Panorama

Reemtsma-Entführer Thomas Drach Ein Entführer, ein Räuber, kein Gentleman

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Thomas Drach im Reemtsma-Verfahren im Jahr 2000.

(Foto: picture alliance / rtn - radio tele nord)

Viele Menschen erinnern sich an ihn als Kopf hinter einem der spektakulärsten Kriminalfälle der 90er. Für andere ist die Entführung des Tabakkonzern-Erben Reemtsma lange her. Thomas Drach ist nach seiner erneuten Festnahme zurück in der Öffentlichkeit - zum mutmaßlich letzten Mal.

Ein Vierteljahrhundert ist einer der aufsehenerregendsten Entführungsfälle der deutschen Nachkriegszeit her: das 33-tägige Verschwinden von Jan-Philipp Reemtsma, dem millionenschweren Erben des gleichnamigen Tabakkonzerns. Mit Wucht drängt der Fall zurück an die Oberfläche des öffentlichen Bewusstseins, denn Reemtsmas Entführer ist wieder da. Der 2013 aus dem Gefängnis entlassene Thomas Drach soll an drei Raubüberfällen beteiligt gewesen sein und nach seiner Auslieferung aus den Niederlanden in Deutschland vor Gericht kommen, wieder einmal.

Seine kriminelle Karriere war mit Blick auf die ordentlichen Jobs seiner Eltern nicht vorgezeichnet, allerdings kommt der 1961 geborene Drach schon als Jugendlicher vom Pfad ab. Aufgewachsen in Erftstadt, im südwestlichen Zipfel von Nordrhein-Westfalen, fallen Thomas Drach und sein Bruder Lutz schon früh polizeilich auf: Als Jugendliche sind die beiden schon in Drogengeschäfte, Diebstähle und Raubüberfälle verwickelt. Als Thomas Drach 20 Jahre alt ist, steuert er mit seinem Bruder ein Auto direkt in eine Sparkasse. Sie bedrohen die Angestellten mit Schrotflinten, werden geschnappt und landen 1982 im Gefängnis - siebeneinhalb Jahre für Lutz, zehn Jahre für Thomas lautet das Urteil.

Ein brutaler Coup

Die Drachs finden auch danach nicht ins bürgerliche Leben. Thomas, der als kluger, aber auch über die Maßen selbstbewusster Kopf des Duos gilt, arbeitet stattdessen einen Coup aus, an dessen Ende er die höchste jemals in Deutschland bezahlte Lösegeldsumme einstreicht. Für die er einem Menschen übel Gewalt antut und ihn und seine Familie schwer traumatisiert: den neun Jahre älteren Jan Philipp Reemtsma.

Der Erbe des Tabakkonzerns, dessen Anteile er schon in den 80ern für 700 Millionen D-Mark verkauft hatte, hat in seinem Buch "Im Keller" die Entführung verarbeitet. Es ist der 25. März 1996, als der Germanist und Sozialforscher abends vor die Tür seines Hauses im Hamburger Nobelstadtteil Blankenese tritt. Dort schlagen ihn die Entführer nieder, verbinden ihm die Augen und bringen ihn in ein Haus nördlich von Bremen, das sie eigens angemietet haben.

Der Vater eines Sohnes findet sich angekettet in einem Kellerraum wieder. Dort muss er 33 Tage und Nächte verbringen, bevor die Übergabe des geforderten Lösegelds in Höhe von 15 Millionen D-Mark und 15 Millionen Schweizer Franken klappt. Die Familie hatte die Übergabe an der Polizei vorbei organisiert, nachdem Drach die ersten beiden Übergaben wegen offensichtlicher Anwesenheit der Polizei abgebrochen hatte. Die Medien fangen erst nach der Freilassung Reemtsmas zu berichten an. Die Drachs setzen sich danach mit gefälschten Ausweisen nach Südamerika ab.

Der Entführte findet den Entführer

Berichte über Drach, einem groß gewachsenen, schlanken Mann mit schütterem Haar, entbehren damals nicht einer gewissen Bewunderung: Sein Coup war erfolgreich. Nur auf Reemtsmas Betreiben hin spüren von ihm bezahlte Ermittler Drach auf, sodass er schließlich 1998 von Argentinien ausgeliefert wird. In Deutschland wird er schließlich zu einer Haftstrafe über 14 Jahre und sechs Monate verurteilt. Rausgekommen wäre er schon 2010, hätte er sich nicht mit seinem Bruder Lutz überworfen.

In abgefangenen Briefen aus dem Gefängnis beklagte sich Lutz Drach, sein Bruder Thomas habe ihn um Millionensummen gebracht. Staatsanwaltschaft und Richter sind überzeugt, dass Drach seinen Bruder gewaltsam erpressen wollte, ihm das Geld zu besorgen, weshalb er zu weiteren 15 Monaten verknackt wird. Erst im Oktober 2013 kommt er nach mehr als 15 Jahren wieder frei. Reich ist er aber nicht: Nur geringe Summen können beschlagnahmt werden, Ermittler gehen aber davon aus, dass ein Großteil auf der Flucht sowie beim Waschen der Geldscheine draufgegangen ist.

Drei ruchlose Raubüberfälle

Ein weiteres Indiz, dass Drach von der Entführung nicht viel geblieben ist, sind die vergangenen Jahre. Der am Dienstag Festgenommene soll in den Jahren 2018 und 2019 an Überfällen auf Geldtransporter in Köln-Godorf, am Flughafen Köln/Bonn und in Frankfurt am Main beteiligt gewesen sein. Das Vorgehen war erneut brutal: Zwei Geldboten waren bei den Überfällen durch Schüsse schwer verletzt worden. Drach wird zudem ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vorgeworfen. Bei mindestens einem Überfall soll er ein Maschinengewehr benutzt haben.

Die vergangenen acht Jahre auf freiem Fuß könnten Drachs letzte gewesen sein: Sollte er der Überfälle schuldig gesprochen werden, wird er vermutlich den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Schon nach der Reemtsma-Entführung und einer späteren Erpressung seines Bruders wäre Drach beinahe in die Sicherungsverwahrung geschickt worden. Das kommende Verfahren wäre dann wohl Drachs wirklich letzter Auftritt in der Öffentlichkeit.

Quelle: ntv.de, mit dpa und AFP

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