Panorama

"Alle Hebel in Bewegung setzen" Hinterbliebene entsetzt über Bolls Hanau-Film

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Bereits Mitte März forderten die Hinterbliebenen und die Stadt den Filmemacher in einem Offenen Brief auf, von dem Projekt abzusehen.

(Foto: imago images/Patrick Scheiber)

Der Regisseur Uwe Boll arbeitet weiter an einem Film über den rassistischen Anschlag von Hanau – gegen den Willen der Hinterbliebenen und der Stadt. Die kündigen nun an, alles zu tun, um eine Ausstrahlung zu verhindern. Der Film zeigt den Anschlag aus Tätersicht.

Die Kritik von Opfer-Familien an dem Filmprojekt des Regisseurs Uwe Boll über den rassistisch motivierten Anschlag in Hanau vor gut einem Jahr reißt nicht ab. Angehörige meldeten sich im "Spiegel" zu Wort. Armin Hamza Kurtovic, Vater des ermordeten Hamza Kurtovic, sagte: "Ich werde alles dafür tun, um zu verhindern, dass sich Bolls Fantasie über rechte Täter als das wahre Schicksal von meinem Sohn bei den deutschen Zuschauern einbrennt."

Cetin Gültekin, der Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin, fügte hinzu: "In meinen Augen tötet er mit dieser Verunglimpfung meinen Bruder ein zweites Mal." Die Mutter von Sedat Gürbüz sagte: "Er hat uns nicht gefragt. Der darf das nicht. Der war nie hier." Der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky solidarisierte sich mit den Angehörigen: "Diesen unsäglichen Film will in Hanau niemand. Nicht die Angehörigen, nicht die politischen Gremien, nicht die Stadtgesellschaft", zitierte ihn der "Spiegel". "Wir werden gemeinsam alle Hebel in Bewegung setzen, um die Ausstrahlung zu verhindern", erklärte der SPD-Politiker.

Am 19. Februar 2020 hatte ein 43-jähriger Deutscher in der Stadt im Rhein-Main-Gebiet neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen, bevor er mutmaßlich seine Mutter und schließlich sich selbst tötete. Die Tat hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst.

Der Film ist dem Bericht zufolge bereits abgedreht und befindet sich in der Postproduktion. Uwe Boll schildert darin die Tatnacht aus der Perspektive des Täters. "Die Angehörigen und ich, wir arbeiten doch beide an Aufklärung und Fehlerbehebung", zitierte ihn der "Spiegel". Er hätte das Projekt auch realisiert, wenn die Opferfamilien die Gelegenheit gehabt hätten, ein Veto einzulegen. "Die Angehörigen, die diesen Film sehen wollen, werden ihn, so weh er tut, am Ende begrüßen. Da bin ich mir sicher."

Mitte März hatten die Stadt Hanau und die Opfer-Familien in einem Offenen Brief gefordert, die Vorbereitungen einzustellen und auf die Dreharbeiten zur Realisierung dieses Films zu verzichten. Darin heißt es, "die pseudodokumentarische Ausrichtung kann nicht davon ablenken, dass es Ihnen hier allein darum geht, einen persönlichen Nutzen aus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu ziehen, die das schreckliche Attentat in unserer Stadt nach wie vor erhält". Sie werfen Boll vor, er benutze unter dem Deckmantel der Aufklärung und Kunst "das unbeschreibliche Leid der Opfer und ihrer Angehörigen, um Ihren Wunsch nach Publicity und die blutrünstige Sensationsgier Ihres Publikums zu befriedigen".

Für den Fall, dass Boll den Film dennoch realisiert, fordern ihn die Verfasser des Briefs auf, "die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen, deren Pietätsempfinden und die fortwirkende Menschenwürde der Verstorbenen zu beachten". Andernfalls wurden juristische Schritte angekündigt.

Quelle: ntv.de, hul/dpa

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