Panorama

Vom Neuanfang überfordert Frauen und Kinder kehren in die Ukraine zurück

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Auf dem Bahnsteig in Lwiw Richtung Polen tummeln sich viele Menschen. Die meisten wollen fliehen, einige kommen hier aber auch wieder.

(Foto: picture alliance/dpa/SOPA Images via ZUMA Press Wire)

Drei Millionen Menschen fliehen vor dem Ukraine-Krieg in sichere Nachbarländer - die meisten sind Frauen und Kinder. Doch nicht alle halten es in der Fremde aus. Einige von ihnen kehren trotz Sirenengeheul und Bombeneinschlägen in ihre Heimat zurück.

Der Bahnhof im westukrainischen Lwiw ist voll mit Menschen auf der Flucht. Sie streiten sich um die Plätze in den Zügen Richtung Polen. Auf einem trostlosen Bahnsteig abseits der Haupthalle stehen nur wenige: Geflüchtete, die wieder in die Ukraine zurückkehren.

Fünf Tage seien sie unterwegs gewesen, erzählt Switlana Natalucha und wischt ihrem Enkel die Tränen aus dem Gesicht. Von ihrem Haus im schwer bombardierten Charkiw im Osten, zuerst nach Lwiw (Lemberg), von dort aus nach Polen. Und nun sind sie wieder zurück in der Ukraine. Sie sind zu viert: die 60 Jahre alte Großmutter, die 28 Jahre alte Tochter Galyna Kanuka und die beiden Enkelkinder.

Kanuka kauert zwischen dem Gepäck, um sich gegen die Eiseskälte auf dem Bahnsteig zu schützen. Sie seien in Polen gut aufgenommen worden, sagt sie. "Die Freiwilligen haben uns sehr geholfen." Aber sie hätten weiterfahren und wieder Hilfe finden müssen. Die Aussicht, in einem fremden Land mit fremder Sprache neu anzufangen, hat sie überfordert. Zumal eines der Kinder krank ist und behandelt werden muss. Deshalb haben sich die Frauen entschieden, trotz des Krieges in ihre Heimat zurückzukehren.

Die Zukunft ist ungewiss

Seit Beginn der russischen Invasion vor drei Wochen flohen laut Angaben der Vereinten Nationen mehr als drei Millionen Menschen aus der Ukraine. Wie viele wieder umkehrten, weiß niemand. Mindestens drei Züge mit 100 bis 250 Menschen fuhren diese Woche aus der polnischen Stadt Przemysl nach Lwiw, wie AFP-Reporter beobachteten.

Unter den Passagieren sind ausländische Freiwillige, die für die Ukraine kämpfen wollen und Menschen, die Hilfsgüter transportieren. Bei den meisten jedoch handelt es sich um Frauen und Kinder mit ukrainischen Pässen. "Kehrt nach Hause zurück, die Heimat wartet auf euch", steht auf einem handgeschriebenen Schild am Bahnhof von Lwiw.

Oleksandr arbeitet als Zugführer auf der Strecke Przemysl-Lwiw. Manchmal säßen bis zu 300 Leute im Zug zurück in die Ukraine, sagt er. "Am Anfang war das nicht der Fall, aber in letzter Zeit kommen viele Frauen mit Kindern zurück."

Obwohl viele Länder, besonders in der Europäischen Union, Aufnahme und Hilfe zusichern, ist die Angst vor einem Neuanfang in der Fremde bei vielen Vertriebenen groß. "Sie haben das Gefühl, dass man sich langfristig nicht um sie kümmern wird", sagte Oleksandr im Führerhaus des zischenden Triebwagens. "Eine Frau sagte, sie sei dort ein paar Tage obdachlos gewesen und es sei besser, in die Ukraine zurückzukehren."

"Kein Eingang"

Am Bahnhof im polnischen Przemysl wimmelt es von Freiwilligen, die Essen, Unterkunft und die Weiterreise anbieten. Die Züge zurück nach Lwiw zeigt die Abfahrtstafel gar nicht an. Wer in die Ukraine will, muss gegen den Strom der Ankommenden durch eine Tür bei der Passkontrolle, auf der steht "Kein Eingang".

Die spärlich besetzten Züge beginnen ihre 90 Kilometer lange Reise nur wenig entfernt von der Straße, auf der sich die Autos der Flüchtenden stauen. Auf polnischer Seite überfliegen Hubschrauber das Grenzgebiet. Ist der rostige Stacheldrahtzaun an der Grenze passiert, sind vom Zug aus die mit ukrainischen Flaggen markierten Kontrollposten zu sehen.

Lwiw schien bislang weit entfernt von den Frontlinien. Doch am Freitagmorgen wurde die Stadt offenbar Ziel eines russischen Luftangriffs. Raketen schlugen auf dem Flughafengelände ein, teilte Bürgermeister Andrij Sadowy mit. Ein Flugzeugreparaturwerk sei zerstört. Er rief die Einwohner auf, auf möglichen Luftalarm zu achten. Die Sirenen warnten schon die Nächte zuvor vor Luftangriffen, Fenster sind vorsorglich mit Sandsäcken verstellt. Bereits am vergangenen Sonntag wurde ein Militärstützpunkt in der Nähe getroffen, etwa 35 Menschen starben.

Switlana Natalucha und ihre Familie wollen trotzdem in der Stadt bleiben. "Wir wollten, dass die Kinder in Polen in Sicherheit sind, aber wir haben es nicht geschafft", sagt sie. "Wir hoffen, dass sie in Lwiw sicher sein werden."

Quelle: ntv.de, Joe Stenson, AFP

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