"Are you lonesome tonight?"Einsam wie ein Astronaut unter seinem Helm? Halb so wild!
Von Sabine Oelmann
Wir haben alles im Griff, suggerieren wir jedenfalls gern. Was wir nicht im Griff haben, ist das Phänomen der Einsamkeit. Und die kann jeden treffen, so sehr, dass man sich fühlen könnte wie ein einsamer Astronaut.
Januar - das ganze Jahr liegt vor einem. Hat man Pläne? Hat man Familie, Freunde? Einen Job? Urlaubsaussichten? Hat man sich? Wer gedacht hat, mit der Einsamkeit ist es vorbei, bloß weil Corona vorbei ist (neue Varianten und Seuchen lauern bereits), der irrt. Leider. Ja, in der Corona-Zeit, da redete man viel über Einsamkeit. Auch kürzlich erst, als in Berlin 45.000 Haushalte vom Strom abgeschnitten waren, da dachten viele über die Einsamkeit nach und ob es Menschen gibt, die allein in ihrer Wohnung sitzen und nicht raus können? Im Dunkeln, ohne Heizung, ohne geladenes Handy.
Einsamkeit kann jeden treffen, auch ohne Corona oder terroristische Angriffe auf die Infrastruktur. Einsam kann man auch sein, wenn man in einem vollen Raum ist, auf einer Party oder zu zweit mit dem Partner. Einsamkeit ist nicht zu verwechseln mit Alleinsein, das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Einsamkeit ist subjektiv, sie kann jeden Menschen treffen. Sie beschreibt nicht nur ein negatives Gefühl, sondern kann auch mit erheblichen physischen und psychischen Gesundheitsrisiken einhergehen. Denn Einsamkeit ist das negative Gefühl, das entsteht, wenn die vorhandenen sozialen Beziehungen nicht die sozialen Bedürfnisse einer Person erfüllen.
Alleinsein dagegen kann auch selbst gewählt sein, ist also oftmals eine aktive Handlung. Menschen sind manchmal gern allein, sie schöpfen gerade daraus neue Kraft. Einsam hingegen ist niemand freiwillig. "Einsamkeit hat wenig mit der Anzahl der Menschen zu tun, die gerade um einen herumstehen. Man kann von vielen Menschen umgeben sein und sich trotzdem allein fühlen. Und es gibt Momente, in denen ist man allein - und es fehlt nichts", fasst Fotografin Nicole Giesa zusammen. Das Thema Einsamkeit und Alleinsein kennt sie und hat es zum Thema ihrer Fotoarbeiten - mit einem Astronauten im Fokus - gemacht. Im Gespräch mit ntv.de sagt sie: "Könnte ich meine Gedanken formulieren, würde ich vermutlich Bücher schreiben. Meine Bilder kann und soll aber jeder für sich selbst interpretieren."
Einsamkeit in Wort und Bild
Einsamkeit war auch vor der Coronapandemie ein weitverbreitetes Phänomen. Seit dem Ende der Pandemie in der zweiten Jahreshälfte 2021 sind die Werte jedoch rund 50 Prozent höher als vorher, also immer noch sehr, sehr präsent. Nicht nur ältere, sondern auch jüngere Menschen sind von Einsamkeit betroffen. Die Folgen von Einsamkeit für ältere Menschen können aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen jedoch noch gravierender sein. Und auch ein niedriger sozioökonomischer Status erschwert die soziale Teilhabe, denn das Etablieren und Aufrechterhalten sozialer Beziehungen verschlechtert sich.
"Im Gegensatz zu mir gibt es Menschen, die sich und ihre Gedanken zum Thema Einsamkeit in Worten ausdrücken können", so Giesa, "ich mag zum Beispiel die Kolumne von Daniel Haas "Leben ohne Mitbewohner". Haas trifft es herrlich simpel auf den Punkt, ergänzt sie. "Sein Buch habe ich schon vorbestellt. In meinen Augen ist auch er ein Astronaut. Ein schreibender."
Seit 2021 fotografiert Giesa ihren anonymen Astronauten an realen Orten in Europa. Die Fotografien bewegen sich zwischen Inszenierung und dokumentarischer Momentaufnahme und thematisieren Wahrnehmung und Wirklichkeit, Nähe und Distanz sowie Einsamkeit und Zugehörigkeit in einer hypervernetzten Gesellschaft - also genau das, womit viele Leute immer schwieriger umgehen können. "Das Gute - man kann auch wieder rauskommen aus diesem einsamen Gefühl", weiß Nicole Giesa, in deren Astronautenanzug ganz unterschiedliche, zum Teil sogar bekannte Männer und Frauen, stecken.
Inszenierte Identität
"Ein Bild - mein Astronaut sitzt vor einem Palmenstamm, hinter ihm fällt eine Skulptur zu Boden - hatte ich vier Jahre lang im Kopf", erzählt Giesa. "Nun ist es endlich da", sagt sie und strahlt mit ihren himmelblauen Augen, dass auch der trübste Januartag sich erhellt. "Für mein Empfinden spiegelt die ganze Reihe wieder, inklusive der Hintergründe, was mich überhaupt zum Fotografieren geführt hat." Gerade in einer Zeit, in der Identität oft inszeniert und Nähe simuliert wird, entfalten Giesas Bilder ihre besondere Wirkung. Der Astronaut steht nicht für eine ferne Zukunft, sondern für ein sehr gegenwärtiges Gefühl. Er scheint uns zu fragen: Sind wir die Fremden? Oder ist die Welt fremd? Ein Gefühl, dass jeder kennen dürfte, der nur einmal täglich einen Blick auf die Nachrichten wirft.
Der "Lonesome Astronaut" war nicht geplant. "Er ist aus einem Gefühl entstanden. Und er bleibt bewusst offen", erzählt Giesa. Einsamkeit entsteht manchmal schließlich über Jahre, und manchmal ist sie ganz plötzlich da. Wie gesagt: "Alleinsein kann man wählen, Einsamkeit nicht. Auf einen plötzlichen Verlust ist man nicht vorbereitet. Schon gar nicht in einer Phase des größten Glücks", sagt Giesa in München und findet dann doch Worte für dieses Gefühl: "Die eigene Welt steht schlagartig still, während sich die der anderen einfach weiterdreht. Man existiert nur noch - wie in einer Blase oder unter einem Helm. Es ist dunkel. Zeitweise stockfinster. Und es dauert, bis man wieder sieht, was noch da ist."
"Einen Scheiß muss ich!"
Man sollte meinen, dass es vielen Menschen so geht, dennoch sagt die 52-Jährige: "Das ist für das nähere Umfeld nur bedingt nachvollziehbar und ohne Frage eine große Herausforderung. Als es bei mir nach einem halben Jahr hieß: 'Das Leben geht weiter - du musst mal wieder ausgehen oder ein Date haben' wurde ich fast wütend: Einen Scheiß muss ich!"
Einsamkeit in der Gesellschaft
Wir können es überall lesen und hören: Das Gefühl von Einsamkeit nimmt zu. "Es zieht sich durch alle Generationen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es braucht keinen Schicksalsschlag dafür", ist Giesa überzeugt. Ein Blick auf unsere hypervernetzte Welt und auf soziale oder andere Netzwerke reicht oft schon aus. "Selbst das angeblich Pure ist inzwischen inszeniert", glaubt sie.
"Man sieht oder liest viel voneinander und meint zu wissen, was bei den anderen vor sich geht. Aber was wissen wir schon? Was ist heute noch echt - und wie echt darf man überhaupt noch sein", fragt Giesa die Betrachter ihres einsamen Astronauten.
Lesenswert ist übrigens auch Jan Müllers Betrachtung zum Thema Einsamkeit. Der Bassist der Band Tocotronic schreibt im Fachblatt 'Musik Express' in seiner Kolumne, in der es in diesem Fall um Hotelzimmer geht: "Ich kann mir auf dieser Welt, wenn die Einsamkeit in der Nacht erwacht, viele Dinge vorstellen, die schlimmer sind als ein leeres Hotelzimmer. Zum Beispiel eine Gefängniszelle, ein feuchtes Moor voller Moskitos oder aber auch ein Hotelzimmer, das nicht leer ist, sondern mit Dekor-Kitsch vollgestopft wurde." Einfach ist die Definition von Einsamkeit also nicht, sie bedeutet für jeden etwas anderes. Er rät letztendlich dazu, "Heartbreak Hotel" von Elvis Presley zu hören.
Wer nicht hören, sondern sehen mag, geht in die "All You Can Art Gallery" von Claudia Scholz im Kunstareal München (Theresienstr. 58, Donnerstag und Freitag 12 - 17 Uhr, Samstag 12 - 15 Uhr, gern auch nach Absprache), dort wird vom 15. bis 24. Januar 2026 eine Auswahl von Giesas "Lonesome Astronaut - a personal journey in photographs" gezeigt. Vielleicht kommt man mit jemandem ins Gespräch, der ebenfalls vor den Bildern steht. Und wenn nicht, dann fühlt man sich beim Betrachten des Astronauten in den verschiedensten Kontexten vielleicht trotzdem eine Weile nicht mehr ganz so einsam.
