Panorama

Intensivarzt Janssens bei ntv "Es muss schnell gehandelt werden"

Unbenannt.JPG

Uwe Janssens ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

Ab sofort verlegen besonders belastete Krankenhäuser Corona-Patienten nach dem Kleeblatt-Verfahren in andere Regionen. Intensivmediziner Janssens ist pessimistisch: "Es ist davon auszugehen, dass wir wieder die 6000er-Marke an Covid-19-Patienten erreichen", sagt er ntv. Er fordert ein hartes Gegensteuern.

ntv: Die DIVI hat das Kleeblatt-Konzept aktiviert. Können Sie uns kurz erklären, was dahintersteckt und warum das nötig ist?

Uwe Janssens: Deutschland wird in fünf Regionen aufgeteilt: Süden, Südwesten, Osten, Norden und Westen - letzteres "Kleeblatt" ist NRW alleine. Das Prinzip, das schon im letzten Jahr geschaffen wurde, bedeutet, dass wir innerhalb dieser Regionen über zentrale Steuerungsstellen in der Lage sind, bei Knappheit an Betten Patienten von einem Kleeblatt in das andere zu verlegen.

Was bedeutet so eine Verlegung für Ärztinnen und Ärzte und auch für die Patienten?

Das ist ein enormer logistischer Aufwand. In der Regel sind es ja nicht gesunde Patienten, die verlegt werden. Das sind zum Teil Patienten, die schwer erkrankt sind und beatmet werden, vielleicht auch im Kreislauf instabil sind oder sogar schon einen Lungenersatz mit bestimmten Maschinen haben. Das ist sehr aufwendig und bedarf einer großen Expertise des Teams, das den Patienten betreut.

Am Klinikum Salzburg werden schon Triage-Teams eingerichtet, auch aus Neu-Ulm in Bayern gibt es entsprechende Meldungen. Wie weit sind wir von der Triage in Deutschland noch entfernt?

Das sind tragische Entscheidungen. Wir hoffen und gehen davon aus, dass das trotz der angespannten Situation nicht nötig wird. Wenn wir alle Karten spielen, die wir haben, also durch die Verlegung innerhalb von Deutschland und - ganz wichtig- eine sofortige Einschränkung des Regelbetriebs in den Krankenhäusern, können wir das auch schaffen. Wenn wir verschiebbare Eingriffe absetzen, dadurch Kapazitäten auf den Intensivstationen schaffen und vor allen Dingen zusätzliches Fachpersonal aus den Operationssälen freimachen, dann kann man schon wieder Luft nach oben schaffen in den großen Krankenhäusern.

Jens Spahn sagt, das nächste Bund-Länder-Treffen am 9. Dezember komme zu spät. Die Ampel-Koalitionäre waren gestern noch bei der Kanzlerin. Wenn Sie auf die Politik schauen, wie beobachten Sie das? Was sagen Sie dazu?

Wir sind, vorsichtig gesagt, ein bisschen traurig, dass es nicht gelungen ist, aus all dem zu lernen, was wir in den vergangenen knapp zwei Jahren gelernt haben und hätten machen können. Hier muss dringend eine konsequente Änderung in der Strategie erfolgen. Es braucht einheitliche Vorgaben und es muss schnell gehandelt werden. Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz gibt es erst am 9. Dezember - das müssen Sie sich mal vorstellen, in einer Lage, die so dynamisch ist! In einer Lage, die wirklich, finde ich, nach wie vor eine nationale Bedrohung darstellt.

Wenn die Zahlen jetzt so hoch sind, bedeutet das für die Krankenhäuser, dass das dicke Ende ja noch kommt. Für Weihnachten kann man doch eigentlich schwarzsehen, oder?

Wenn wir weiterhin pro Tag 50.000 bis 60.000 Infektionen haben, sind das pro Tag vielleicht 200, 300, vielleicht sogar 400 Patienten, die zusätzlich auf die Intensivstation kommen. Da haben wir dann in einer Woche 2000. Es ist im Moment davon auszugehen, wenn man sehr pessimistisch denkt, dass wir wieder die 6000er-Marke an Covid-19-Patienten erreichen werden. Das Wissen darüber, was man machen muss, ist vorhanden. Und dann muss man es jetzt einfach tun! Aber das entscheiden Politiker, das können wir Ärztinnen und Ärzte nicht entscheiden.

Mit Uwe Janssens sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.