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"Habe mir große Schuld aufgeladen" Fahrdienstleiter gesteht Handyspiel

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Der angeklagte Fahrdienstleiter mit seinen beiden Anwälten im Gerichtssaal.

(Foto: dpa)

Zwölf Menschen sterben im Februar bei dem Zugunglück in Bad Aibling. Im Prozess legt der angeklagte Fahrdienstleiter ein Geständnis ab und richtet persönliche Worte an die Hinterbliebenen. Und dennoch bleiben Fragen unbeantwortet.

Wer ist der Mann, der am verheerenden Zugunglück von Bad Aibling schuld sein soll? Wie schaut er aus? Wird er Reue zeigen? Wird er die Tat gestehen? Gespannt warten am Donnerstagmorgen nicht nur Hinterbliebene der Todesopfer am Landgericht Traunstein auf den Beginn des Prozesses gegen den Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn. Auch unbeteiligte Zuhörer sitzen im Schwurgerichtssaal des oberbayerischen Gerichts und wollen den Mann sehen, der nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft für den Tod von zwölf Männern und die teils lebensgefährlichen Verletzungen von 89 Zuginsassen verantwortlich sein soll.

Seit dem Unfall vor neun Monaten war der Bahnmitarbeiter von der Bildfläche verschwunden. Als der 40-Jährige kurz nach 8.45 Uhr - begleitet von seinen beiden Anwälten - in den Sitzungssaal geführt wird, richten sich alle Blicke auf ihn. Mit der Kapuze eines Anoraks versucht der bärtige Mann beim Hereingehen sein Gesicht teilweise zu verdecken. Zahlreiche Fernsehkameras sind auf ihn gerichtet, ein Blitzlichtgewitter geht auf den eher kleingewachsenen Mann mit Lockenkopf nieder, als er auf der Anklagebank Platz nimmt. Seinen Anorak legt er jetzt ab, alle können ihm ins Gesicht schauen.

Dem Bahnbediensteten werden fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Nach Verlesung der Anklageschrift steht er auf und gibt eine persönliche Erklärung ab. Dabei wendet er sich direkt an die als Nebenkläger im Gericht sitzenden Angehörigen der Toten und die Verletzten: "Ich weiß, dass ich da am 9. Februar mir große Schuld aufgeladen habe." Seinen Fehler könne er nicht mehr rückgängig machen. "Ich möchte Ihnen sagen, dass ich in Gedanken bei Ihnen bin."

Notruf falsch abgesetzt

Seine Verteidigerin verliest dann das Geständnis ihres Mandanten. Darin räumt der Angeklagte ein, ein Sondersignal gegeben zu haben, das er nicht hätte geben dürfen, und einen Notruf falsch abgesetzt zu haben. Auch die verbotene Nutzung des Fantasy-Rollenspiels "Dungeon Hunter 5" auf seinem Handy gesteht er, wie seine Anwälte später bestätigen. Der 40-Jährige wurde dadurch laut Anklage von der Arbeit abgelenkt. Mehr will der Fahrdienstleiter nicht sagen, im weiteren Prozessverlauf vielmehr schweigen. Ein Polizeiermittler berichtet dem Gericht später als Zeuge, dass der Angeklagte regelmäßig im Dienst auf seinem Handy spielte - die Vorschriften der Deutschen Bahn verbieten das ausdrücklich.

Bei der Befragung des 40-Jährigen zu dessen persönlichen Verhältnissen will der Vorsitzende Richter Erich Fuchs mehr über die Handygewohnheiten erfahren. Doch Verteidiger Thilo Pfordte wiegelt ab: "Sie können es sein lassen", sagt er zu Fuchs. Zu erfahren ist nur noch, dass der Angeklagte die Mittlere Reife abgelegt und danach die zweieinhalbjährige Ausbildung zum Fahrdienstleiter absolviert hat. Seit 1999 regelt der seit eineinhalb Jahren verheiratete Mann den Zugverkehr in Stellwerken der Region um Bad Aibling.

Das Verlesen der Anklageschrift dauert fast 20 Minuten. Oberstaatsanwalt Jürgen Branz trägt die Namen aller Todesopfer vor. Exakt listet er die Verletzungen der überlebenden Opfer auf. "Beckenbruch, Schnittverletzungen am gesamten Körper und im Kopfbereich", heißt es etwa bei einem der Opfer. "Multiple Schnittwunden am Kopf, offene Unterschenkelfraktur links" bei einem anderen.

Der Angeklagte hört die schrecklichen Details äußerlich gefasst. Doch als am Nachmittag der Rechtsmediziner die Todesursachen der zwölf Opfer vorträgt und mehrfach von Schädelhirntraumata sowie zweimal von Herzriss spricht, kann der 40-Jährige die Tränen kaum unterdrücken. Mit zusammengepressten Lippen hört er den Schilderungen zu.

Fahrdienstleiter drücke falschen Knopf

Der Oberstaatsanwalt zitiert auch den ersten Notruf des Mannes, der die Lokführer aber nicht erreichte, weil der Fahrdienstleiter einen falschen Knopf drückte: "Achtung, Betriebsgefahr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling, Züge sofort anhalten. Ich wiederhole: Betriebsgefahr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling, Züge sofort anhalten ... Hallo?". Als er den zweiten Notruf absetzte, waren die Züge schon zusammengestoßen.

Thomas Staudinger kam beim Unglück mit Prellungen und gebrochener Nase davon. "Ich bin aufgeregt", bekennt der 23-Jährige vor dem Sitzungssaal. Er will zumindest den ersten Prozesstag verfolgen. Vom Unfall hat er nur die Notbremsung und den Aufprall mitbekommen, dann hatte er einen Filmriss. "Ich konnte mich nicht bewegen", erinnert er sich an den Moment, als er wieder zu sich kam. Eine Woche lag er im Krankenhaus, eine Nasenoperation folgte.

Zug fahren konnte der täglich zur Arbeit nach München pendelnde Laborant aus Bad Aibling erst wieder nach einem halben Jahr. "Anfangs hatte ich auch Schlafprobleme", sagt Staudinger. Der Angeklagte tut ihm leid. "Ich glaube, es geht ihm nicht gut", sagt der 23-Jährige, der auf ein gerechtes Urteil hofft: "Der Mann ist genug gestraft." Im Sitzungssaal hört Staudinger wenig später die persönliche Erklärung des Angeklagten. Die Worte seien sehr emotional gewesen, meint er. "Die Entschuldigung hat mich auf jeden Fall berührt."

Quelle: n-tv.de, Paul Winterer und Britta Schultejans, dpa

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