da nicht pragmatischer vorgehen?

Das ist eigentlich alles im Rahmen. Wir nähern uns jetzt allmählich einer Impfquote von bis zu einer Million Impfungen pro Tag. Das ist eine gute Steigerung und auch absolut notwendig, damit wir tatsächlich mit dem Impfen vorankommen und bis zum Sommer damit durch sind.

Eine Frage noch zu den Nebenwirkungen. Bezeichnenderweise in Oxford, wo Astrazeneca entwickelt wurde, ist eine Studie aufgetaucht, nach der es diese gefährlichen Thrombosen nicht nur bei Astrazeneca gibt, sondern auch bei mRNA-Impfstoffen, zum Beispiel von Biontech und Pfizer. Was ist da dran?

Das ist eigentlich mehr oder weniger zu erwarten. Letztlich ist ja nicht die Art und Weise, wie die Information des Impfstoffs in den Körper gelangt - also entweder über die mRNA oder durch das Vektor-Virus - das Entscheidende, sondern wie das Immunsystem auf die Coronavirus-Antigene reagiert. Da gibt es eben in sehr seltenen Fällen solche Autoantikörper gegen die Blutplättchen, es bilden sich Cluster, und es kommt zu Gerinnseln. Deshalb könnte man erwarten, dass das auch bei den mRNA-Impfstoffen auftaucht. Das muss jetzt genau untersucht werden, denn es ist noch immer nicht ganz klar, wie das im Detail funktioniert. Klar ist aber, dass man, wenn typische Symptome auftreten, diese auch stringent behandeln kann.

Mit Timo Ullrichs sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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