Politik

"Abscheuliche" Darstellung Scholz geht diesmal nicht zur Documenta

238b4d0b3d88ed01e7a5c2ab2604fe02.jpg

Von dem Kunstwerk "People's Justice" ist nur das Gerüst geblieben.

(Foto: dpa)

Mit deutlichen Worten distanziert sich der Bundeskanzler von dem umstrittenen Banner auf der Documenta. Das Werk war wegen antisemitischer Symbole und einer Welle der Empörung abgebaut worden. Der Schritt sei "völlig richtig und angemessen" gewesen, sagt eine Regierungssprecherin.

Die Antisemitismus-Vorwürfe auf der Kasseler Documenta haben Bundeskanzler Olaf Scholz nach einem Bericht der "Jüdischen Allgemeinen" veranlasst, auf einen Besuch der Kunstausstellung zu verzichten. Eine Regierungssprecherin sagte der Wochenzeitung, der SPD-Politiker habe "in den vergangenen 30 Jahren wohl keine Documenta versäumt", werde dieses Mal aber nicht nach Kassel reisen.

Grund seien judenfeindliche Abbildungen auf einem mittlerweile abgebauten Werk der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi. Der Bundeskanzler finde diese Darstellung dem Bericht zufolge nach den Worten der Sprecherin "abscheulich". Es sei "völlig richtig und angemessen" gewesen, das Wandbild zu entfernen. Seiner Meinung nach sei "in Deutschland kein Platz für antisemitische Darstellungen, auch nicht auf einer Kunstausstellung".

Scholz sprach sich dafür aus, die Einbeziehung der umstrittenen Arbeiten in die Ausstellung zu überprüfen. "Die Documenta-Leitung sollte sich nach Überzeugung des Bundeskanzlers ihrer Verantwortung für diesen Vorgang stellen und sich prüfen", erklärte die Regierungssprecherin. Vor Beginn der Documenta habe es eine ganze Reihe von Warnungen gegeben - "umso irritierender ist es, dass es nun dennoch zu diesem Skandal gekommen ist".

"Das darf nicht sein!"

Das Banner namens "People's Justice" von Taring Padi bildet unter anderem einen Soldaten mit Schweinsgesicht ab. Er trägt ein Halstuch mit einem Davidstern. Auf seinem Helm steht "Mossad" - die Bezeichnung des israelischen Auslandsgeheimdienstes. Viele sahen unter anderem darin eine antisemitische Bildsprache. Die Verantwortlichen der Documenta hatten zunächst entschieden, das Werk mit schwarzen Stoffbahnen zu verhängen. Am Dienstagabend wurde es dann ganz abgebaut.

FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai kritisierte die Vorgänge rund um die Documenta als ebenso beschämend wie skandalös. "Antisemitismus ist keine Meinung. Antisemitismus ist Hass und kann daher nie und in keiner Weise die Freiheit der Kunst in Anspruch nehmen", sagte Djir-Sarai. Zutiefst bedauerlich sei, dass über Monate Warnungen ignoriert worden seien, die auf einen Einfluss der Anti-Israel-Organisation BDS auf die Documenta hingewiesen hätten. "Das darf nicht sein! Der Deutsche Bundestag hat hier im Übrigen mit großer Mehrheit auch in seiner Resolution gegen BDS von 2019 deutlich gemacht, dass dieser Kurs auf keinerlei staatliche Unterstützung hoffen kann."

"Jetzt gilt es, schonungslos aufzuklären, wie es zu diesem beschämenden Vorfall kommen konnte und wer wann für welche Entscheidungen konkret Verantwortung getragen hat", so Djir-Sarai weiter. Das Wichtigste sei, dass daraus auch Konsequenzen gezogen würden. "Wer diese menschenverachtenden Ausfälle gutheißt, darf in Deutschland nicht die Verantwortung für ein international bekanntes Kulturevent tragen", forderte der FDP-Politiker.

Aufforderung zum Dialog

Versöhnlicher äußerte sich der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel. "Noch ist nicht alles verloren, jetzt muss diese Krise als Chance genutzt werden, um wirklich ins Gespräch zu kommen." Ohne Dialog werde die Debatte weiter eskalieren. Die Bildungsstätte Anne Frank wolle in Kassel mit Bildungsangeboten zur Aufklärung über Antisemitismus und Rassismus unterstützen. Darüber sei die Bildungsstätte in Kontakt mit der Documenta.

Für kommende Woche Mittwoch ist demnach eine Veranstaltung zusammen mit Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn geplant. Mendel sehe es jetzt als "dringende Aufgabe der Documenta, schleunigst in den Dialog zu treten: mit dem Publikum und mit den etwa 1500 Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt". Der spontane Protest einiger Künstler gegen den Abbau der umstrittenen Arbeit des Kollektivs Taring Padi am Dienstagabend zeige die Dringlichkeit des Gesprächs mit den Künstlern. Es gehe darum, mit ihnen "die Grenzen zwischen unverhohlenen antisemitischen Ressentiments und einer Solidarität mit den Palästinensern zu diskutieren".

Die Documenta-Macher müssten erklären, warum das Wandbild abgehängt wurde, und sich der Kritik des Antisemitismus in verschiedenen Formaten stellen. Es sollten Räume geschaffen werden, "zur Diskussion über Antisemitismus und Rassismus in der Kunst. Und über die Grenzen zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus", forderte Mendel. Vertreter der Zivilgesellschaft sollten eingebunden werden. Mendel kritisierte außerdem das indonesische Kuratorenteam Ruangrupa: "Ich vermisse bis heute ein Statement, dabei verantwortet das Kuratorenteam ein mit 43 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln gefördertes Projekt."

Quelle: ntv.de, fzö/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen