Panorama

Sicherheit als oberste PrioritätFahrdienste für Frauen gegen die nächtliche Angst 

21.02.2026, 17:45 Uhr Foto-AutorenboxVon Torsten Landsberg
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Viele Frauen haben mit Männern hinter dem Steuer eines Fahrdienstes schlechte Erfahrungen gemacht. (Foto: picture alliance/dpa)

Zwei von drei Frauen fühlen sich nachts im Nahverkehr unsicher. Weil das Unbehagen auch bei Fahrdiensten häufig mitfährt, wächst die Nachfrage nach exklusiven Angeboten für Frauen.

Das Gefühl von Sicherheit ist ein Urinstinkt und unterschiedlich ausgeprägt. Einige von uns sind von Natur aus etwas besorgter oder ängstlicher als andere, individuelle Sicherheit ist subjektiv. Objektiv gesehen könnte das Sicherheitsempfinden der Deutschen besser sein. Bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel fühlt sich nachts weniger als die Hälfte der Bevölkerung ohne Begleitung sicher (46,3 Prozent), 16,1 Prozent fühlen sich sogar sehr unsicher. Nach Geschlechtern aufgeteilt, zeigt sich eine große Diskrepanz: Während sich knapp zwei Drittel der Männer keine Sorgen um ihr Wohlergehen machen, fühlen sich zwei von drei Frauen unsicher.

Die Zahlen stammen aus der BKA-Erhebung "Sicherheit und Kriminalität in Deutschland 2020", aktuelle Zahlen sollen in diesem Frühjahr erscheinen. 12,9 Prozent der Frauen hielten es in der Umfrage für wahrscheinlich, in den nächsten zwölf Monaten Opfer sexueller Belästigung zu werden. Nachts unterwegs zu sein, kann zum Lebensstil gehören: Kino, Konzerte, feiern gehen. Bei anderen ist es eine berufliche Notwendigkeit, etwa im Schichtbetrieb. Wer es sich leisten kann, steigt statt in die Bahn vielleicht lieber ins Taxi oder nutzt Fahrdienste wie Uber oder Bolt. Sie bieten einen vermeintlich geschützten Raum, reduzieren die Gefahrenquellen drastisch.

Allerdings haben Meldungen über teils schwere sexuelle Delikte durch männliche Fahrer das Zutrauen getrübt. Und manche Frau fühlt sich grundsätzlich unwohl, wenn sie zu einem fremden Mann ins Auto steigt. Städte wie München oder Freiburg bezuschussen zwar nächtliche Taxifahrten von Frauen, was aber nicht bedeutet, dass auch eine Frau am Steuer sitzt. Fahrdienste von Frauen für Frauen sind eine Nische, doch die Nachfrage steigt.

"Hat mich sehr erschrocken"

"Es ist eine Frage des Wohlbefindens", sagt Nadin Güner, Gründerin von G-Cars, im ntv.de-Gespräch. "Frauen haben eine ganz andere Art, miteinander zu kommunizieren, als wenn ich bei einem fremden Mann sitze." Im April vergangenen Jahres ging sie in Berlin mit ihrem Fahrdienst an den Start, das G steht für Girls und gilt sowohl im Fond als auch ausnahmslos hinter dem Steuer.

"Jede Kundin hat entweder schon selbst schlechte Erfahrungen gemacht oder kennt eine Person, die schon mal schlechte Erfahrungen bei anderen Anbietern gemacht hat", sagt Nadin Güner. Die Erzählungen reichten von unablässigen Blicken über den Rückspiegel bis zu aufdringlichen Kommentaren. "Das hat mich tatsächlich sehr erschrocken. Dabei gibt es natürlich Männer, die ihren Job gut machen, die ehrlich sind und selbst darunter leiden, wie sich ihre Kollegen verhalten." Kundinnen können per App ein G-Car buchen, 3500 Fahrten hat das Unternehmen 2025 durchgeführt.

Was unternehmen Uber, Bolt und Co?

Auch der Fahrdienst-Vermittler Uber hat den Bedarf an exklusiven Angeboten für Frauen erkannt. Im vergangenen Mai startete in Berlin, München und Frankfurt das Pilotprojekt "Women Drivers", Köln und Düsseldorf folgten in diesem Februar. Nutzerinnen der App können über diese Funktion die Wahrscheinlichkeit erhöhen, von einer Frau gefahren zu werden - garantiert ist das nicht. Genaue Zahlen bleiben unter Verschluss, von Uber heißt es: "Seit dem Start hat sich die Zahl an Fahrerinnen auf unserer Plattform in den Pilot-Städten fast verdoppelt."

Die Uber-App bietet die Möglichkeit, Fehlverhalten von Fahrern zu melden. In den USA veröffentlicht das Unternehmen dazu Safety Reports, in denen es auch Meldungen über sexuelle Übergriffe auflistet: In den Jahren 2017/2018 wurden zusammen knapp 6000 Fälle gemeldet, 2019/2020 mehr als 3800 und 2021/2022 rund 2700.

In Deutschland nennt Uber auf Anfrage keine Zahlen. Sicherheit genieße oberste Priorität, teilt eine Sprecherin lediglich mit. Wie viele Frauen entsprechende Erfahrungen gar nicht erst melden, bleibt sowieso unklar. Auch die Aussagekraft der Polizeistatistiken ist begrenzt, weil die Dunkelziffer bei Sexualdelikten enorm hoch ist. Laut der BKA-Studie werden nur 1,1 Prozent dieser Taten angezeigt, keine Deliktgruppe hat eine niedrigere Anzeigequote. Gründe für die Zurückhaltung sind Angst vor den Tätern und die Sorge, die Polizei könne die Tat sowieso nicht aufklären.

Anbieter wie Uber und Bolt agieren als Vermittlungsplattformen: Die Fahrten werden durch Subunternehmen durchgeführt, bei denen die Fahrerinnen und Fahrer angestellt sind. Die Plattformen stellen eine App und erhalten für die Vermittlung eine Provision. Für Uber und Bolt waren bereits massenweise Autos ohne Genehmigung auf den Straßen unterwegs, Nachrichten über die Ausbeutung von Fahrern, Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit und die Nähe zur Organisierten Kriminalität mancher Subunternehmer reißen nicht ab.

"Das ist der Horror"

G-Cars will sich davon bewusst abheben und eine eigene Flotte aufbauen. Alle Fahrerinnen seien direkt angestellt, sagt die Chefin, die Autos gehören dem Unternehmen. Das wächst entsprechend langsam: Von den anfangs drei Autos ist der Fuhrpark auf mittlerweile acht angewachsen - verschwindend wenige für das große Stadtgebiet, in dem schätzungsweise rund 8000 Taxis und Mietwagen unterwegs sind. "Um die Stadt gut abzudecken, werden wir 75 bis 100 Autos brauchen", schätzt Nadin Güner.

G-Cars solle gesund wachsen, betont sie, man sei auf Investorensuche, habe Fördergelder beantragt. "Wir warten da seit zwei Jahren auf eine Rückmeldung, das ist der Horror", sagt Güner - obwohl die Resonanz auf das Angebot überall positiv sei. "Wir möchten natürlich deutschlandweit expandieren, aber das ist momentan Wunschdenken." Am Konzept soll auch zugunsten eines schnelleren Wachstums nicht gerüttelt werden. "Wir arbeiten mit eigener Konzession, weil es uns wichtig ist, hinter jeder einzelnen Fahrt stehen zu können, und dass unsere Fahrerinnen eine faire Entlohnung erhalten."

Während Taxis feste Tarife haben, arbeiten die großen Fahrdienste mit dynamischen Preisen. Zwar steht vor Fahrtantritt der Endpreis fest, der kann aber für die gleiche Strecke je nach Uhrzeit und Nachfrage schwanken. "Mit den Preisen der Konkurrenz können wir nicht immer mithalten", sagt Güner. 2,50 Euro netto kostet der Kilometer bei G-Cars, unabhängig von Strecke und Uhrzeit. "Wir merken, dass Sicherheit für Frauen sehr wichtig ist, aber dass sie nicht immer bereit sind, für diese Sicherheit etwas mehr zu bezahlen." Das spiegele sich im Alter der Stammkundschaft wider, die überwiegend Ü35, eher Ü40 sei. "Die sagen: 'Das ist es mir wert und das kann ich mir auch leisten', die Jüngeren entscheiden sich eher für Uber."

Obwohl Taxigewerbe und Personenbeförderung schon immer eine Männerdomäne waren, mangelt es offenbar nicht an Interessentinnen für den Job hinter dem Steuer. Momentan gibt es bei G-Cars einen Bewerbungsstopp. "Wir haben aus dem letzten Jahr noch über 250 offene Bewerbungen und mich erreichen fast täglich Anfragen von Fahrerinnen", berichtet Güner. "Das Angebot macht diesen Beruf viel attraktiver für Frauen." Auch für Fahrerinnen sei es schließlich gefährlich, nachts unterwegs zu sein, sie treffen dabei auf deutlich mehr Fahrgäste, unter ihnen Betrunkene. "Es ist einfach für alle entspannter, wenn nur Mädels im Auto sind, die sind sofort in Quassellaune und erzählen vielleicht auch mal, was sie gerade privat bewegt. Das würde ich bei einem Mann nicht machen."

Quelle: ntv.de

Sexualisierte GewaltKriminalitätFrauenUber - Fahrdienst-VermittlerBKA