Panorama

Der Alptraum, der nicht vergeht Die monströsen Taten des Marc Dutroux

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Dutroux gilt als Psychopath ohne jedes Mitgefühl für seine Opfer.

Er verschleppt seine Opfer, betäubt und vergewaltigt sie, lässt sie verhungern oder begräbt sie bei lebendigem Leib. Monatelang kommen die Behörden Marc Dutroux nicht auf die Spur. Auch nach 20 Jahren sind die Taten für Belgien ein Alptraum.

Am 13. August 1996 verhaftet die belgische Polizei den zu diesem Zeitpunkt 39-jährigen Marc Dutroux. Der arbeitslose Elektriker ist für die Behörden kein Unbekannter, er war bereits wegen Autodiebstählen, Überfällen und Drogendelikten aktenkundig. Außerdem saß er wegen der Entführung und des Missbrauchs von jungen Frauen mehrere Jahre im Gefängnis. Doch diesmal geht es um Taten, die Belgien noch Jahrzehnte später beschäftigen werden.

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In diesem verwahrlosten Haus hält Dutroux die Mädchen gefangen.

(Foto: dpa)

Im Juni 1995 waren die 8-jährigen Freundinnen Melissa Russo und Julie Lejeune verschwunden. Dutroux gehörte von Anfang an zu den Verdächtigen, aber 14 lange Monate bleibt er weitgehend unbehelligt. Die Mädchen verhungern im Keller von Dutroux' Haus, während er wegen eines Diebstahls im Gefängnis sitzt. Dutroux' Ehefrau Michelle Martin füttert zwar die Hunde, kümmert sich aber nicht um die Kinder. Als Dutroux freikommt, ist eines der beiden Mädchen bereits tot, das andere stirbt unmittelbar danach.

Im August 1995 verschwinden die Freundinnen An Marchal und Eefje Lambrecks. Die 17- und die 19-Jährige machen mit Freunden zusammen Urlaub, sie gehen abends aus und kehren nie mehr zurück. Dutroux und sein Komplize Michel Lelièvre nehmen sie wohl als Anhalterinnen mit. Die jungen Mädchen werden zunächst in Dutroux' Haus in Marcinelle festgehalten, unter Schlaf- und Beruhigungsmittel gesetzt und immer wieder von Dutroux, Lelièvre und dem dritten Komplizen Bernard Weinstein vergewaltigt. Nach gescheiterten Fluchtversuchen sind sie an ihre Betten gekettet. Anfang September werden sie schließlich nach Jumet, in das Haus von Weinstein gebracht, wo sie sterben. Eefje verhungert wahrscheinlich, Ans Leiche wird mit einer Plastiktüte über dem Kopf gefunden, möglicherweise wurde sie erstickt.

Wettlauf gegen die Zeit

Noch immer sieht die Polizei nicht das Muster des Serientäters hinter den Entführungen. Die Eltern, die in Eigeninitiative das ganze Land mit den Bildern ihrer verschwundenen Kinder plakatieren, nerven die Behörden. Inzwischen hat Dutroux auch seinen Komplizen Weinstein ermordet, lebendig begraben in seinem Garten, weil er ihm lästig geworden war. Verschiedene Behörden ermitteln zwar, enthalten sich aber gegenseitig die gewonnenen Informationen vor. So versickert auch der Hinweis eines Informanten, dass Dutroux in einem seiner Häuser an "Kerkern für Kinder" baut. Ein Ermittler misst der Tatsache keine Bedeutung bei, dass er in Dutroux' Haus Kinderweinen hört.

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Dutroux bei einem Gerichtstermin 2013.

(Foto: REUTERS)

Am 28. Mai 1996 verschwindet die 12-jährige Sabine Dardenne, am 9. August die 14-jährige Laetitia Delhez. Unter dem wachsenden Druck der Öffentlichkeit handeln Staatsanwaltschaft und Untersuchungsrichter diesmal sofort. Noch in der Nacht werden Zeugen vernommen. Drei Tage später liefert ein Zeuge schließlich den entscheidenden Hinweis. Er hat "einen Renault Trafic mit einem Nummernschild, auf dem ganz bestimmt FRR stand und auch 69 oder 2 oder 7" stand, gesehen. Einen Tag darauf wird Dutroux unter dem Verdacht verhaftet, Laetitia Delhez entführt zu haben. Sein Auto hat das Nummernschild FRR 672. Auch sein Komplize Lelièvre wird festgenommen.

Zwei weitere Tage vergehen, bis Dutroux und Lelièvre die Polizei zu dem Kerker in Marcinelle führen. Sabine und Laetitia werden befreit. Sie sind nackt, unterernährt und vollkommen verängstigt, aber sie leben noch. Im Juni 2004 verurteilt das Schwurgericht von Arlon Dutroux zu lebenslanger Haft, Michelle Martins Urteil lautet: 30 Jahre Haft. Sie kommt im Sommer 2012 nach 16 Jahren frei und lebt zunächst in einem Kloster. Dutroux' Komplize Lelièvre wird zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Michel Nihoul, der Mann, der als Verbindungsmann zu verschiedenen Kinderschänder-Ringen gilt, muss wegen Drogen- und Menschenhandels lediglich fünf Jahre verbüßen.

Starke Überlebende

450.000 Seiten dick sind die Ermittlungsakten am Ende. Dutroux hat nur zugegeben, was ihm unzweifelhaft nachgewiesen werden kann. Stattdessen bezichtigt er abwechselnd Martin und Nihoul, sie seien die Drahtzieher gewesen, hätten die Mädchen bei ihm bestellt.

Dutroux hat seitdem mehrere Anläufe unternommen, um vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Bisher erfolglos. Sein früherer Anwalt Julien Pierre sagte gerade dem dem belgischen Magazin "Soir Mag", Dutroux habe in stillgelegten Bergwerksstollen unweit der früheren Bergarbeiterstadt Charleroi eine "unterirdische Stadt" für seine Opfer einrichten wollen. Sein Plan sei es gewesen, eine "riesige Zahl" von Kindern in seine Gewalt zu bringen.

Das Haus, in dem Dutroux die Mädchen gefangen hielt, soll schon seit langem abgerissen werden. Die Gemeinde hat es gekauft, doch vorläufig verfällt es nur. Laetitia Delhez lebt heute als Mutter von vier Kindern immer noch an dem Ort, von dem sie 1996 entführt wurde. Sabine Dardenne arbeitet in Brüssel für die Regierung. Ihr Anwalt beschreibt sie als starke Frau mit einem Partner, die es liebt zu reisen.

Polizeipannen, rivalisierende Behörden, gleichgültige und unfähige Ermittler trafen im Fall Dutroux auf moralisch degenerierte Menschen in einer verwahrlosten Gegend Belgiens. Das allein reichte schon für einen der spektakulärsten Kriminalfälle Belgiens. Es bedurfte gar keines Pädophilen-Netzwerkes, auch wenn die Fragen danach bis heute nicht verstummen.

Quelle: n-tv.de

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