Politik

Regionen ohne freie Betten Wieler rät Kliniken, Regelbetrieb einzuschränken

Die Corona-Zahlen steigen, die Lage auf den Intensivstationen spitzt sich dramatisch zu. Gesundheitsminister Spahn fordert die Bundesländer zum Handeln auf - noch bevor die Notbremse nächste Woche per Bundesgesetz beschlossen werden soll. RKI-Chef Wieler rät Kliniken, Patienten zu verlegen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angesichts weiter steigender Corona-Zahlen zusätzliche Maßnahmen angemahnt und die Länder aufgefordert, nicht auf die geplante "Bundes-Notbremse" zu warten. "Jeder Tag zählt gerade in dieser schwierigen Lage", sagte der CDU-Politiker bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler.

Spahn rief dazu auf, Warnungen der Intensivmediziner ernst zu nehmen. Hauptziel bleibe, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. "Das, was wir jetzt möglicherweise versäumen, rächt sich in zwei, drei Wochen. Genauso wie sich jetzt rächt, was vor zwei, drei Wochen nicht entschieden wurde." Impfen und Testen reichten nicht, um die dritte Welle zu brechen, sagte Spahn. Es brauche entschiedenes Handeln und weitere Einschränkungen.

Der Gesundheitsminister appellierte "auch an die Länder". "Es ist gut, dass wir mit der Notbremse per Bundesgesetz bald eine einheitliche und nachvollziehbare Regelung haben, aber wir sollten nicht darauf warten, bis der Bundestag dieses Gesetz nächste Woche beschlossen hat." Die Zeit dränge. Bereits jetzt hätten alle die Möglichkeit, zu handeln. "Man muss nicht auf dieses Bundesgesetz warten."

Kliniken sollen Regelbetrieb einschränken

RKI-Chef Wieler hat politische Entscheidungsträger eindringlich aufgefordert, die dritte Welle in der Pandemie zu brechen. "Wir müssen die Zahlen runterbringen. Es ist naiv zu glauben, das Virus wegtesten zu können. Das funktioniert nicht", sagte er. Dazu seien Verordnungen, wirksame Strategien und konsequente Umsetzungen nötig. "Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich teilweise dramatisch zu und wird uns auch noch härter treffen als in der zweiten Welle. Wir müssen jetzt handeln."

Wieler riet allen Kliniken, ihren Regelbetrieb einzuschränken, um Kapazitäten zur Behandlung von schwer kranken Patienten zu schonen. Es gebe jetzt schon in einigen Städten und Ballungsgebieten auf den Intensivstationen keine freien Betten mehr. "Und das ist eine Situation, in der wir mit mehr Patienten rechnen müssen." Stabile Kranke sollten deshalb aus Regionen mit akutem Bettenmangel rechtzeitig in weniger betroffene Regionen verlegt werden.

Wegen der Schwere der Erkrankungen würden auf den Intensivstationen immer mehr künstliche Lungen benötigt, sagte der RKI-Präsident. Acht von zehn Geräten seien mit Covid-Patienten belegt. Darunter seien inzwischen auch viele jüngere Erwachsene. Es gebe zwar Fortschritte beim Impfen, aber viele Menschen müssten noch mehrere Monate oder länger auf ihre Impfung warten, auch Kinder. Die meisten Neuerkrankungen gebe es nun bei den 15- bis 49-Jährigen. Und: "Die Todeszahlen gehen nicht mehr zurück."

Nur Hälfte der PCR-Testkapazitäten genutzt

Auch nach dem Überstehen der Krankheit sei das Leiden nicht immer vorbei, berichtete Wieler. Einer von zehn Genesenen leide noch Wochen oder Monate nach der Genesung an Langzeitfolgen. Die Fallzahlen nähmen nicht zu, weil mehr getestet werde, betonte der Wissenschaftler. Es gebe 12 Prozent positive PCR-Tests, aber nur die Hälfte der Kapazität werde überhaupt ausgeschöpft.

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Wieler verglich die aktuelle Pandemielage mit einem Bild: "Stellen Sie sich vor, Sie fahren über enge Straßen in den Dolomiten. Es ist kurvenreich und an einer Seite ist ein steiler Abhang. Jeder weiß, in diese Kurve kann ich nur mit 30 fahren. Wenn ich hier mit einer Geschwindigkeit von 100 reinfahre, dann ist das lebensgefährlich. Man kommt nämlich von der Straße ab. Und ehrlich gesagt hilft dann auch keine Notbremse mehr."

Sowohl Wieler als auch Spahn kritisierten den geplanten Stopp von Präsenzunterricht ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200 als unzureichend. "Aus meiner Sicht ist die 200er-Grenze zu hoch", sagte Wieler. Je höher man die Schwelle setze, desto mehr Kinder werde man wegen Infektionen aus den Klassen nehmen und desto mehr ganze Klassen werde man zu Hause lassen müssen. Spahn sagte mit Blick auf die vorherrschende, als britische Mutation bekannte Virusvariante: "Gerade bei den Schulen, gerade mit den Erfahrungen, die wir mit dieser Mutation haben, kann ich mir auch deutlich früher als bei 200 diese Maßnahmen vorstellen - unbedingt."

Quelle: ntv.de, chf/dpa

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