Panorama

"Too much" - wollen wir zu viel?Eva Asselmann erklärt die Erschöpfungsfalle

14.03.2026, 08:04 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Eva Asselmanns Lieblings-Tipp zum Innehalten: "Ein paar Mal bewusst tief ein- und noch länger ausatmen, weil das Ausatmen uns körperlich entspannt. Und dann gezielt wahrnehmen: Was sehe ich? Was höre ich? Spüre ich den Stoff auf meinem Körper?" (Foto: Silke Weinsheimer)

Eva Asselmann trifft mit "Too much" den Zeitgeist: Alles ist zu viel. In ihrem Buch werden sich viele Menschen wiederfinden und mit einigen Themen identifizieren können. Vor allem verstehen, dass niemand mit seinen Gedanken und Gefühlen allein ist.

Viele Menschen glauben, nur ihnen ginge es so: Vieles läuft schief im Alltag, sie kommen nicht mehr hinterher. Eva Asselmann hat ein Buch geschrieben, das vielen aus der Seele sprechen dürfte: "Too Much: Warum wir Kontrolle suchen und Kraft im Loslassen finden". "Viele Menschen glauben, sie müssten immer besser funktionieren. Dabei gibt es viele systemische Ursachen, warum wir uns oft so am Limit fühlen", sagt die Professorin für Persönlichkeitspsychologie im Gespräch mit ntv.de.

Eine typische Situation: Man arbeitet am Laptop, das Handy leuchtet auf. Schnell die SMS checken, denkt man sich, die Frage lässt sich aber viel besser mit einem Kaffee beantworten, also ab in die Küche. Dort steht noch das Geschirr von gestern, das muss in die Spülmaschine. Es klingelt, die Post. Mal eben die Rechnung überweisen. Erledigt. Immerhin sitzt man wieder am Laptop, den man vor 20 Minuten verlassen hatte.

Wo war ich doch stehen geblieben? Man lässt sich wirklich sehr schnell ablenken und könnte mit höherer Konzentration sicher schneller fertig werden. Das sieht Eva Asselmann genauso: "Ja, absolut. Wenn man immer hin und her switcht, entstehen sogenannte Switching Costs, also Wechselkosten. Wir wissen aus der Forschung, dass diese bis zu 40 Prozent unserer Produktivität rauben, weil das Gehirn dabei viel Energie verpulvert. Und man hat natürlich das Gefühl, dass alles viel hektischer ist."

Das Problem: Je erschöpfter wir sind, desto schwerer fällt es uns, uns selbst zu regulieren. Wir brauchen ein gewisses Maß an Selbstkontrolle, um uns nicht ablenken zu lassen. Dadurch, dass wir aber so gefordert sind im Alltag, geht uns diese Fähigkeit zur Selbststeuerung häufig verloren. So gelangen wir schnell in einen Erschöpfungskreislauf.

In Asselmanns Buch geht es auch um die Coronazeit, und man fragt sich, welche Auswirkungen das noch immer auf unser Leben hat. Fast sieht es in der Nachbetrachtung so aus, als gäbe es ein Vorher und Nachher, einen Cut. Asselmann weiß, dass es subjektiv vielen so vorkommt - erst die Corona-Pandemie, die eine gefühlte Ewigkeit anhielt, und danach multiple Krisen, die scheinbar nicht mehr aufhören. "Ich würde eher sagen, da sind viele Dinge zusammengekommen. Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, hat sich diese Entwicklung schleichend angebahnt und in den letzten Jahren rasant Fahrt aufgenommen. Gerade durch neue technologische Entwicklungen wie das Internet und vor allem KI hat sich unser Leben massiv beschleunigt."

In Wirklichkeit ist die Pandemie aber nur eine scheinbare Zäsur, betont Eva Asselmann: "Ein Brandbeschleuniger vielleicht, aber nicht die Wurzel all dessen. Diese ganzen Entwicklungen, die konnte man auch schon vorher beobachten." Der Umgang mit Medien hat sich verändert, der Alltag hat sich verändert.

Fluch und Segen der Technik

Wir sind schneller geworden, und damit auch die Ansprüche an uns. Wollen wir zu viel von uns selbst? Eva Asselmann lacht: "Jein. Durch mehr Möglichkeiten entsteht auch mehr Druck, alles perfekt zu machen. Alle Leute werden schneller, und wenn alle anderen schneller werden, muss ich selbst auch schneller und produktiver werden, um mitzuhalten. Auch durch die scheinbar unendlichen Möglichkeiten versuchen viele, sich zu optimieren. Man zerfasert sich eher, wenn man mehr Optionen hat und muss viel komplexere Entscheidungen treffen, als wenn die Auswahl kleiner und überschaubarer ist." Die vielen Möglichkeiten verbrauchen aber auch mehr Energie. Das betrifft sowohl kleinere Alltagsentscheidungen, aber auch den gesamten Lebenslauf, vor allem bei jungen Menschen.

"Berufswege sind heute so vielfältig, da muss man sich aktiv irgendwo verorten: 'Wie möchte ich eigentlich leben?' 'Wer möchte ich sein?' Früher war das alles viel starrer", sagt die Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der HMU Health and Medical University in Potsdam.

Für Nebenwirkungen fragen Sie ...

Der technologische Fortschritt und die Freiheiten, die wir heute haben, sind im Kern positiv. Asselmann glaubt aber, dass wir lange Zeit unterschätzt haben, welche Kompetenzen wir brauchen, um damit umzugehen. "Wir haben übersehen, welche Nebenwirkungen all das hat. Dass es eben nicht nur erleichternd ist, sondern auch fordernder." Mehr denn je brauchen wir ihrer Ansicht nach psychologische Kompetenzen, um unseren Weg zu finden, uns nicht zu übernehmen und nicht in die Selbstoptimierungsschleife hineinzugeraten. "Wenn wir das nicht bewusst steuern, dann kann es passieren, dass wir ausbrennen."

Wer sich in den sozialen Medien beispielsweise permanent mit Influencern vergleicht, bekommt schnell das Gefühl, nicht auszureichen. "Das kann unglücklich machen", weiß Asselmann aus ihrer jahrelangen Erfahrung. Sie erforscht, wie sich Persönlichkeit über die Lebensspanne verändert und welche Faktoren Menschen helfen, Wandel, Belastung und Neuanfänge zu meistern. "Mich interessiert, wie innere Stärke jenseits von Selbstoptimierungsdruck entsteht", sagt sie. Sie bringt psychologische Forschung deswegen dahin, wo Menschen sie brauchen: in den Alltag, in Organisationen und in gesellschaftliche Debatten. "Mehr denn je brauchen wir die Fähigkeit, all das zu verstehen und zu hinterfragen", so die 37-Jährige. "Social Media bildet nicht die Realität ab. Das sind kuratierte Scheinwelten, die uns da angezeigt werden. Und wir brauchen dringend die Fähigkeit, das zu erkennen."

Um sich zu schützen, empfiehlt sie, nicht permanent reflexhaft zum Handy zu greifen und den Konsum bewusst einzuschränken. Es hilft schon, das Handy eine Stunde in die Schublade zu legen, einmal tief durchzuatmen und sich dann bewusst auf eine Sache zu fokussieren. "Das erfordert mentale Steuerung, ich muss das Ganze hinterfragen können. Diese Fähigkeit sollten wir in unserem Alltag viel mehr fördern, findet sie.

In "Too Much" geht es auch um den Begriff der Zeitarmut. Dabei arbeiten wir viel weniger als früher, fühlen uns dennoch ständig gehetzt. Asselmann begründet dieses Phänomen mit einer tiefen Verwurzelung in unserer Kultur, mit dem Leistungsgedanken, der unserem gesamten Wirtschaftssystem, auch unserer Gesellschaft, zugrunde liegt: "Mehr ist besser. Optimiere die Abläufe. Mache die Sachen effizient." Der Versuch, das auf alle Lebensbereiche anzuwenden, kann nur scheitern.

Sind wir zu deutsch?

Ist unser Anspruch an uns selbst eventuell einfach nur zu deutsch? Sie lacht und muss wieder mit jein antworten. "Das ist vor allen Dingen etwas, was Leistungsgesellschaften stärker betrifft. In Deutschland hatten wir den Protestantismus, das Preußentum, das sind kulturelle Strömungen, die natürlich unsere Einstellung gegenüber der Gewissenhaftigkeit, immer pünktlich, fleißig und zuverlässig sein zu müssen, geprägt haben. Deswegen ist auch die Zeit sehr getaktet. Und wir sind eine Wirtschaftsnation, wo es darum geht, Abläufe zu optimieren. Wir versuchen oft, das maximal auszuschlachten."

Vom "Handy-Verbot" für Jugendliche hält sie nicht allzu viel. Viel wichtiger sei es, Menschen Stück für Stück an etwas heranzuführen. Ihrer Ansicht nach geht es nicht darum, jemanden fernzuhalten, sondern vielmehr beizubringen, peu à peu verantwortungsbewusst mit den Dingen umzugehen. Dafür fände sie es hilfreich, Kinder mit Medien in Kontakt kommen zu lassen, um altersgerecht zu lernen, wie ein guter Umgang aussehen kann. "Wir wissen aus der Forschung, dass gerade Kinder besonders stark auf digitale Reize - also Social Media – reagieren, denn Social Media aktiviert Belohnungsmechanismen im Gehirn: Wir schütten ein bisschen Dopamin aus, wenn wir Likes sehen oder Nachrichten bekommen. Das ist ein kurzfristiger Kick, der langfristig nicht erfüllend ist." Sie warnt vor dem Abhängigkeitspotenzial, für das gerade Kinder anfällig sind, weil sie viel impulsiver darauf anspringen. "Das ist für Eltern natürlich schwierig zu steuern", weiß sie, "aber ein generelles Verbot macht Social Media eventuell noch verlockender."

Im Titel des Buches geht es um Kontrolle, aber auch darum, es manchmal lieber etwas lockerer angehen zu lassen. Warum nun aber meinen wir, uns ständig selbst optimieren zu müssen? Ist das Lifestyle? "Ja, aber auch Erziehung. Und es ist natürlich auch ein Markt. Es geht darum, möglichst viel zu optimieren, die Karriere, den Körper, die Kinder. Weil uns das dieses Gefühl von Kontrolle gibt. Und da die Welt immer komplexer, unvorhersehbarer, chaotischer wird, ziehen sich viele Menschen eher ins Private zurück, als sich dem zu stellen." Gartenarbeit, Backen, Kochen, Handwerkern, sich perfekt ernähren - das sind alles Räume, die wir kontrollieren können, weiß Asselmann.

Das macht auch vor dem eigenen Körper nicht Halt. Wir zählen unsere Schritte, tracken unsere Kalorienzufuhr, wissen genau, wie viel wir abgenommen haben. "Das sind alles Dinge, die man quantifizieren, die man steuern kann. Das gibt uns Sicherheit, gerade, wenn die Welt unberechenbar erscheint." Da klassische Strukturgeber wie Religion oder feste Rituale heute eine geringere Rolle spielen, suchen viele sich eine neue Struktur, die Sinn verleiht, zum Beispiel Fitness. "Interessanterweise sind diese Entwicklungen gar nicht so neu. Das kennen wir aus der Geschichte. Schon im Biedermeier zogen sich viele Menschen stärker ins Private zurück. Wenn sich jedoch sehr viele Menschen gleichzeitig ins Private zurückziehen, kann es sein, dass die gesellschaftliche Teilhabe sinkt, warnt die Professorin. "Populistische Stimmen werden lauter, wenn viele Menschen sich nicht mehr einbringen. Weil unsere Gesellschaft natürlich davon lebt, dass wir zusammenwirken."

Das Böse-Welt-Syndrom

Es braucht grob gesagt etwa fünf positive Nachrichten, um eine negative auszugleichen, Negatives triggert Menschen viel mehr. "Das war evolutionär sinnvoll, denn unsere Vorfahren brauchten eine feine Antenne für Gefahren, um ihr Überleben zu sichern. Negative News in den Medien funktionieren daher besser, weil Menschen noch immer stärker darauf reagieren." Das verstärkt aber auch das Gefühl, dass nur noch Negatives passiert.

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Die Forschung nennt das "Mean World Syndrome": Wenn Menschen viel Negatives lesen, glauben sie, dass die Welt negativer sei. Sie werden dann pessimistischer und misstrauischer, der Blick auf das Leben und auf andere verschiebt sich. "Selbst wenn ich nur Negatives sehe, heißt das nicht, dass die ganze Welt schlecht ist, sondern nur, dass ich wahrscheinlich sehr selektiv durch ein ganz kleines Fenster blicke." Asselmann rät, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, was eigentlich positiv ist, in der Welt, aber auch im eigenen Alltag. So wird unser Gehirn trainiert, wieder auf das Positive, das Schöne zu achten. "Nur wenn wir bei uns sind, wenn wir zuversichtlich und handlungsfähig sind, können wir die Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam anpacken."

Quelle: ntv.de

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