Panorama

Abholer, Logistiker, Keiler "Falsche Polizisten" machen skrupellos Beute

Es ist immer die gleiche Masche: Vermeintliche Polizisten rufen vor allem ältere Menschen an und warnen etwa vor betrügerischen Bankmitarbeitern oder Diebesbanden in der Nachbarschaft. Angeblich müssen Geld und Wertsachen in Sicherheit gebracht werden. Bei einer RTL-Recherche in der Türkei konnte Wirtschaftsermittler Tamer Bakiner unter anderem mit einer versteckten Kamera dokumentieren, wie sich Männer als Polizisten ausgaben, ihre Opfer am Telefon unter Druck setzten und manipulierten. LKA-Experte Martin Lang geht von kriminellen Organisationen aus, die gewaltige Summen erbeuten.

ntv.de: Nach welchem Muster verüben "falsche Polizisten" ihre Straftaten?

Martin Lang: Vor allem werden ja ältere Menschen Opfer dieser Betrugsart. Bei denen klingelt das Telefon und am anderen Ende meldet sich jemand als Polizeibeamter. Das ist der Türöffner und dann wird der potentiell Geschädigte so manipuliert, dass es irgendwann zu einer Vermögensverfügung kommt, die dann den Tätern zugute kommt. Das liegt vor allem daran, dass Polizeibeamte im Kreise der älteren Menschen in der Bundesrepublik immer noch einen Vertrauensvorschuss haben.

Wie groß schätzen Sie die Reichweite der "falschen Polizisten" ein?

Es ist ein bundesweites Phänomen. Die Dimension ist immens und die Anruferzahlen in diesem Phänomenbereich steigen nach wie vor. Wir sind jetzt zwar vernetzt und gut aufgestellt, Polizei, Justiz, Gesellschaft, Banken und auch die Politik haben dieses Problem erkannt und gehen es gemeinsam systematisch an. Aber da gibt es nach wie vor viel zu tun, um dieses Phänomen einzudämmen. Ich denke nicht, dass wir die Strukturen zu 100 Prozent zerschlagen können.

Wie arbeiten die "falschen Polizisten", wie sind sie organisiert?

Wir haben in diesem Bereich einen mehrstufigen Aufbau der kriminellen Organisation. Auf der Stufe eins sind die Abholer, die also das Geld, die Vermögenswerte vom Geschädigten abholen. Diese Vermögenswerte werden dann einem Logistiker - so nennen wir diese Personengruppe - zugeführt, der dann diese Geld- und Wertgegenstände in Richtung der Keiler bringen, also an den Sitz des jeweiligen Callcenters. Und von dort geht es dann direkt anteilmäßig in den Geldtopf des Callcenter-Betreibers.

Wer sind die Drahtzieher, wo sitzen sie?

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Martin Lang ist Leiter der Ermittlungsgruppe "Trust" beim LKA Baden-Württemberg.

(Foto: RTL/ntv)

Unsere Tätergruppierungen sind schwerpunktmäßig türkischstämmige Staatsangehörige. Die haben sich in der Regel, bevor sie dann für dieses Kriminalitätsfeld in die Türkei gegangen sind, in der Bundesrepublik aufgehalten oder pflegen hierher zumindest gute Beziehungen. Denn natürlich, wenn ich hier in der Bundesrepublik als falscher Polizeibeamter anrufe, dann muss ich die deutsche Sprache und auch den Sprachgebrauch der Polizei beherrschen.

Das Telefon klingelt, es erscheint die 110 auf dem Display. Wie soll man reagieren?

Die Polizei ruft niemals über die 110 beim Bürger an. Der zweite ganz wichtige Punkt ist der, dass die echte Polizei niemals die Herausgabe von Geld oder Vermögensgegenständen vom Bürger fordert.

Wie geht es den Opfern nach dem Betrug?

Es ist in mehrerer Hinsicht ein schlimmes Erlebnis. Zum einen sind die Opfer traumatisiert, persönlich verletzt, natürlich auch in ihrem Vermögen geschädigt. Das geht bis hin zu existentiellen Nöten, es kommt zum Wohnungsverkauf, alles Bargeld wird ausgehändigt. Dann sucht man natürlich Hilfe. Und wir vermitteln in der Regel an Opferhilfeeinrichtungen und versuchen Wege zu ebnen, dass es zu einer Nachbereitung dieses – ich nenne es jetzt mal – Traumas kommen kann.

Was denken Sie als echter Polizist über die "falschen Polizisten"?

Wir gehen davon aus, dass der absolute Großteil dieser Personen tatsächlich auch Polizeierfahrung hat – allerdings auf der anderen Seite, als Täter in einem polizeilichen Ermittlungsverfahren. Und die nutzen natürlich ihre Erfahrungen mit der Polizei vor Gericht, um genau diesen Sprachgebrauch wieder in ihre Betrugsmasche einzubauen. Und jedes erfolgreich absolvierte Betrugsdelikt ist für die Polizei eine kleine Niederlage, so möchte ich es einfach mal bezeichnen. Wir müssen dann mühsam probieren, diesen Vertrauensverlust wieder zurück zu gewinnen. Und das ist eine schwierige Aufgabe, eine sehr zeit- und personalintensive Tätigkeit und deshalb ärgert uns das.

Mit Martin Lang sprach Alexander Römer

Die RTL-Sondersendung "Vorsicht – Falsche Polizisten!" am Montag, den 20.1. um 20.15 Uhr, zeigt die perfiden Maschen der Trickbetrüger auf.

Quelle: ntv.de