Panorama

Aggressive Stimmung bei Demo Haftbefehl gegen Köthen-Verdächtige erlassen

108861021 (1).jpg

Rund 500 Menschen zogen bei einem Trauermarsch durch die Innenstadt.

(Foto: dpa)

Bei einem Streit in Köthen stirbt ein 22-Jähriger, die Polizei nimmt zwei Afghanen fest. Die Obduktion zeigt nun: Der Mann starb an einem nicht unmittelbar mit den Verletzungen zusammenhängenden Herzversagen. Dennoch wird Haftbefehl gegen die Verdächtigen erlassen.

Nach dem tödlichen Streit in Köthen sitzen die beiden Verdächtigen in Untersuchungshaft. Ein Richter erließ Haftbefehl wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge gegen die beiden 18 und 20 Jahre alten afghanischen Staatsbürger. Sie sollen in der Nacht zum Sonntag an einem Spielplatz mit anderen Männern aneinandergeraten sein. Dabei kam ein 22-jähriger Deutscher ums Leben.

Der Mann starb nach Angaben der Ermittler an akutem Herzversagen. Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis stehe dieses Herzversagen "nicht im direkten Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen" des jungen Mannes, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft in Sachsen-Anhalt mit. Die "Mitteldeutsche Zeitung" berichtet von einer kardiologischen Vorerkrankung.

Am Abend beteiligten sich rund 2500 Menschen an einem sogenannten Trauermarsch, zu dem rechte Gruppierungen in sozialen Netzwerken aufgerufen hatten. "Dies ist ein Tag der Trauer. Aber wir werden die Trauer in Wut verwandeln", sagte ein Redner. "Widerstand", "Auge um Auge", "Zahn um Zahn" und "Wir sind das Volk", erschallte es aus der Menge, andere skandierten "Lügenpresse". Als ein Beobachter die Szenerie mit einem Handy filmte, wurde er geschubst, die Polizei griff schnell ein. Angesichts der Erfahrungen von Chemnitz hatte sie sich auf Proteste eingestellt und Verstärkung unter anderem aus Niedersachsen und Berlin erhalten. Auch eine Gegenkundgebung fand statt.

Schwangerschaft war Auslöser für Streit

Nach bisherigen Erkenntnissen war es am Samstag auf einem Spielplatz zu einem Streit zwischen mehreren Männern gekommen. Drei aus Afghanistan stammende Männer sollen zunächst mit einer Frau dort darüber gestritten haben, von wem sie schwanger ist. Dann sollen der 22-jährige Deutsche und ein Begleiter hinzugekommen sein. Am Ende war der 22-Jährige tot. Gegen den dritten aus Afghanistan stammenden Mann gibt es keinen Verdacht, er wurde nicht festgenommen.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff warnte vor einer Instrumentalisierung des Falls. "Bei aller Emotionalität ist jeder Versuch zurückzuweisen, aus Köthen, wie es im Internet heißt, ein zweites Chemnitz machen zu wollen", sagte der CDU-Politiker. Die Polizei bereitete sich indes auf Proteste in der 26.000-Einwohner-Stadt vor. Die Linken-Politikerin Henriette Quade meldete eine Demonstration gegen rechte Hetze an, die um 18 Uhr am Bahnhof beginnen sollte. In sozialen Netzwerken riefen außerdem rechte Gruppierungen zur Teilnahme an einem sogenannten Trauermarsch auf.

Bürgermeister bittet um Besonnenheit

Köthens Bürgermeister Bernd Hauschild von der SPD riet auf seiner Facebookseite von der Teilnahme an dieser Kundgebung ab - "da mir Informationen vorliegen, dass auch gewaltbereite Gruppen von außerhalb Köthens in großer Zahl anreisen werden". Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht rief zur Besonnenheit auf. Er habe vollstes Verständnis für die Betroffenheit der Bürger, sagte der CDU-Politiker. Trotzdem bitte er um Besonnenheit. Der Rechtsstaat werde alle Mittel konsequent einsetzen, Justiz und Polizei ermittelten in enger Abstimmung. "Der tragische Tod des jungen Mannes geht mir sehr nahe, und ich bedaure das Geschehene zutiefst", sagte der Innenminister weiter. Der Köthener Kreisoberpfarrer Lothar Scholz besuchte den Tatort. "Ich kann nur hoffen und appellieren, dass nicht Gewalt mit Gewalt quittiert wird", sagte er. "Wir sind betroffen, was hier geschehen ist."

Der Landrat des Kreises Anhalt-Bitterfeld, Uwe Schulze, sagte: "Wir gehen davon aus, dass der deutsche Rechtsstaat Recht walten lässt. Wir wissen aber noch nicht genau, was passiert ist." Die Aufeinanderfolge von Chemnitz und Köthen "ist für uns schlecht", sagte er. Die Bundesregierung müsse sich überlegen, wie sie die Migration insgesamt gestalten wolle.

Kirche sammelt für Opfer

Die Evangelische Landeskirche Anhalts will in Köthen Spenden für die Bestattung des Opfers sammeln. Die Sammlung begann mit einer Trauerandacht am Sonntagnachmittag und soll noch einige Tage dauern. Zu der Andacht kamen etwa 300 Menschen, darunter auch mehrere Politiker. "Der Tod eines Menschen ist der schlechteste Anlass für eine Instrumentalisierung", sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig. "Es betrifft die ganze Gemeinschaft, wenn jemand so aus ihrer Mitte zu Tode kommt."

Linkspartei-Chefin Katja Kipping schrieb bei Twitter: "Mein Mitgefühl gilt all denen, die ein Familienmitglied, einen Freund, einen Bekannten verloren haben. Möge die Besonnenheit stärker und wirksamer sein als die rassistische Instrumentalisierung."

In Chemnitz war vor zwei Wochen ein 35-jähriger Deutscher getötet worden. Zwei junge Männer sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Sie stammen nach eigenen Angaben aus Syrien und dem Irak. Ein weiterer Verdächtiger wird gesucht. Seitdem gibt es in Chemnitz immer wieder fremdenfeindliche und teils aggressive Proteste. Tausende Menschen demonstrieren seither auch gegen rechte Hetze und für Toleranz.

Quelle: ntv.de, ftü/dpa/AFP

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.