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Trauer, Lehren und Geld Die Folgen des Germanwings-Absturzes

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Inzwischen erinnert nichts mehr an die Trümmerwüste.

(Foto: dpa)

Ein dreiviertel Jahr ist vergangen, seit Flug 4U9525 in den französischen Alpen zerschellte. Für die Familien der Opfer ist der Schmerz noch immer unerträglich. Das Leben geht trotzdem weiter.

Wer zur Absturzstelle der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen möchte, muss einen Wanderweg nehmen, der rund 500 Meter von dem Ort Prads-Haute-Bléone entfernt verläuft. Seit Ende Oktober sind die Aufräumarbeiten dort beendet. Inzwischen erinnert nur noch eine für Einsatzfahrzeuge geschaffene provisorische Zugangsstraße an das Unglück vom 24. März.

Die Lufthansa, Mutterkonzern der Billigfluggesellschaft Germanwings, hat hier seit Ende Juli, das nach dem Absturz mit Kerosin und Öl verseuchte Gelände abgetragen. Rund 2000 Tonnen Erdreich wurden dafür mit Hubschraubern aus dem unwegsamen Gelände am Col de Mariaud abtransportiert, nachdem die Opfer geborgen waren. Spätestens zum ersten Jahrestag soll hier eine Gedenkstätte an den Absturz von Flug 4U9525 erinnern. Bisher gibt es einen Gedenkstein in Le Vernet, einige Kilometer entfernt. Hier sind auch auf dem Friedhof die sterblichen Überreste beigesetzt, die keinem Opfer zugeordnet werden konnten.

Eine gezeichnete Stadt

18 der 149 Opfer, 16 Schüler und zwei Lehrerinnen stammten aus Haltern am See. Die Zehntklässler waren auf dem Rückweg vom Schüleraustausch in Barcelona. Am Joseph-König-Gymnasium sei nichts mehr so wie es vorher war, sagte Schulleiter Ulrich Wessel am Tag nach dem Unglück. Wahrscheinlich stimmt der Satz immer noch. Inzwischen gedenkt die Schule mit einer großen stählernen Tafel ihrer Schüler und Lehrerinnen. In der Nähe wurden 18 Kirschbäume gepflanzt. In einem großen Windlicht daneben soll dauerhaft eine Kerze brennen.

Auf dem städtischen Friedhof am Stadtrand sind viele der Opfer beerdigt, fünf von ihnen ganz nah beieinander und dicht an einer weiteren begehbaren Gedenkstätte. Die von Hecken umsäumte Rasenfläche erinnert an ein Klassenzimmer, 16 Zierapfelbäume stehen für die toten Schülerinnen und Schüler, zwei extra stehende für die beiden Lehrerinnen. Auf dem Stein, der an ein Pult erinnert, sind die Namen der Toten eingraviert. "Jeden Morgen ist der gewaltsame Tod unserer Kinder unser erster Gedanke. Jeden Abend unser letzter", schrieben Angehörige der Opfer im Juli in einem offenen Brief.

Geld heilt keine Wunden

Zu den Toten des Germanwings-Absturzes gehört auch Andreas Lubitz, der depressive Co-Pilot, der die Maschine mit voller Absicht in das Bergmassiv steuerte. Lubitz war psychisch krank und fluguntauglich, was er seinem Arbeitgeber jedoch verschwieg. Den Piloten hatte er aus dem Cockpit ausgesperrt, um seinen tödlichen Plan in die Tat umsetzen zu können.

Inzwischen müssen immer mindestens zwei Personen im Cockpit sein. Nicht nur bei der Lufthansa, auch bei anderen europäischen Fluglinien. Im kommenden Jahr soll entschieden werden, ob es dabei bleibt. Die EU-Flugaufsicht Easa will außerdem erreichen, dass sich Besatzungsmitglieder in der Ausbildung genaueren psychologischen Tests unterziehen müssen. Im Gespräch sind zudem unangekündigte Alkohol- und Drogentests.

Im Juni wurde Lubitz in aller Stille in seiner Heimatstadt Montabaur beerdigt. Sein Grab soll nicht ohne weiteres zu finden sein. "Du bleibst in unseren Herzen. In Liebe", hatten seine Mutter und sein Vater dem toten Sohn auf ihrem Trauerkranz geschrieben. Sie sind wie alle Angehörigen der Absturz-Opfer noch mittendrin in der Trauerphase. Sie haben das Erbe ihres Sohnes ausgeschlagen, so wie auch alle anderen Verwandten.

Das hat auch mit den bisher ungeklärten Schadensersatzansprüchen zu tun. Die Lufthansa zahlte den Angehörigen pro Passagier bereits 50.000 Euro Soforthilfe. Außerdem sollen die nächsten Angehörigen jeweils 10.000 Euro Schmerzensgeld erhalten. Dazu kommt ein sogenanntes vererbbares Schmerzensgeld von 25.000 Euro pro Passagier. Es soll für die Todesangst entschädigen, die die Passagiere wohl in den letzten Minuten an Bord empfunden haben. Hinzu kommen individuelle Schadensersatzzahlungen, die sich nach Verdienstausfällen und Unterhaltsansprüchen bemessen. Den Opfer-Anwälten ist das zu wenig. Man könnte sich in den USA vor Gericht wieder treffen.

Quelle: n-tv.de

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