Panorama

Interview zum neuen Pflege-Tüv Freie Heim-Wahl gibt es "längst nicht mehr"

fra64825317.jpg

Die Qualität der Pflegeheime könnte sich durch den neuen Tüv verbessern - vorausgesetzt, es gibt genug Personal.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit dem 1. November beginnt im Rahmen des neu überarbeiteten Pflege-Tüvs die Überprüfung von Pflegeheimen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Der deutsche Berufsverband für Pflegeberufe begrüßt die Neuregelung, warnt im Interview mit n-tv.de jedoch auch: Auswählen kann man seinen Heimplatz schon lange nicht mehr.

n-tv.de: Die bisherige Durchschnittsnote aller 13.000 Pflegeheime in Deutschland liegt bei 1,2. Gleichzeitig gibt es Kritik am Zustand vieler Heime. Wie ist es tatsächlich um die Pflegeheime in Deutschland bestellt?

Carola Stenzel-Maubach: Grundsätzlich wird unter den vorhandenen Bedingungen eine gute Pflege geleistet. Es gibt natürlich Ausnahmen, die dann auch sehr öffentlichkeitswirksam dargestellt werden. Aus meiner Sicht versucht aber der große Anteil der Pflegeheime, mit den vorhandenen Ressourcen eine gute Versorgung aufrechtzuerhalten. Was fehlt, ist die Zeit für Kommunikation, Begleitung und individuelle Zuwendung. Das ist insbesondere für Menschen ohne Angehörige fatal.  

Ist die Note 1,2 also doch gerechtfertigt - oder lief bislang etwas schief bei der Bewertung der Pflegeheime?  

Wir haben bislang bemängelt, dass die Gesamtnote nichts aussagte. Eine schlecht bewertete Unterkategorie konnte durch eine gute ausgeglichen werden. Außerdem wurde überwiegend die Dokumentation geprüft. Für die Note war also nicht ausschlaggebend, wie die pflegerischen Maßnahmen gewirkt haben, sondern ob richtig dokumentiert wurde. Wenn beispielsweise im Ernährungsprotokoll nicht jede Mahlzeit aufgeführt war, wurde der Bereich schlecht bewertet, obwohl die Bewohnerin gut ernährt war. Von daher war die bisherige Bewertung sicher nicht optimal und es ist gut, dass wir ein neues System bekommen.

Was soll sich mit dem neuen Pflege-Tüv ändern?

2018_bild_stenzel-maubach_I.JPG

Carola Stenzel-Maubach ist Referentin beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe.

(Foto: privat)

Der neue Pflege-Tüv gliedert sich in drei Bausteine: Zunächst werden von den Einrichtungen halbjährlich bei allen Bewohnern sogenannte Indikatoren oder Kennzahlen erhoben. Es wird zum Beispiel geschaut, ob sie im letzten halben Jahr ein Druckgeschwür bekommen haben und ob dieses Geschwür in der Einrichtung entstanden ist. Ein weiterer Baustein ist die Qualitätsprüfung durch externe Prüfdienste. Diese kontrollieren, ob die von den Einrichtungen erhobenen Kennzahlen plausibel sind. Außerdem wird weiterhin die Dokumentation geprüft und es soll ein Fachgespräch mit den Pflegefachpersonen geführt werden. Der dritte Baustein sind detaillierte Informationen über die Pflegeeinrichtung: Besteht die Möglichkeit von Probewohnen? Wie viele Mitarbeiter sind schon länger als fünf Jahre in der Einrichtung? Insgesamt ist es also eine deutlich differenziertere Betrachtungsweise als beim alten Pflege-Tüv.

Die externen Prüfdienste kündigen sich einen Tag im Voraus an und überprüfen nur neun Patienten pro Heim. Kann so überhaupt auf die Situation im gesamten Pflegeheim geschlossen werden? 

Die Kennzahlen an sich werden von der Einrichtung ja für alle Bewohner erhoben, nur die vertiefende Qualitätsprüfung wird lediglich bei neun Personen durchgeführt. Das ist natürlich nicht sehr viel, es reicht aber, um zu sehen, ob etwas nicht richtig erfasst wurde. Zusammen mit den von den Einrichtungen erhobenen Kennzahlen ist die Messzahl dann viel höher. Dass die Überprüfung angekündigt wird, ist meiner Ansicht nach nicht negativ - es geht ja vor allem um den fachlichen Austausch mit den Pflegefachpersonen. Und über Nacht kann man am Zustand der Bewohner ohnehin nichts ändern.

Gibt es Kriterien, die Ihrer Meinung nach beim neuen Pflege-Tüv fehlen?  

Was aus meiner Sicht fehlt, ist die Messung der Lebensqualität. Das ist aus wissenschaftlicher Perspektive natürlich sehr schwierig zu bewerkstelligen, weil Wohlbefinden und Lebensqualität subjektive Größen sind, die sich nicht so einfach messen lassen. Dabei entscheidet genau dieser Punkt darüber, wie sich Menschen in einer Einrichtung fühlen.

Wird es für Angehörige künftig dennoch einfacher, ein passendes Heim zu finden?

Grundsätzlich ja, weil es deutlich mehr Informationen über die Heime gibt, die man auch filtern kann. Das gilt aber nur, wenn sich die Angehörigen gut im Internet zurechtfinden und genau wissen, wonach sie suchen. Und es darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass man als Angehöriger in fast allen Regionen der Bundesrepublik froh sein kann, wenn man überhaupt zeitnah einen Platz in einer Pflegeeinrichtung bekommt. Auswählen kann man die Einrichtung eigentlich schon längst nicht mehr.

Am Ende muss man also sowieso das Heim nehmen, in dem man einen Platz bekommt. Hat eine schlechte Bewertung durch den Pflege-Tüv dann überhaupt Konsequenzen?

Ja, denn wenn eine Pflegeeinrichtung schlecht bewertet wird, können die Pflegekassen bestimmte Maßnahmen ergreifen. Das können etwa Auflagen sein, die zeitnah erfüllt werden müssen. Im schlimmsten Fall wird eine Einrichtung geschlossen. Das muss dann zusammen mit der zuständigen Heimaufsicht geschehen.  

Die Bewertung der Heime soll mit dem neuen Tüv besser werden - mehr Geld oder Personal gibt es aber nicht. Glauben Sie, dass sich durch die neue Bewertung trotzdem etwas an der Qualität der Pflegeheime ändert?

Durch die halbjährliche Auswertung der Kennzahlen bekommen die Pflegeeinrichtungen eine detaillierte Übersicht darüber, wo sie stehen - wo es gut läuft und wo etwas verbessert werden muss. Auf Grundlage dieser Informationen kann das interne Qualitätsmanagement Verbesserungsmaßnahmen in Angriff nehmen. Für die Umsetzung dieser Maßnahmen werden allerdings Pflegefachpersonen benötigt und genau das ist nach wie vor der Knackpunkt: Man kann die Qualität nur steigern, wenn ausreichend Personal vorhanden ist. Darüber hinaus lassen sich mit den gesammelten Daten aller Einrichtungen Schlüsse auf übergeordnete Defizite ziehen. Wenn beispielsweise innerhalb eines Jahres die Anzahl an Druckgeschwüren im Großteil der Pflegeeinrichtungen deutlich zunimmt, muss hinterfragt werden, womit das zusammenhängt. Gegebenenfalls muss dann politisch auf diesen Mangel reagiert werden.

Was müsste sich aus Sicht des Pflegeberufsverbands ändern, damit eine bessere Betreuung garantiert werden kann?

Wir brauchen mehr und vor allem gut qualifizierte Pflegefachpersonen. Außerdem benötigen wir motivierende Führungskräfte, eine angemessene Vergütung und vor allem bessere Arbeitsbedingungen. Wenn man jedes oder jedes zweite freie Wochenende einspringen muss, dann bringt das jungen Leuten den Beruf nicht unbedingt näher. 

Mit Carola Stenzel-Maubach sprach Franziska Türk

Quelle: ntv.de