Panorama

Unverständnis in Corona-Zeiten Ein Großfamilieneinkauf wirkt wie "Hamstern"

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Bei großen Familien ist der Korb schon bei einem normalen Einkauf voll.

(Foto: imago images/Action Pictures)

Der Begriff "haushaltsübliche Mengen" erlebt derzeit eine wahre Renaissance. Doch nicht jeder, der an der Kasse fünf Packungen Nudeln aufs Band legt, ist ein Hamsterkäufer - Eltern mit vielen Kindern werden dessen oft zu Unrecht verdächtigt.

Zwei bis drei Kilogramm Äpfel am Tag, ein halbes Kilogramm Möhren, zwei Bleche Pizza zum Mittagessen und mindestens eine Packung Nudeln für das Abendessen: So oder so ähnlich sind die Mengen an Lebensmitteln, die Carola Ferch in ihrem Haushalt derzeit an einem Tag verbraucht. Die fünffache Mutter lebt mit ihrem Mann und vier Kindern im Alter von zwei, sieben, zehn und zwölf Jahren in einer Etagenwohnung am Hamburger Stadtrand.

Der 21-jährige Sohn wohnt in München, die anderen vier Kinder betreut die gelernte Erzieherin in Elternzeit tagsüber größtenteils alleine. Ihr Mann versucht, im Homeoffice weiterhin so produktiv wie möglich zu arbeiten. Auf "Frische Brise" schreibt Ferch über das quirlige Leben in der Großfamilie und führt dort seit einigen Wochen ein "Zu Hause Tagebuch" - denn mit vier Kindern ist das Leben im Corona-Ausnahmezustand ganz besonders fordernd.

So wie Ferch geht es derzeit zwar allen Eltern in Deutschland - seit Schulen und Kitas komplett geschlossen sind, versorgen sie ihre Kinder auch mittags selber. Doch bei kinderreichen Familien sind die Mengen an Essen, die gekocht werden müssen, natürlich deutlich größer. "Wenn eine Familie fünf Kinder hat, dann braucht sie schnell ein Kilo Nudeln und zwei Dosen Tomaten für eine Mahlzeit", sagt Dr. Elisabeth Müller, Bundesvorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien Deutschland e.V. (KRFD). "Was bei anderen ein Vorratskauf ist, ist für Mehrkindfamilien ein normaler Wochenendeinkauf."

Beschimpfungen beim Einkaufen

Rund 1,4 Millionen Mehrkindfamilien - das sind Familien mit mehr als zwei Kindern - gibt es in Deutschland, davon sind rund 5000 Mitglieder des KRFD. Den erreichen in diesen Tagen viele Unmutsbekundungen und Zuschriften von Eltern, deren Wocheneinkauf auf andere Konsumenten wie ein Hamsterkauf wirkt. "Wir bekommen derzeit massenhaft Rückmeldungen von Eltern, die im Supermarkt statt vier Litern Milch beispielsweise nur einen kaufen können, beim Einkaufen auf Unverständnis und Misstrauen stoßen oder sogar direkte Aggression erleben", sagt Dr. Patricia Arndt, Sprecherin des KRFD.

Der Verband fand dafür eine zügige Lösung und stellte seinen Mitgliedern Bescheinigungen über die Zahl der Kinder im Haushalt zum Vorzeigen an der Kasse aus. Rund 1000 solcher "Corona-Karten" hat der Verband kinderreicher Familien in Deutschland in den vergangenen zwei Wochen schon an seine Mitglieder versandt. "Haushaltsübliche Mengen orientieren sich an Haushalten mit zwei Kindern, Mehrkindfamilien fallen dabei aus dem Raster", sagt Arndt. Deswegen fordert der KRFD die bundesweite Einführung einer Mehrkind-Familienkarte, wie es sie in Thüringen beispielsweise schon gibt.

Arndt ruft außerdem dazu auf, anderen Menschen im Supermarkt nicht mit Argwohn und Aggression, sondern Wohlwollen zu begegnen. "Vor allem Familien mit vielen Kindern brauchen in diesen Zeiten mehr Verständnis und Solidarität, denn sie schultern gerade eine ganze Menge", sagt Arndt. "Eltern mit vier schulpflichtigen Kindern stehen alleine durch das Homeschooling schon unter einem enormen Druck. Oft unterrichten sie Kinder in verschiedenen Altersstufen oder Schultypen."

Belastungsprobe für die Familie

Zudem seien sie oft beruflich ebenfalls stark eingebunden oder stünden durch die Corona-Krise vor existenziellen finanziellen Problemen. "Dass sie dann noch in vier Supermärkte fahren müssen, damit sie genug einkaufen können, ist nicht tragbar", sagt sie. Direkte Aggression hat Bloggerin Carola Ferch beim Einkaufen bislang zwar nicht erlebt. "Aber ich musste bei Mehl und Toilettenpapier auch schon einige Packungen an der Kasse wieder abgeben, weil man jeweils nur eine Packung kaufen durfte", sagt sie. Ferch nimmt es sportlich: Mit dem Lastenrad schaffe sie ohnehin keine richtigen Großeinkäufe, und in ihrer Nachbarschaft gebe es viele Supermärkte, sie habe also den Luxus, täglich einkaufen zu können.

Zu Beginn der Corona-Krise fürchtete sie trotzdem, dass der Ausnahmezustand zu einer schweren Belastungsprobe für ihre Familie werden würde. "Am Anfang hatte ich wirklich Angst, dass wir das alles nicht schaffen und uns ständig streiten. Ich konnte nachts schlecht schlafen. Insbesondere das Homeschooling ist mit drei Kindern im schulpflichtigen Alter eine wahre Herausforderung", sagt Ferch.

"Mittlerweile läuft es aber wirklich gut, wir haben den Druck herausgenommen und machen uns nicht verrückt, wenn es Tage gibt, an denen wir nicht so viel schaffen." Nach nahezu drei Wochen Corona-Shutdown haben sich Ferch und ihre Familie nun in den neuen Alltag eingefunden. Die Hamburgerin übt sich in Dankbarkeit, für ihre Blog-Einträge bekommt sie viele positive Zuschriften von Eltern, die sich auf die täglichen Updates freuen. "Vor allem bin ich aber dankbar. Ich bin mit meinen Liebsten zu Hause, wir werden nicht wie andere Menschen von Bomben bedroht und haben es warm und gemütlich", sagt sie. "Wenn das vorbei ist, machen wir eine Riesenparty, vielleicht sogar zu meinem Geburtstag im Juli." Bis dahin wirkt die Zeit, in der sich erwachsene Menschen um Klopapier zankten oder andere ohne genauer hinzusehen des Hamsterns bezichtigten, vielleicht nur noch wie ein absurder Traum.

Quelle: ntv.de