Panorama

Nach Tod einer Elfjährigen Heftige Diskussion über Mobbing an Schulen

Ein elfjähriges Mädchen nimmt sich vermutlich das Leben, weil es in der Schule lange gemobbt wurde. Die Berliner Schulleiterin wehrt die Vorwürfe allerdings ab: Man habe das Mobbing thematisiert. Elternvertreter sehen das ganz anders.

Viele Eltern in der Hauptstadt sind schockiert, denn ein elfjähriges Mädchen aus Berlin hat sich das Leben genommen. Als möglicher Hintergrund steht der Verdacht von Mobbing an ihrer Schule im Raum. Doch bislang gibt es weder eine offizielle Bestätigung für den Suizid noch ist der genaue Hintergrund geklärt.

Die Elfjährige habe im vergangenen Jahr Konflikte mit anderen Schülern gehabt, wobei es aber zu keinen physischen Angriffen gekommen sei, berichtete die Schulleitung der Zeitung "B.Z". Daraufhin habe diese mit den Eltern und der Klasse gesprochen. Die Mädchen, mit denen es Konflikte gegeben habe, seien nicht mehr in der Klasse - seitdem herrschte Ruhe, erklärte die Schule.

Einige Eltern der Grundschüler erheben nun aber schwere Vorwürfe. Sie werfen der Leitung vor, an der Reinickendorfer Schule das Thema Mobbing unterschätzt zu haben: "Wir wollten das Thema in der Gesamtelternvertretung ansprechen, aber da wurde gesagt, dass das Thema hier nicht hingehört", berichtet ein Vater.

Die Schulleiterin Daniela Walter wehrt sich entschieden gegen Vorwürfe eines Vater aus dem Elternbeirat, dass an der Schule Probleme totgeschwiegen worden seien. Natürlich gebe es Vorfälle - beispielsweise auf dem Pausenhof. Aber: "Wir haben Konfliktlotsen an Bord", sagte Walter dem RBB. Darüber hinaus existiere eine "sehr gut ausgestattete Schulsozialarbeit". Nichts werde vertuscht oder unter den Teppich gekehrt. 

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Außerdem appelliert sie an Eltern: "Wenn Sie zu Hause mit den Kindern im Gespräch sind und Kinder sich öffnen, dann ist es am Ende auch die Rolle der Eltern, zu kommen und die Kinder zu unterstützen. Ich finde es ein bisschen schade, wenn man jetzt sagt, 'die Schule hat versagt'", erklärt sie im Fernsehinterview mit dem RBB.

Rat und Nothilfe

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Die politisch Verantwortlichen wollen den Fall nun prüfen. Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres sagte dem "Tagesspiegel": "Ich nehme alle Vorwürfe sehr ernst und wir werden den Fall, wie andere Trauerfälle auch, umfassend aufarbeiten." Gewalt- und Krisenpsychologen seien in die Schule geschickt worden, um mit den Lehrern Trauermöglichkeiten auszuarbeiten. Am Samstagabend hatten sich rund 150 Menschen zu einer Mahnwache vor der Grundschule eingefunden.

Verbale und psychische Gewalt unter Schülern kann sich in Beschimpfungen, bösen Kommentaren, Mobbing oder Gerüchten äußern, wie Potsdamer Forscher zusammentrugen. Seltener komme es zu körperlichen Angriffen. Der Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl, der an der Mahnwache teilnahm, forderte, bei diesem Thema das Tabu und Schweigen zu brechen.

Mobbing im Studium zu wenig thematisiert

Lehrer und Sozialarbeiter müssten hier schon im Studium "richtig und aktiv" ausgebildet werden. Auch die Gewerkschaften sehen dabei großen Nachhofbedarf. Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft GEW fordert im Interview mit n-tv Nachbesserungen: "Lehrkräfte werden in ihrer Ausbildung praktisch gar nicht auf diese Situation vorbereitet. Das passiert eher im Laufe der Berufstätigkeit."

Ein Ermittlungsverfahren ist eingeleitet worden.

Quelle: n-tv.de, sgu/AFP/dpa

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