Panorama

Vermisstenfall mit Fragezeichen Deutsche Ermittler taktieren mit Maddies Tod

imago0069195442h.jpg

Regelmäßg finden Gedenkgottesdiente für Madeleine statt.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Seit 13 Jahren ist Madeleine McCann vermisst, daran hat sich auch nach der Festlegung auf einen Tatverdächtigen nichts geändert. Trotzdem gehen die deutschen Ermittler davon aus, dass das Mädchen tot ist. Warum?

Die Nachricht der deutschen Ermittlungsbehörden klingt nach einer Sensation: Es gibt einen Tatverdächtigen im Vermisstenfall Madeleine McCann. Der Braunschweiger Staatsanwalt Hans Christian Wolters geht sogar noch weiter. Er teilt mit, dass man davon ausgehe, dass die bei ihrem Verschwinden Dreijährige tot sei. Gegen den Verdächtigen Christian B. werde deshalb wegen Mordes ermittelt.

Diese Festlegung der Deutschen in diesem heiklen Punkt führt zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen deutschen und britischen Ermittlern. Dieser wird auch in britischen Medien ausgetragen, denn anders als die deutschen Ermittler geht Scotland Yard weiter von einem Vermisstenfall aus. "Es gibt keinen endgültigen Beweis, dass Madeleine noch lebt oder tot ist", sagte ein Polizeisprecher in London als erste Reaktion auf die Nachrichten aus Deutschland.

Die deutliche Unterscheidung ist dabei weit mehr als nur eine Formulierungsfrage. "Die Briten sind sehr entsetzt, dass die Deutschen ohne Leiche von einem Tötungsdelikt ausgehen", sagt der Münchener Strafverteidiger Alexander Stevens ntv.de. Aus seiner Sicht lasse sich derzeit "allenfalls eine Entführung nachweisen". Für ein Tötungsdelikt fehle definitiv die Leiche oder anderes eindeutiges Beweismaterial.

Denn selbst nach so vielen Jahren ist keineswegs ausgeschlossen, dass Madeleine, die in einem Portugal-Urlaub mit ihren Eltern verschwand, noch lebt. Tatsächlich tauchen die meisten Vermissten wieder auf. Laut BKA-Statistik sind nach einem Monat 50 Prozent der Vermissten, zu denen auch Entführte gezählt werden, wieder da, nach einem Jahr 97 Prozent. Aber auch nach vielen Jahren gibt es Fälle, wo vermisste Menschen einfach wieder auftauchen oder ihnen die Flucht gelingt: Natascha Kampusch oder auch die Tochter von Josef Fritzl sind zwei Beispiele.

Hoffen auf die Öffentlichkeit

Ermittlungstaktisch ist die Annahme der deutschen BKA-Experten legitim, ob man solche Vermutungen öffentlich aussprechen sollte, ist eine andere Frage. Der Gedanke dahinter könnte sein, dass die Angehörigen mit ihrer Trauerarbeit beginnen können. "Aber auch da ist es natürlich leichter, wenn man wirklich sagen kann, wir haben eine Leiche gefunden und müssen ihnen leider sagen, dass ihre Tochter tot ist", wendet Strafverteidiger Stevens ein.

Gerade die Tatsache, dass Madeleine McCann auch 13 Jahre nach ihrem Verschwinden weder tot noch lebendig gefunden wurde, könnte die deutschen Ermittler aber zu ihrer öffentlichkeitswirksamen Aktion ermutigt haben. Denn auch sie wissen um die Medienträchtigkeit des Falls. Die Eltern der verschwundenen Madeleine, Kate und Gerry McCann, haben in all den Jahren nichts unversucht gelassen, ihre Tochter vor dem Vergessen zu bewahren. Zu Geburts- und Jahrestagen erinnern sie regelmäßig daran, dass noch immer vollkommen unklar ist, was Madeleine widerfahren ist. "Sie haben nie die Hoffnung aufgegeben, dass ihre Tochter lebend gefunden wird", sagte ein Freund der Eltern der BBC nach den überraschenden Neuigkeiten aus Deutschland.

Aber warum gehen die Ermittler mit ihrem Wissen zu diesem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit und legen sich auf einen Tatverdächtigen und die Todesannahme fest? Möglicherweise besteht nach Jahren der Puzzlearbeit jetzt eine echte Chance, den Fall aufzuklären. Die erneute intensive Darstellung der bisherigen Erkenntnisse könnte auf Zeugen, Mitwisser oder einen möglichen Täter emotionalen Druck ausüben. Auch Stevens betont, dass vermeintlich "perfekte Verbrechen" auffliegen, weil in die Tat verwickelte Personen durch ihr schlechtes Gewissen nicht zur Ruhe kommen.

Viele Puzzlesteine, noch mehr Lücken

Bisher hat sich Christian B. nicht zu den Vorwürfen geäußert, sagte sein Verteidiger Friedrich Fülscher RTL/ntv. Die Ermittler haben vor allem zahlreiche Indizien, die auf B. als möglichen Täter hindeuten. Der Mann lebte jahrelang an der Algarve und jobbte auch in Praia da Luz, wo Madeleine verschwand. Das Haus, in dem er zum Tatzeitpunkt wohnte, ist nur wenige Gehminuten von der Apartmentanlage entfernt, in der die Familie McCann Urlaub machte. B. hatte verschiedene Fahrzeuge zur Verfügung, die ihm die Verschleppung des Kindes erleichtert haben könnten. Außerdem belegen Handydaten, dass zum Zeitpunkt von Madeleines Verschwinden ganz in der Nähe von einem Handy aus telefoniert wurde, das die Ermittler ihm zuordnen.

Mit weiteren Einzelheiten hielten sich BKA-Ermittler Christian Hoppe und Staatsanwalt Wolters aus "ermittlungstaktischen Gründen" zurück. Für eine Mordermittlung brauche man schon gewichtige Indizien, betont jedoch Strafverteidiger Stevens. Ob die Puzzlesteine, die die Ermittler bislang gegen Christian B. zusammengetragen haben, ausreichend schwerwiegend sind, lässt sich kaum beurteilen. Für eine sichere Verurteilung braucht man Beweise, aus denen sich direkt die Schuld ableiten lässt, "also eine Videoaufnahme von der Tat oder ein Zeuge, der alles gesehen hat", erläutert Stevens. Gebe es nur Indizien wie DNA-Spuren, Fingerabdrücke oder Handydaten, müssten diese "durchgreifend überzeugend sein", um darauf ein Urteil zu stützen. Auf Nachfragen teilte die Braunschweiger Staatsanwaltschaft mit: "Es besteht ein beweisgestützter Verdacht. Das ist das Ergebnis der bisherigen Ermittlungen. Ein forensischer Beweis für den Tod des Mädchens liegt uns allerdings nicht vor." Worum es sich bei diesem "beweisgestützten Verdacht" genau handelt, darüber schweigen die Ermittler.

Prozess wäre in Deutschland

Käme es zu einem Prozess gegen Christian B., würde dieser in Deutschland stattfinden, auch wenn das Opfer britische Staatsbürgerin war und der Tatort in Portugal liegt. Wegen des Brexit gibt es jedoch kein Auslieferungsabkommen mit Großbritannien, in Portugal wäre eine erwartbare Strafe höher als in Deutschland. Deshalb dürfte B. nicht ausgeliefert werden. Deutsche Richter sind frei in ihrer Bewertung der vorgelegten Beweise und Indizien. Strafverteidiger Stevens sieht darin eine Schwäche beispielsweise gegenüber dem britischen System, in dem die sogenannte Jury, die mit Laien-Schöffen besetzt ist, von der Schuld eines Angeklagten überzeugt werden muss.

Für den Tatverdächtigen Christian B. wäre es nicht der erste Prozess, in dem er sich verantworten müsste. Er ist mehrfach vorbestraft, darunter auch wegen Sexualdelikten an Kindern. Derzeit sitzt der 43-Jährige in Kiel eine alte Haftstrafe ab, die das Amtsgericht Niebüll bereits 2011 wegen Drogenhandels gegen ihn verhängt hatte. B. hat einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt, über den aber noch nicht entscheiden wurde. Eine weitere Verurteilung zu sieben Jahren Haft für die Vergewaltigung einer 72-jährigen US-Amerikanerin in Portugal ist noch nicht rechtskräftig. B.s Anwälte hatten gegen das Urteil Revision eingelegt. Solange das Urteil keine Rechtskraft hat, gilt B. in diesem Fall als unschuldig.

Denkbar ist, dass sich die deutschen Ermittler auf Madeleines Tod festlegten, um ihre Untersuchungen entscheidend voranzutreiben, bevor sie den Verdächtigen durch eine Haftentlassung auf Bewährung aus den Augen verlieren. "Man könnte sagen, man hat nicht mehr viel Zeit und geht deshalb massiv an die Öffentlichkeit und appelliert damit auch an die Entscheidungsträger, ihn nicht rauszulassen", mutmaßt Stevens.

Die Doku "Der Fall Maddie - Haben sie jetzt endlich den Richtigen?" gibt es jetzt auf TVNow.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.