Panorama

Inzidenzen teilweise unter 10 Die zehn Kreise mit den niedrigsten Fallzahlen

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Haben sich die Bewohner von Zweibrücken besonders vorbildlich an die AHA-Regeln gehalten? Die 7-Tage-Inzidenz jedenfalls liegt unter 10.

(Foto: dpa)

Die Covid-19-Situation ist in Deutschland höchst unterschiedlich. Während es in manchen Regionen 7-Tage-Inzidenzen über 200 gibt, zählen andere nur sehr wenige Neuansteckungen. In zehn Kreisen sind die Fallzahlen besonders niedrig, eine Stadt ist sogar fast schon coronafrei.

Wenn es heißt, bei Inzidenzen unter 35 könne es weiterreichende Lockerungen geben, scharren die Einwohner etlicher deutscher Landkreise wahrscheinlich schon ungeduldig mit den Hufen. Denn bundesweit gibt es schon 73 Regionen, die den Grenzwert unterschritten haben, etliche mit noch deutlich niedrigeren Fallzahlen. Die zehn Kreise mit den wenigsten Neuinfektionen haben fast alle Inzidenzen unter 20, eine Stadt nähert sich sogar schon der Null.

Die kreisfreie Stadt Kempten liegt mit einer Inzidenz von 20,2 auf Platz 10 der Regionen mit den niedrigsten Fallzahlen. Damit sticht sie heraus aus den sie umgebenden Landkreisen, die auch alle weniger als 50 Neuinfektionen im 7-Tage-Schnitt pro 100.000 Einwohner zählen. Kein Wunder, dass die Menschen dort schon ungeduldig sind. Am Samstag fand dem Portal all-in.de zufolge eine Demo mit rund 80 Teilnehmern statt, die die Wiedereröffnung von Gastronomiebetrieben, Friseursalons und Kleinbetrieben forderten.

Neun Kreise unter 20

Kusel in Rheinland-Pfalz ist einer von neun Kreisen, die die Inzidenz von 20 unterschritten haben, wenn auch mit 19,9 sehr knapp. Die Region zeigt, wie schwer es für Bundesländer wird, einheitliche Regelungen für Lockerungen zu finden. Denn an Kusel grenzen die Landkreise Birkenfeld und Neunkirchen, die beide noch mehr als 100 Neuinfektionen zählen. Würde für einen Stufenplan oder die grünen Zonen einer No-Covid-Strategie nach lokalen Situationen unterschieden, könnten in Kusel beispielsweise Einzelhändler schon öffnen, während sie im Nachbarkreis geschlossen blieben.

*Datenschutz

Trotz einer Inzidenz von 19,5 muss sich wohl auch Rotenburg (Wümme) in Niedersachsen gedulden, selbst wenn das Gefälle zu den Nachbarn wesentlich geringer ist. Der Landkreis ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich auch Regionen mit aktuell sehr niedrigen Inzidenzen noch nicht sicher fühlen können. Denn in Rotenburg sind in einem Betrieb Fälle der in Großbritannien entdeckten Virus-Mutante B.1.1.7 aufgetreten, Arbeiter einer anderen Firma im Kreis haben sich mit der aus Südafrika stammenden Variante B.1.351 angesteckt. Da die mutierten Sars-CoV-2-Ableger möglicherweise deutlich infektiöser sind, könnten bei einer Ausbreitung die Fallzahlen auch schnell wieder steigen.

Grenzen und Mutanten bereiten Sorgen

Ebenfalls in Niedersachsen befindet sich der Landkreis Lüchow-Dannenberg, der aktuell im 7-Tage-Zeitraum 18,6 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zählt. Er befindet sich quasi in einer Corona-Zwickmühle. Denn im Westen grenzt Lüchow-Dannenberg an Uelzen mit einer Inzidenz von 119,1, im Osten an den Brandenburger Landkreis Prignitz, der sogar Fallzahlen über 200 aufweist. Daher gibt es in Lüchow-Dannenberg auch keinen Grund, eine illegale Party zu feiern, wie sie die "Elbe-Jeetzel-Zeitung" vom vergangenen Wochenende meldet - selbst wenn nur acht Personen teilgenommen haben.

Viel weiter südlich befindet sich der oberbayerische Landkreis Neuburg-Schrobenhausen mit der Inzidenz 17,5. Zusammen mit den umliegenden Kreisen und weiteren in Bayerisch-Schwaben und im Allgäu bildet er eines der größten zusammenhängenden Gebiete Deutschlands mit einem durchschnittlichen Fallaufkommen unter 50, größtenteils auch schon unter 35.

Inzidenz ist nicht gleich Inzidenz

An dieser Region sieht man, dass Inzidenzwerte genauer betrachtet werden müssen. Denn im Frühjahr machte sie Schlagzeilen, weil mehrere Kreise die damalige Grenz-Inzidenz von 50 überschritten hatten. Der Grund dafür waren Ausbrüche auf Spargelhöfen. Sie waren also eindeutig begrenzt und vulnerable Gruppen größtenteils nicht betroffen. Bei einem diffusen Infektionsgeschehen mit mutierten Varianten, wie es rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie herrscht, ist eine 50er-Inzidenz weit gefährlicher.

Der schleswig-holsteinische Landkreis Dithmarschen an der Nordsee könnte mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 16,5 schon mal ziemlich locker sein, zumal der Nachbarkreis Rendsburg-Eckernförde an der Ostsee mit einem Schnitt von 24,8 Neuinfektionen auch gut dasteht. Wenn da nördlich nicht Nordfriesland und Schleswig-Flensburg mit Inzidenzen von 90,4 und 74,1 wären.

Beide Nachbarkreise grenzen an Dänemark. Dort ist landesweit zwar die Sieben-Tage-Inzidenz mit 47,2 schon deutlich niedriger als in Deutschland (58,9), allerdings erfolgt in Dänemark schon jede vierte Neuinfektion durch die Mutante B.1.1.7. Und die Variante wurde auch schon im Kreis Schleswig-Flensburg und in der Stadt Flensburg in mehreren Proben entdeckt.

Eigentlich wäre Plön noch nicht an der Reihe, da der Landkreis derzeit die deutschlandweit drittniedrigsten Fallzahlen aufweist. Aber weil er neben Dithmarschen und Rendsburg-Eckernförde der dritte Niedriginzidenz-Landkreis in Schleswig-Holstein ist, ergibt es Sinn, ihn vorzuziehen. Im Prinzip gilt das Gleiche wie für die Nachbarkreise, nur hat Plön mit 15,5 im 7-Tage-Zeitraum noch weniger Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

"Man muss vor den Ereignissen herlaufen"

Platz 4 in der Rangliste der Kreise mit den geringsten Fallzahlen nimmt derzeit Münster ein. Zwar sieht es in den Nachbarkreisen Coesfeld und Steinfurt mit Inzidenzwerten von 27,2 und 41,1 auch nicht schlecht aus. Aber Münster sticht in Nordrhein-Westfalen mit seinen guten Fallzahlen heraus - und das schon länger. Seit Januar liegt die Sieben-Tage-Inzidenz dort schon unter 50 und ist jetzt bei 15,9 angekommen.

*Datenschutz

Eine spezielle Taktik hat die Stadt nicht. Oberbürgermeister Markus Lewe sagt allerdings, seine Stadt habe schon immer versucht "vor den Ereignissen herzulaufen". Unter anderem habe er bereits vor rund einem Jahr einen Krisenstab eingerichtet, und Münster sei die zweite Stadt in Deutschland mit einer Maskenpflicht gewesen. Und besonders wichtig: Schon vor vier Wochen sei man mit der Durchimpfung der Alten- und Pflegeheime durch gewesen, jetzt bereits mit der zweiten Dosis, sagt er. Schließlich habe die Stadt die Maßnahmen gut kommuniziert und die Bürgerschaft gehe sehr achtsam miteinander um.

Zweibrücken in Rheinland-Pfalz ist eine von zwei kreisfreien Städten, die bereits eine Inzidenz unter 10 erreicht haben. Nur 8,5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner registriert sie aktuell im 7-Tage-Zeitraum. Zweibrücken liegt nicht weit weg vom Landkreis Kusel und hat im Osten einige Nachbarkreise mit niedrigem Fallaufkommen. Andererseits ist mit Frankreich auch ein Land mit immer noch sehr hohen Werten (191,2) nur ein paar Kilometer entfernt.

Was Oberbürgermeister Marold Wosnitza der "Welt" sagte, klingt stark nach Münster: "Wir waren sehr schnell dabei mit unserem ersten Testzentrum. Wir haben jetzt beispielsweise in sehr kurzer Zeit alle unsere Seniorenzentren durchgeimpft. Wir sind in der Diagnostik schnell." Und man ist vorsichtig: Angesichts der Ausbreitung von Corona-Mutanten will die Stadt trotz der sehr niedrigen Zahlen vorerst am Lockdown festhalten und die Entwicklung abwarten.

Schweinfurt gibt Rätsel auf

Noch getoppt wird Zweibrücken von Schweinfurt, das mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 3,7 fast schon coronafrei ist. Das ist umso erstaunlicher, als die unterfränkische Stadt Ende Oktober noch mit einem Wert von fast 250 einer der deutschen Corona-Hotspots war.

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Wie diese Erfolgsgeschichte entstanden ist, ist unklar. Es gibt bisher von keiner Seite eine plausible Erklärung für die Sonderstellung der Stadt. Oberbürgermeister Sebastian Remelé sagt in einer Videoansprache lediglich, die Maßnahmen hätten gewirkt und er danke seinen Bürgern für deren Disziplin.

Besondere Lockdown-Regeln hat Schweinfurt auch nicht eingeführt, hervorzuheben ist lediglich ein nächtliches Ausgehverbot, das jetzt zur Belohnung wieder aufgehoben wurde. In einem Beitrag des BR hatten Bürger der Stadt ebenfalls keine Erklärung für ihren Erfolg, und das Impfzentrum hat auch heute erst seinen Regelbetrieb aufgenommen.

Quelle: ntv.de