Lässt sich von Rettung sprechen?Freisetzung des Buckelwals - was wir wissen und was nicht

Die sogenannte Rettungsaktion des vor Poel gestrandeten Buckelwals ist beendet. Doch wie geht es weiter? Vieles über den Ablauf der Freisetzung ist unklar, ebenso das aktuelle Schicksal des Tieres. Eine Übersicht.
Der mehrfach an der deutschen Ostseeküste gestrandete Buckelwal wurde in der Nordsee freigesetzt, so viel steht fest. Die tagelange Reise des Schiffskonvois der privaten Initiative verfolgten Tausende Menschen, auch über die deutschen Grenzen hinaus. Knapp 24 Stunden später bleiben aber etliche Fragen offen.
Was wir wissen
Ort der Freilassung: Das Tier wurde in der Nordsee freigesetzt. Das geht aus den Angaben der Initiative sowie aus den Livebildern des Anbieters News5 hervor. Der Lastkahn, in dem der Wal transportiert wurde, ist leer. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe am Samstagmorgen um kurz nach 9 Uhr befand sich der Konvoi etwa 70 Kilometer von Skagen entfernt im Skagerrak.
Beteiligte Schiffe: Das Begleitschiff "Robin Hood" und der Schlepper "Fortuna B" verließen diese Position. Im Verlauf des Samstags näherten sie sich der dänischen Küste, ehe sich ihre Wege trennten.
Kritik an der Aktion: Zahlreiche Experten halten an ihrer sehr kritischen Bewertung fest. Bereits die Bergung war gegen den Rat vieler Wissenschaftler, Fachinstitutionen und Tierschutzorganisationen erfolgt. "Wir können den Wunsch, dem Tier zu helfen, nachvollziehen, schätzen seine Überlebenschancen aber als minimal ein", sagte Thilo Maack von der Naturschutzorganisation Greenpeace. Die mehrfache Strandung gilt als klares Anzeichen dafür, dass der Wal krank war, als er die deutsche Küste erreichte. Weiterhin wird davon ausgegangen, dass das Tier extrem geschwächt ist.
Anteilnahme der Öffentlichkeit: Das Interesse an dem Buckelwal ist groß. Die Livebilder wurden tausendfach aufgerufen, in den sozialen Medien überschlugen sich die Kommentare - mit einer Bandbreite von genervt über emotional bis hin zu fanatisch. Der Wal ist in den vergangenen Wochen für eine Reihe von Menschen zu einer Art Symbol geworden - wofür genau, ist je nach Deutung unterschiedlich.
Was bei einer erneuten Strandung des Wals geschieht: Sollte der Wal an der dänischen Küste stranden, wird es keine erneute Bergung geben. Strandungen seien "ein natürlich vorkommendes Phänomen" und Wale sollten generell "nicht durch menschliches Eingreifen gerettet oder gestört" werden, teilte das dänische Umweltministerium mit. Ähnlich dürften sich Schweden und Norwegen verhalten.
Was wir nicht wissen
Aktuelle Position des Wals: Die Position des Wals nach der Freisetzung ist zumindest öffentlich nicht bekannt. Die Initiative hatte angegeben, dass ein Peilsender an dem Tier angebracht worden sei. Eigentlich sollten die Daten dem Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern zur Verfügung gestellt werden. Zumindest am Samstagmittag war das nicht geschehen.
Peilsender: Offen ist, ob der Sender funktionsgerecht angebracht wurde und Signale sendet. "Wenn sich bewahrheitet, dass der Peilsender keine Daten liefert, wäre das eine Katastrophe, auch für das 'Rettungsteam'", teilte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter mit.
Belege für erfolgreiche Freisetzung: Auf Drohnenbildern von News5 war am Samstag zeitweise ein im Wasser schwimmender Wal zu erkennen - ob es sich tatsächlich um das freigesetzte Tier handelte, ließ sich nicht gesichert sagen.
Gesundheitszustand des Wals: Dazu liegen zum Zeitpunkt der Freisetzung keine offiziellen Angaben vor. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus sagte bei News5, es sei eigentlich vereinbart gewesen, dass ein Videosystem auf dem Transportschiff installiert werde, damit beauftragte Tierärzte den Wal weiter beobachten könnten. Das sei aber nicht erfolgt.
Ablauf der Freisetzung: Von den finalen Momenten der Freisetzung existieren keine öffentlich zugänglichen Videoaufnahmen. Es ist deshalb offen, wie der Wal aus dem Transportschiff kam. Teile der Initiative kritisierten am Samstag, die Schiffsbesatzung sei grob vorgegangen. Die Bereederungsgesellschaft des Begleitschiffs "Robin Hood" sprach in einem Schreiben von einem Erfolg. Die Freisetzung sei in Abstimmung mit allen Beteiligten erfolgt, hieß es.
Kosten: Noch keine Angaben gibt es zu den Gesamtkosten der aufwendigen Aktion über mehrere Tage auf hoher See. Finanziert wurde das Vorhaben von der aus dem Pferdesport bekannten Unternehmerin Karin Walter-Mommert und Mediamarkt-Gründer Walter Gunz. Allein ohne die Kosten für die Schiffe hatten die Geldgeber laut Walter-Mommert mehr als 1,5 Millionen Euro ausgegeben. Innerhalb der Initiative war es in den vergangenen Tagen immer wieder zu Unstimmigkeiten gekommen, ein Teil des Personals wurde ausgetauscht.
Erfolg der Aktion: Kaum abzuschätzen ist, ob tatsächlich zu einem späteren Zeitpunkt von einer "Rettung" gesprochen werden kann. Nur mit Trackingdaten und damit dem jeweiligen Aufenthaltsort des Wals ließe sich transparent machen, ob sich das Leiden des Wals auf dieser Reise gelohnt hat, sagte Greenpeace-Experte Maack. Ritter erklärte, nach der langen Liegezeit sei fraglich, ob der Wal noch normal schwimmen und tauchen könne. Auch die Frage nach der Nahrungsaufnahme stelle sich wegen der in seinem Maul gefundenen Netzreste. Der Wal sei allen Anzeichen nach alles andere als fit.