Panorama

Epidemiologe Ulrichs bei ntv "Es laufen zu lassen, können wir uns nicht leisten"

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs - hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Tamara Bilić - ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Die Omikron-Welle baut sich auf, vermutlich infizieren sich schon jetzt weit mehr Menschen, als es die offiziellen Zahlen zeigen, erklärt Epidemiloge Ulrichs bei ntv. Angesichts milderer Verläufe der Ausbreitung freien Lauf zu lassen, ist seiner Ansicht nach dennoch eine schlechte Idee.

ntv: Muss man davon ausgehen, dass die Zahl der Neuinfektionen noch viel höher ist, weil wir eine hohe Dunkelziffer haben?

Timo Ulrichs: Ja, davon können wir ausgehen. Wir sehen jetzt so langsam wieder richtige Zahlen, die vergleichbar sind mit der Situation vor Weihnachten, weil sich erst jetzt so langsam wieder alles einpegelt. Trotzdem können da sehr viele dabei sein, die wir noch gar nicht erfassen, gerade wenn sich Omikron ausbreitet und man es gar nicht merkt, dass eine Infektion stattfindet. Das trägt dann zur weiteren Ausbreitung der Omikron-Variante bei und damit zu der Welle, die wir gerade haben.

Wie passt der Anstieg der Neuinfektionen und der Rückgang der Intensivpatienten zusammen?

Die Zahl der Intensivpatienten, die wir jetzt gerade noch auf den Intensivstationen haben, die sind ja ursprünglich mal mit der Delta-Variante infiziert worden und leiden jetzt auch unter den klinischen Folgen davon. Diese werden weniger, weil dort jetzt die vierte Welle ausläuft und wir eben noch keine oder wenige schweren Fälle sehen, die schon durch die Omikron-Variante hervorgerufen werden. Das heißt, wir sind in so einer Art Zwischentief. Das verzögert sich ja immer um einige Wochen, bis sich auch die Neuinfiziertenzahlen niederschlagen in Krankenhauseinweisungen und Intensivbettenbelegungen. Aber nach allen Studienergebnissen aus anderen Ländern, die ja schon etwas weiter sind, können wir darauf hoffen, dass eher weniger Menschen ins Krankenhaus müssen oder auch auf die Intensivstationen.

Müssen wir der Omikron-Welle ansonsten einfach ihren Lauf lassen, weil Nachverfolgungen gar keinen Sinn mehr machen?

Auf dem Peak der Welle, werden wir in der Tat nicht mehr in der Lage sein, Nachverfolgungen zu machen und die Quarantäne sicherzustellen. Es aber einfach generell laufen zu lassen, ist immer noch gefährlich, weil wir immer noch nicht wissen, wie sich die Omikron-Welle in Deutschland auswirken wird und wir sollten da vorsichtig sein. Wir sehen nämlich zwar weniger schwere und weniger klinische Verläufe. Das ist auf der einen Seite gut. Auf der anderen Seite, wenn die Welle einfach ohne Maßnahmen weiter durchlaufen würde, dann hätten wir plötzlich viele Fälle auf einmal, weil eben doch in der Summe sehr viele Menschen betroffen sein könnten. Und das können wir uns nicht leisten.

Die STIKO empfiehlt jetzt die Booster-Impfung für Kinder ab 12 Jahren. Kann das was bringen?

Ja, auf jeden Fall. Wir wissen ja, auch bei den Erwachsenen, dass ein wirklicher Schutz, auch gegen die Omikron-Variante, aber auch ganz generell gegen das Coronavirus, erst erreicht wird, wenn wir dreimal geimpft sind. Wir sehen auch aus den Daten der anderen Länder, dass die Booster-Impfung dann auch wirklich vor der Omikron-Variante schützt und vor allen Dingen vor klinischen Verläufen. Das ist das, was wir gerade gebrauchen können. Und auch wenn das in jüngeren Altersgruppen nicht ganz so risikoreich ist, ist es trotzdem gut hier dazu beizutragen, dass auch die Übertragung nicht so häufig passiert, wenn man dreimal geimpft ist.

Welche Auswirkungen hätte ein Mangel an PCR-Testkapazitäten?

Da muss man eher pragmatisch rangehen, dass man Bestätigungstests in Fällen, wo es nicht so sehr drauf ankommt, vielleicht mit Antigenen-Schnelltests macht. Also bei geringen oder gar keinen Symptomen sich dann damit wieder testet und auch freitestet und man die PCRs dann reserviert für wirklich wichtige Bereiche, also zum Beispiel im medizinisch-pflegerischen Bereich, oder eben da, wo die Funktionsfähigkeit auf jeden Fall erhalten werden muss - in der kritischen Infrastruktur.

Schießt man sich damit nicht ins eigene Bein? Eigentlich will man die Omikron-Welle abflachen, aber jetzt fehlen die Testkapazitäten. Wie sehen Sie das?

Ja, es ist ein bisschen misslich. Die Positivrate der durchgeführten Tests ist so hoch, wie noch nie, auch in den anderen Wellen nicht. Es ist schon sinnvoll, dass wir viel testen, das ist ganz klar. Wenn wir PCR-Tests ersetzen durch Antigen-Schnelltests, dann haben wir das Problem, dass sehr viele Fehler passieren und wir auch bei Geimpften und Geboosterten das Problem haben, dass diese Tests nur bei wirklich hoher Viruslast überhaupt positiv ausfallen. Diese Menschen sind dann, schon bevor der Test positiv ist, kontagiös, können also das Virus weitergeben. Das ist etwas, was wir jetzt eigentlich nicht gebrauchen können, aber es gibt wenige andere Möglichkeiten. Darüber hinaus sollte man sich natürlich vorsichtig verhalten und letztendlich sind die Maßnahmen, die beschlossen worden sind, ja gar nicht so schlecht. Das sehen wir daran, dass die Omikron-Welle bei uns etwas flacher verläuft als in anderen Ländern. Das ist gut und gibt uns Luft, gut vorbereitet zu sein für die Hochphase.

Mit Timo Ulrichs sprach Tamara Bilić

Quelle: ntv.de

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