Panorama

Schutz der Senioren gegen Corona "Heime sind einer der gefährlichsten Orte"

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In einem Altenheim in Wildeshausen haben sich 23 Bewohnerinnen und Bewohner sowie 17 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ältere Menschen haben das größte Risiko, Covid-19 nicht zu überleben. Daher hat ein Ausbruch des Virus in einem Alten- oder Pflegeheim besonders dramatische Folgen - wie in Wolfsburg, wo 17 Menschen nach einer Infektion sterben. Werden Senioren ausreichend geschützt?

Das Coronavirus hat deutsche Alten- und Pflegeheime erreicht - mit dramatischen Folgen: Schon seit dem Ausbruch der Pandemie in China gelten Senioren als besonders gefährdet. In Deutschland leben rund 800.000 von ihnen in Heimen. Wenn dort der Virus ausbricht, sind diese älteren und alten Menschen ihm beinahe schutzlos ausgeliefert. Nach Dutzenden Todesfällen und weitaus mehr Infektionen ist inzwischen die Sorge groß, dass Seniorenheime zu einem besonders schweren Brennpunkt in der Coronakrise werden. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sprach zuletzt im NDR-Podcast von einer neuen Phase in der Epidemie, die auch mit mehr Todesfällen einhergeht.

In dem Wolfsburger Hans-Lilje-Pflegeheim starben in den vergangenen Tagen bereits 17 Menschen an der Lungenkrankheit Covid-19. Mehr als die Hälfte der 165 Bewohner wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Nach Angaben der Stadt Wolfsburg wurden die Infizierten mittlerweile strikt von den Gesunden getrennt, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Wie genau das Virus in das Heim gelangte, sei noch nicht abschließend geklärt, sagte die Sprecherin des Pflegeheims, Bettina Enßlen, der "Taz". Die demenzkranken Bewohner verstünden die Abstandsregeln nicht. "Sie haben einen großen Bewegungsdrang. Man kann ihnen nicht erklären, warum sie auf ihren Zimmern bleiben sollen." Das Pflegeheim habe schon seit Langem seine Türen für Besucher geschlossen. Umso bitterer sei es, dass jetzt diese Serie von Todesfällen auftrete.

Trotz der Vorsichtsmaßnahmen und Besuchsverbote in vielen Pflegeheimen, gebe es immer noch zu viele Risikofaktoren, gegen die nichts unternommen werde, beklagen Kritiker. Da Heime und Residenzen keine Krankenhäuser sind, könne der Umgang mit Schutz und Hygiene in jeder Einrichtung anders gehandhabt werden, sagte Georg-Christian Zinn, Leitender Hygieniker bei Bioscientia, ntv. "Da gibt es bis jetzt keine gesetzlichen Vorgaben, wie viel Hygienebeauftragte sie tatsächlich haben müssen."

"Wir setzen Leben aufs Spiel"

So würden Pflegekräfte teilweise in ihrer Straßenkleidung arbeiten, erzählt eine Altenpflegerin, die anonym bleiben möchte, ntv. Dafür habe sie kein Verständnis. Pfleger gingen täglich ein und aus. Sie hätte damit ständig Kontakt nach außen. Und im Heim sei es kaum zu vermeiden, dass Pflegekräfte den Bewohnern nahekommen. Somit sei es besonders fatal, dass "die Mitarbeiter in der Regel nicht getestet werden", kritisiert die Pflegerin. Es werde nur getestet, wenn ein Verdachtsfall auftaucht.

"Pflegeheime sind zurzeit einer der gefährlichsten Orte, die wir in Deutschland haben", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, ntv. Er fordert engmaschige Tests. Bei der Aufnahme eines Bewohners in einem Heim müsse dieser grundsätzlich getestet und isoliert werden. "Darüber hinaus müssen Menschen, die dort arbeiten und grippale Infekte zeigen, sofort getestet werden." Sei das Coronavirus erst in einer Pflegeeinrichtung, müsse die jeweilige Kommune diese sofort überwachen, forderte Brysch. Dann habe man nicht länger "100 Hausärzte, die sich um 100 Bewohner kümmern", sondern das Gesundheitsamt übernehme. Ohne Schutzkleidung, Atemmaske, Desinfektionsmittel und Handschuhe "braucht man im Pflegeheim nicht anzufangen", so Brysch. Ohne diese Schutzmaßnahmen "setzen wir Leben aufs Spiel - sowohl der Pflegekräfte als auch der Pflegebedürftigen".

Doch gerade an Schutzausrüstung fehlt es in vielen Heimen. "Es gibt trotz der Pandemiepläne keine Vorräte", sagte Brysch dem "Spiegel". Die Preise auf dem Markt, die mittlerweile um das Hundertfache gestiegen seien, könne sich keine Einrichtung mehr leisten.

Hinzu kommt ein weiteres großes Problem: Es gibt zu wenig Personal. In vielen Heimen fehlten schon vor der Coronakrise Pfleger. Somit gibt es keinen Ersatz, wenn ein Mitarbeiter wegen Krankheit, womöglich infiziert mit Covid-19, nicht zur Arbeit kommen kann. Ein Altenheim in Wildeshausen greift daher zu einem nicht unumstrittenen Mittel. Dem Kreis Oldenburg zufolge wird in dem Heim streng getrennt: nach positiv und negativ getestet. Die positiv getesteten Bewohner werden ausschließlich von Mitarbeitern versorgt, die sich ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert haben. Die negativ getesteten Pfleger kümmerten sich derweil um die negativ getesteten Senioren. Zu diesen Maßnahmen habe sich das Heim entschlossen, nachdem dort zwei 89-Jährige an einer Infektion gestorben sind.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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