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Lawinenunglück in Italien Die angekündigte Tragödie

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Ruine des Berghotels Rigopiano: Das Gebiet wurde bereits 1936 von einer Lawine überrollt.

(Foto: AP)

Das Lawinenunglück in Farindola beschäftigt Italiens Staatsanwälte. Schließlich gibt es einige Fragen: Wieso nahmen Behörden die Notrufe nicht ernst? Warum wurde das Hotel an einem Ort errichtet, an dem die Lawinengefahr extrem groß ist?

Die Rettungsmannschaften geben nicht auf und graben weiter, auch sieben Tage nach der Tragödie. Die Hoffnung, Überlebende aus den Trümmern des Berghotels Rigopiano in Farindola am Fuße des Gran-Sasso-Massivs zu bergen, schwindet von Stunde zu Stunde. Vor einer Woche wurde das Vier-Sterne-Resort von einer 120.000 Tonnen schweren Lawine verschüttet und etliche Meter verschoben. Zum tragischen Zeitpunkt waren 40 Menschen im Hotel. Mittlerweile sind 21 Leichen geborgen, elf Menschen, darunter vier Kinder, gerettet – acht Menschen werden noch vermisst.

Die Gäste im Rigopiano hatten das Beben gespürt, waren in Panik geraten, wollten so schnell wie möglich weg, doch meterhoher Schnee versperrte ihnen die Flucht. Die Telefonverbindungen waren unterbrochen, weswegen der Hotelmanager eine Mail mit einem dringenden Hilferuf an alle zuständigen Behörden geschickt hatte. Eine Antwort darauf kam nie.

Auch ein Anruf, nachdem die Lawine schon alles in Trümmer zerschlagen hatte, wurde von einer Beamtin in der Präfektur von Pescara nicht ernstgenommen. Der Koch des Rigopiano hatte über WhatsApp berichtet, was geschehen war. Die Beamtin wollte es nicht glauben, dachte nur an einen miesen Scherz.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft in beiden Fällen wegen fahrlässiger Tötung. Doch damit nicht genug. Denn angesichts der Lage des Hotels, die auch die Arbeit der Rettungsmannschaften unter erhöhtes Risiko stellt – die jetzige Lawinengefahr liegt, auf einer Gefahrenskala von 1 bis 5, auf Stufe 4 –, ergibt sich eine weitere Frage.

Einheimische sprechen auch vom "Wolfsmaul"

Wie konnte es sein, dass gleich am Fuße eines schluchtartigen Engtals dieses Hotel gebaut wurde? Denn das Risiko sei doch klar zu erkennen, hebt Professor Bernardino Chiaia vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in einem Interview mit dem Newsportal Tiscali hervor: "Man muss doch wissen, dass man in so einer Lage nicht bauen darf, denn da ist die Lawinengefahr um das Vielfache größer".

Gegen Naturgewalten ist man nie wirklich gewappnet, sagen Experten, schon gar nicht wenn diese, fast zeitgleich, als Erdbeben und als Lawine in Erscheinung treten. Wie eben an jenem dramatischen Mittwoch, als die Region um Amatrice, die allein im vergangenen Jahr von zwei verheerenden Erdbeben heimgesucht worden war, am späten Vormittag wieder unter mehreren starken Erdstößen erzitterte.

Die Alten in der Region erinnern sich noch an mehr: Seit 1936 eine ähnlich verheerende Lawine den Berg herunterrollte, nennen die Einheimischen den "Bocca di Lupo" auch "Wolfsmaul". Aber das steht in den Jahrbüchern der Gemeinde, und wer liest die schon? Auch die Tatsache, dass das Hotel auf der Geröllhalde der damaligen Lawine errichtet wurde, wie die Tagezeitung "La Stampa" schreibt, hatte man übersehen. Die Frage, die sich jetzt stellt und Bestand einer weiteren Ermittlung ist, lautet also: Hätte das Luxushotel überhaupt dort gebaut werden dürfen?

Dubioser Grundstückskauf

Es ist nicht das erste Mal, dass die Anschuldigungen gegen das Berghotel Rigopiano erhoben werden. Ein früheres Verfahren wurde erst im November abgeschlossen. In jenem Fall ermittelte man wegen des Verdachts "unrechtmäßiger Bautätigkeiten und Korruption".

Wie die Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano" berichtet, stand dort, wo sich bis vor einer Woche das Resort Rigopiano befand, einst eine Berghütte, später ein schlichtes Berghotel. 2007 beschlossen die Cousins Marco und Roberto Del Rosso, mehr daraus zu machen. Die Lage war optimal: weit und breit nur grüne Weiden, ein Teil davon sogar Naturpark – perfekt, um daraus ein Vier-Sterne-Resort zu machen.

Das Unternehmen Del Rosso wurde nach einem Konkursverfahren an das Gran Sasso Resort verkauft. Das Verfahren gegen die Cousins, zwei Bürgermeister und mehrere Gemeinderäte begann 2013. Der Vorwurf: Die Del Rossos hatten die nötige Fläche für den Ausbau einfach besetzt, weil es sowieso nur Weideland für die Tiere im Sommer war. Dafür wurden sie zwar von der Gemeinde Farindola zur Rechenschaft gezogen, konnten sich aber dank Schmiergeldern freikaufen.

Die Gemeinderäte ließen im September 2008 Milde walten und kassierten dafür finanzielle Unterstützung ihrer Partei, Partito Democratico, so die Anklage der Staatsanwälte. Doch handfeste Beweise dazu konnte man nicht finden. Und so lautete das Urteil nach drei Jahren: "Freispruch" für alle. Die Gemeinde Farindola war darüber so erfreut, dass sie das Urteil auf Plakate drucken ließ. Einige davon hängen noch heute in der Ortschaft – verschont von jeder Lawine.

Quelle: n-tv.de

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