Panorama

Bund fordert Konsequenzen Erster Rücktritt nach Documenta-Skandal

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Vom abgehängten Kunstwerk von Taring Padi ist das Gerüst geblieben.

(Foto: dpa)

Nach seinen umstrittenen Äußerungen zum abgehängten Kunstwerk bei der Documenta tritt der Vorsitzende des Documenta-Forums zurück. Die Generaldirektorin der Ausstellung kündigt indes eine Untersuchung auf "weitere kritische Werke" an. Sie selbst lehnt einen Rücktritt ab.

Das Documenta-Forum hat sich nach einem Interview von seinem bisherigen Vorsitzenden distanziert. Jörg Sperling trat daraufhin mit sofortiger Wirkung zurück. Er hatte zuvor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur kritisiert, dass das als antisemitisch empfundene Kunstwerk von Taring Padi auf der Kasseler Kunstausstellung "auf politischen Druck hin" abgehängt wurde. "Eine freie Welt muss das ertragen", so Sperling. Das Documenta-Forum "bedauert ausdrücklich" die Äußerungen Sperlings und distanzierte sich von seinen Aussagen.

Das Interview sei mit den übrigen Vorstandsmitgliedern des Fördervereins nicht abgestimmt gewesen. "Diese und alle weiteren Äußerungen in dem Interview geben ausschließlich die persönliche, nicht autorisierte Meinung von Jörg Sperling wieder", hieß es. Die anderen Mitglieder des Vorstandes hielten "Bilddarstellungen in der Manier des 'Stürmer' für absolut inakzeptabel", teilte das Forum mit. Das Documenta-Forum sieht sich nach eigenen Angaben verpflichtet, "zur Sicherung der Rahmenbedingungen der Documenta als der internationalen und unabhängigen Ausstellung zeitgenössischer Kunst beizutragen und das Ansehen und den Ruf der Documenta zu schützen".

Jörg Sperling bestätigte seinen vom Forum kommunizierten Rücktritt. "Zu dem, was ich gesagt habe, stehe ich nach wie vor", sagte er. Er habe persönlich auch viele positive Rückmeldungen bekommen. Über sein Ausscheiden sei er "nicht unglücklich", ebenso wenig wie über die dadurch ausgelöste Debatte: "Das schärft die Positionen."

"Kapitän geht nicht von Bord"

Die Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann hält indes trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen weiterhin an ihrem Amt fest. "Ich nehme meine Aufgabe wie sie mir gestellt wurde verantwortungsvoll wahr und glaube nach wie vor an diese Documenta", sagte Schormann in Kassel. Letztlich liege die Entscheidung aber in der Hand der zuständigen Verantwortlichen und Gremien. "In einer solchen Situation ist nichts auszuschließen." Zunächst müsse es aber darum gehen, die Vorgänge aufzuarbeiten und "das Schiff wieder auf Kurs zu bringen", betonte sie. "Und bei schwerer See geht ein Kapitän nicht von Bord. So sehe ich an diesem Punkt auch meine Rolle, ich bin für die Organisation der Ausstellung verantwortlich und habe weitere Maßnahmen eingeleitet."

Schormann kündigte eine systematische Untersuchung der Kunstausstellung auf "weitere kritische Werke" an. "Dabei wird auch Ruangrupa seiner kuratorischen Aufgabe gerecht werden müssen", sagte sie der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen". Das indonesische Kollektiv Ruangrupa kuratiert die Documenta Fifteen. Unterstützt werde die Gruppe nun von anerkannten Experten wie Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. "Es ist nicht Aufgabe der Geschäftsführung, alle Werke vorab in Augenschein zu nehmen und freizugeben", sagte Schormann. "Das würde dem Sinn der Documenta widersprechen." Es könne daher auch nicht sein, die Kunst beispielsweise einem Expertengremium im Vorfeld zur Freigabe vorzulegen. Dies sei eine Kernaufgabe der Künstlerischen Leitung.

Bund will mehr Einfluss

Das kuratierende Kollektiv entschuldigte sich in einer schriftlichen Stellungnahme für die antisemitischen Darstellungen. "Wir haben alle darin versagt, in dem Werk die antisemitischen Figuren zu entdecken", schreibt Ruangrupa auf der Website der Documenta. "Es ist unser Fehler. Wir entschuldigen uns für die Enttäuschung, die Schande, Frustration, Verrat und Schock, die wir bei den Betrachtern verursacht haben."

Kulturstaatsministerin Claudia Roth forderte Konsequenzen für die Struktur der Kunstausstellung. Im Kern will der Bund mehr Einfluss auf die Documenta. In dem fünf Punkte umfassenden Plan geht es um Aufarbeitung und Konsequenzen. "Die Documenta-Geschäftsführung wie das Kuratoren-Kollektiv müssen lückenlos aufklären, wie es dazu kommen konnte, dass ein eindeutig antisemitisches Bild überhaupt aufgehängt wurde", heißt es. "Zudem müssen sie sicherstellen, dass keine weiteren antisemitischen Werke auf der Documenta ausgestellt werden."

"Die Verantwortlichkeiten zwischen vor allem der Geschäftsführung sowie den Kuratorinnen und Kuratoren sowie auch dem Aufsichtsratsvorsitzenden und den Gremien müssen klar geklärt und es müssen daraus Konsequenzen gezogen werden", heißt es. Konkrete Rücktrittsforderungen werden nicht gestellt. Der Rückzug des Bundes aus dem Aufsichtsrat 2018 bei gleichzeitigem Festhalten an der Bundesförderung wird als "schwerer Fehler" bezeichnet. Das soll sich wieder ändern. "Eine finanzielle Förderung des Bundes soll deshalb zukünftig mit einer unmittelbaren Einbindung in die Strukturen der Documenta zwingend verbunden werden."

Quelle: ntv.de, chf/dpa

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