Panorama

Fünf Sachsen unter Hausarrest Dritter Covid-19-Patient stirbt in Italien

Eine Pandemie sei kaum noch aufzuhalten, sagt der Berliner Virologe Christian Drosten. Das neue Coronavirus hat sich längst unbemerkt in viele Länder verbreitet. Städte werden abgeriegelt, Grenzen geschlossen. In Sachsen dürfen fünf Personen ihre Wohnungen nicht verlassen.

Drakonische Maßnahmen in Kampf gegen das Coronavirus nun auch in Europa: In Norditalien haben die Behörden elf Städte abgeriegelt, der berühmte Karneval von Venedig wurde am Sonntag vorzeitig abgebrochen. Bislang infizierten sich in der Region nach Behördenangaben 132 Menschen, drei von ihnen starben. Südkorea verhängte wegen eines Anstiegs der Infektionsfälle auf mehr als 550 die höchste Seuchenalarmstufe. In China sprach Staatschef Xi Jinping von der größten Gesundheitskrise seit der Staatsgründung 1949.

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In Sachsen dürfen wegen einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus fünf Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen. Das berichtet der MDR unter Berufung auf das sächsische Gesundheitsministerium. Demnach waren die Betroffenen an Bord des Kreuzfahrtschiffs "Westerdam" in Asien. Zwei von ihnen kommen demnach aus Dresden, drei aus dem Landkreis Meißen. Auf dem Schiff gab es eine bestätigte Infektion mit dem Virus Sars-CoV2. Hunderte Reisende mussten in Quarantäne auf dem Schiff bleiben. Schließlich durften sie in Kambodscha an Land.

Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin hieß es, die deutsche Botschaft und die Konsulate in Italien stünden mit den italienischen Behörden in Kontakt für den Fall, dass die Maßnahmen auch Deutsche beträfen. Rückkehrern aus den betroffenen Regionen in Norditalien wird empfohlen, sich an die entsprechenden Hinweise des Robert Koch-Instituts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf deren Internetseiten zu halten-

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin sagte, man habe zusammen mit dem Auswärtigen Amt die Lage im Blick. Man stehe auch im Austausch mit den europäischen Nachbarn und den Bundesländern. Auf seiner Website informiere das Ministerium Bürger, wie man sich individuell schützen könne. Der Sprecher sagte: "Wir beobachten die Lage in Italien aufmerksam. Bislang haben wir es in Deutschland geschafft, einzelne Infizierte zu isolieren und zu behandeln und so eine Ausbreitung des Virus zu verhindern."

Unbekannter Seuchenherd in Italien

In großen Teilen Norditaliens wurde unterdessen das öffentliche Leben weitgehend eingeschränkt. Sämtliche Veranstaltungen des Karnevals sowie alle Sportveranstaltungen würden bis zum 1. März abgesagt, erklärte der Regionalpräsident von Venetien, Luca Zaia. Der Lega-Politiker äußerte sich zudem "besorgt" darüber, dass die Ursache des Coronavirus-Ausbruchs in Italien bisher noch unbekannt sei. Der neuartige Erreger habe sich möglicherweise viel weiter ausgebreitet als angenommen. Angesichts des rasanten Anstiegs bei den Infektionsfällen hatte die italienische Regierung am Samstagabend die Isolierung von insgesamt elf Städten in Norditalien angeordnet. 52.000 Menschen stehen praktisch unter Quarantäne.

Zentrum der Epidemie ist die 15.000-Einwohner-Stadt Codogno rund 60 Kilometer südlich von Mailand. Dort wurde das Virus offenbar von einem Mitarbeiter des Konzerns Unilever weiterverbreitet. Ein weiterer Infektionsherd ist das Dorf Vo'Euganeo nahe Padua in der Region Venetien. Dort war am Freitag ein infizierter 78-Jähriger gestorben - er war das erste europäische Todesopfer des neuartigen Coronavirus in Europa. Am Samstag starb eine alte Frau nahe Codogno. Am Sonntag gaben die Behörden in der Lombardei den Tod einer 78-jährigen Krebspatientin bekannt, bei der ebenfalls das Coronavirus nachgewiesen worden war.

In Südkorea verhängte Staatschef Moon Jae In wegen des Virus die höchste Seuchenalarmstufe. Die Zahl der Neuinfizierten stieg dort auf 556. Südkorea ist damit das Land mit der höchsten Fallzahl nach China. Die Zahl der Todesopfer stieg auf vier.

Türkei riegelt Grenze ab

Ein weiterer Infektionsherd außerhalb Chinas ist das Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" in Japan. Nach einer zweiwöchigen Quarantäne durften seit Mittwoch rund 970 Passagiere das Schiff verlassen, die negativ auf das neuartige Coronavirus getestet worden waren. Bei mehreren Passagieren wurde das Virus nach ihrer Heimkehr dann aber doch nachgewiesen. Am Sonntag meldete das japanische Gesundheitsministerium den Tod eines dritten japanischen "Diamond Princess"-Passagiers.

Im Iran stieg die Zahl der Infizierten auf 43 - acht von ihnen starben laut Gesundheitsministerium. Die Türkei hat ihre Grenzübergänge zum Iran aus Sorge vor der Epidemie geschlossen. Dies teilte der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca mit. Zudem dürften von 20 Uhr Ortszeit an keine Flüge aus dem Iran mehr in der Türkei landen. Dies gelte "vorübergehend", sagte Koca Reportern in Istanbul. Auch Armenien schloss seine Grenze zum Iran.

Das neuartige Coronavirus war im Dezember in China erstmals bei Menschen festgestellt worden. Seitdem infizierten sich dort knapp 77.000 Menschen mit dem Erreger der Lungenkrankheit Covid-19, mehr als 2300 Infizierte starben. Chinas Staatschef Xi räumte Versäumnisse im Umgang mit der Epidemie ein und forderte die Behörden auf, daraus zu lernen.

Seine Eigenschaften ermöglichten Sars-CoV-2 eine unbemerkte Übertragung, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten. Wer nur milde oder keine Symptome hat, gehe nicht zum Arzt und wird nicht getestet - kann das Virus aber auf Dutzende andere Menschen übertragen, die es wiederum in ihr Netz von Sozial- und Arbeitskontakten tragen. Nach einer Modellrechnung des Imperial College London würden geschätzt nur ein Drittel aller importierten Fälle aus China überhaupt wahrgenommen, so Drosten. "Ich glaube nicht mehr daran, dass eine Pandemie vermeidbar ist." 

In immer mehr Ländern fällt erst auf, dass das Virus längst große Kreise gezogen hat, wenn Menschen schwer erkranken oder sterben. So war es im Iran, so war es in Südkorea, so ist es nun auch in Italien. Und auch in etlichen anderen Ländern könnten längst Ausbrüche um sich greifen, von denen bisher niemand ahnt - auch in Deutschland. "Irgendwann wird es wahrscheinlich dazu kommen, dass unbemerkte Infektionen plötzlich bemerkt werden", hatte Drosten kürzlich erklärt.

Quelle: ntv.de, mbo/dpa/AFP/rts