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Der Täter war für Christian Kramer wie ein Vater.
Der Täter war für Christian Kramer wie ein Vater.(Foto: imago stock&people)
Samstag, 14. April 2018

"Habe mich selbst verurteilt": Ein Missbrauchsopfer bricht sein Schweigen

Von Solveig Bach

Wenn Erwachsene Kinder sexuell missbrauchen, fügen sie ihnen körperlich und seelisch schwerste Schäden zu. Bundesweit werden jährlich 12.000 Fälle angezeigt. Ein Betroffener hat seine Geschichte n-tv.de erzählt.

Christian Kramer* weiß nicht mehr genau, wie alt er ist, als es anfängt. Vielleicht sechs, oder auch sieben. Er weiß nur, dass er noch in den Hort geht, und das war nur ganz am Anfang seiner Schulzeit so. Fotos aus dieser Zeit zeigen einen zarten, blonden Jungen. An das, was ihm geschehen ist, kann er sich gut erinnern, aber sprechen kann er auch nach 20 Jahren kaum darüber.

Harry S. wurde verurteilt und darf nicht mehr als Arzt arbeiten, gegenwärtig bemüht er sich um eine mildere Strafe.
Harry S. wurde verurteilt und darf nicht mehr als Arzt arbeiten, gegenwärtig bemüht er sich um eine mildere Strafe.(Foto: picture alliance / dpa)

Über die unzähligen Taten sagt er nur: "Es war grundsätzlich der gleiche Ablauf. Er hat mich oral befriedigt." Er, das ist Harry S., ein guter Freund seiner Mutter, der Ersatzvater seiner Kindheit - der Mann, der ihn sexuell missbraucht hat.

Inzwischen ist Kramer 27 Jahre alt, ein junger Mann, der seinen Platz im Leben jetzt erst zu finden scheint. "Ich habe immer zwei Träume gehabt, was ich werden möchte. Pilot, das hat sich dann aber schnell erledigt. Das andere wäre Fluglotse gewesen, aber dafür hat mir das Abitur gefehlt", erzählt er n-tv.de. Bis zur mittleren Reife läuft es so halbwegs in der Schule, obwohl er sich schon da tagelang hinter dem Computer vergräbt.

Danach macht er Zivildienst, mit der Freundin klappt es nicht und plötzlich läuft gar nichts mehr. Ganze Tage taucht er in der virtuellen Welt ab, "in der er der King sein kann, wenn er gut ist". Es ist eine Flucht vor der Realität, über die er mit niemandem sprechen kann.

"Da war nichts"

Psychologen sehen in der Verdrängung eine klassische Variante, wie Missbrauchsopfer mit dem Erlebten umgehen. Vielleicht wäre es auch bei Christian Kramer so geblieben, wenn nicht eines Tages im Oktober 2014 die Polizei vor der Tür gestanden hätte. Die Ermittler fragen seine Mutter nach Harry S., der festgenommen wurde. Es dauert ein paar Tage, bis die Familie versteht, was S. vorgeworfen wird. S. hatte in Hannover einen Fünfjährigen in sein Auto gelockt, betäubt und dann missbraucht.

Christians Mutter versteht die Welt nicht mehr. S. hatte ihr nach der Trennung von ihrem Mann unzählige Male mit den beiden Kindern geholfen, auf Christian und dessen jüngere Schwester aufgepasst, auch hier und da Geld zugeschossen. Sie fragt ihren Sohn, ob auch er ein Opfer von Harry S. geworden ist. Doch der sagt nur: "Da war nichts."

"Ich wollte das für mich allein verarbeiten. Wie ich im Nachhinein weiß, habe ich da nichts verarbeitet", sagt Christian Kramer heute über diese Zeit. "Es war mir auch peinlich zu sagen, da war was. Ich habe mich selbst dafür verurteilt, dass ich nicht früher was gesagt habe." Scham- und Schuldgefühle sitzen so tief, dass weitere Monate ins Land gehen, bis es schließlich knallt.

Christian hat wieder einmal die Nacht vor dem Computer verbracht, dabei geraucht, bis keine Zigarette mehr übrig ist. Seine Mutter ist am Morgen sauer auf ihren Jungen, der nichts mehr will und kaum noch sein Zimmer verlässt. "Ich hab dann zu ihm gesagt, wenn Du so weiter machst und dich nicht mal mehr für die kleinsten Kleinigkeiten im Leben interessierst, dann musst Du ausziehen", erzählt seine Mutter, Anita Gleixner, über diesen Morgen im Juni 2015. Christian beginnt zu weinen, so sehr, dass es ihn am ganzen Körper schüttelt und er kaum sprechen kann. Schließlich bringt er hervor: "Mama, ich habe die Kripo belogen."

Endlich abhaken

In diesem Moment ist alles klar. Genaueres weiß Anita Gleixner trotzdem bis heute nicht. "Er ist nicht ins Detail gegangen, hat nur gesagt: 'Mama, es war ganz viel.' Dass der Harry ihn des Öfteren missbraucht hat und dass er ihm in der 7. Klasse gesagt hat: Jetzt ist Schluss, ich will das nicht mehr. Und ab da war es beendet." Christian Kramer hat therapeutische Hilfe in Anspruch genommen und im Prozess gegen Harry S. ausgesagt. "Diese Situation vor Gericht war sehr belastend, alle fragen etwas. Ich habe versucht, nur das zu erzählen, von dem ich mir absolut sicher war." Als es vorbei ist, ist er einfach nur glücklich.

Im März 2016 wurde Harry S. für seine Taten zu dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt, außerdem zu Sicherungsverwahrung und einem lebenslangen Berufsverbot. Inzwischen wurde das Urteil aufgehoben, in einem neuen Verfahren soll die Schuldfähigkeit von S. demnächst noch einmal beurteilt werden.

Christian Kramer möchte mit dem Thema einfach nur noch abschließen. Im September will er eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter beginnen, seit einigen Monaten ist er schon im Rettungsdienst. "Ich bin stabil, das ist auch wichtig für den Rettungsdienst", sagt er darüber, wie es ihm geht. "Aber ich bin mit dem Job oder einer Ausbildung lange nicht weitergekommen, ich habe Schulden gemacht. Das sind alles Dinge, bei denen ich im Nachhinein denke, Scheiße."

In Beziehungen sei er teilweise extrem eifersüchtig gewesen, das werde erst langsam besser. Die Angst eine geliebte Person zu verlieren, ist eine der Spätfolgen des Missbrauchs, so absurd das klingt. Harry S. war für Christian zeitweise wie ein Vater. Nachdem der Junge gesagt hat, dass er den Missbrauch nicht mehr aushält, hatte er sich kaum noch gemeldet. Rückblickend sagt Kramer, "diese Zuwendung hat dann eine andere Familie bekommen". Und dafür das gleiche erlitten wie er als Kind.

Heute ist Christian vor allem stolz überlebt zu haben. Er will sein Leben führen, die Schulden loswerden, vielleicht eine Familie gründen. Ein bisschen sorgt er sich davor, wenn er selbst einmal Kinder hat. "Ich habe die Befürchtung, dass ich dann extrem ängstlich sein könnte."

(*Name von der Redaktion geändert)

Quelle: n-tv.de