Panorama

Felsstürze und Gletscherspalten Hitze in Europa macht Alpen unsicher

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Geringer Schneefall im Winter und enorme Hitze im Sommer bedingen Felsstürze und Gletscherspalten: Die Besteigung von Bergen wie dem Mont Blanc oder Matterhorn ist aktuell ein besonders gefährliches Unterfangen. Der Klimawandel macht die Alpengipfel zu einem immer unwegsameren Terrain.

Von herunterkrachenden Steinen "so groß wie Kühlschränke" spricht Noé Vérité, Hüttenwart am Mont Blanc. Das Klima sorgt in diesem Jahr für verwaiste Berggipfel in Europa. Denn Schneemangel und die immer höheren Temperaturen machen die Riesen zunehmend unberechenbar, erst im Juli starben elf Menschen bei einem Gletschersturz am norditalienischen Marmolata. Viele Gipfel sind nur noch auf eigene Faust zu erreichen.

Die Bergführervereinigungen am Mont Blanc haben Mitte Juli bekannt gegeben, dass sie den Aufstieg über die Hauptroute aufgrund von Steinschlägen aufgeben. Auch am Matterhorn bieten die Bergführer derzeit keine Gipfelbesteigungen an, das Risiko sei zu groß. "Die meisten Berge lassen sich weiter bezwingen. Auf den klassischen Hochtouren aber sind die Anforderungen oft gestiegen." Rita Christen, Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands, erläutert das im Gespräch mit ntv.de am Beispiel der Jungfrau. Die Normalroute zum 4158 Meter hohen Gipfel führe über einen tiefen Bergschrund. Diese unbewegliche Gletscherspalte sei normalerweise mit Schnee bedeckt und deshalb leicht passierbar. Dieses Jahr fehle dieser Schnee: "Jetzt müsste man den Schrund hinuntersteigen und auf der anderen Seite an einer überhängenden Eiswand wieder hochklettern. Das ist eine ganz andere Tour", sagt Christen.

Spitzt sich die Gefahrenlage zu, erhöht sich der Schwierigkeitsgrad einer Besteigung, dann verengt sich der Kreis der möglichen Bezwinger: Derzeit würden nur noch "etwa ein Dutzend oder 20 Menschen pro Tag, eher Spezialisten", auf den Gipfel des Mont Blanc in 4807 Metern Höhe gelangen, schätzt Olivier Grébert, Präsident des Bergführerverbands von Chamonix. Normalerweise seien es 100 bis 120 Menschen. Der Marmolata-Gletscher dagegen ist von der Nordseite gar nicht mehr zugänglich. Eine behördliche Anordnung untersagt den Aufstieg über den Unglückshang.

"Schmilzt der Permafrost, löst sich das Gestein"

Dass Wege und Routen in den Bergen gesperrt werden oder nicht begehbar sind, ist ganz normal. Ob wegen Steinschlag, Lawinengefahr oder zu Naturschutzzwecken. Die Zahl der Sperrungen habe über die letzten Jahre allerdings zugenommen, sagt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein (DAV) im Gespräch mit ntv.de. Nicht dramatisch, aber doch merkbar. Vor allem auf mehr als 2000 Meter Höhe, wo üblicherweise der Permafrost im Boden sitze. Dort halte er den Fels zusammen wie Kitt. "Schmilzt der Permafrost, löst sich das Gestein", beschreibt Winter. Wenn Wanderwege unter solchen aufgelockerten Felswänden liegen, könne es zu Steinschlägen oder gar Felsstürzen kommen. "Bei einem Felssturz können Brocken runterkommen, so groß wie ein Auto", sagt Winter, der beim DAV auch für Sicherheit und Präventionsarbeit zuständig ist. Nicht jeder Felssturz lasse sich auf den Klimawandel zurückführen, "aber er trägt sicher dazu bei", so Alpenexperte Winter.

Die über die letzten Jahrzehnte im Mittel gestiegenen Temperaturen steigern laut Winter auch die Gefahr von Hangrutschen. Über der Baumgrenze würden so immer wieder Wanderwege verschüttet. Ausgelöst würden die Hangrutsche durch Abschmelzungen, die den Untergrund der Hänge erodieren ließen. "Das wird man in Zukunft vermehrt sehen", sagt DAV-Mann Winter: "Der Marmolata ist nur ein Vorbote für Dinge, die öfter passieren werden."

Dinge, die man früher nicht kannte. Das Abbrechen des Marmolata-Gletschers habe niemand erwartet, sagt Winter. Die Berge in Europa werden deshalb immer genauer vermessen. Die Schweiz überwacht großflächig Gletscherbewegungen, Italien hat an seiner Seite des Mont Blanc einen Radar installiert.

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Über den Gipfel des Hochvogels verläuft die Grenze zwischen Österreich und Deutschland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Am Allgäuer Hochvogel hat der Münchner Professor Krautblatter Messgeräte angebracht, die im Minutentakt ins Tal funken. Sie sollen die Gefahr beherrschbar halten, die der mittlerweile fünf Meter breite Riss darstellt, der sich mittig durch den Gipfel zieht. 26.000 Kubikmeter Stein könnten auf der österreichischen Seite des Bergs ins Tal stürzen. Sie würden keine Dörfer unter sich begraben, wohl aber Wanderwege und im schlimmsten Fall auch Wanderer.

Irgendwann werden viele prominente Berge kaum noch zu besteigen sein. Am Mont Blanc etwa sei damit innerhalb der nächsten 30 bis 50 Jahre zu rechnen, an anderen Gipfeln schon früher, sagt Stefan Winter und schiebt nach: "Wir erleben das schon noch mit."

Quelle: ntv.de, mit AFP

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