"Ich war nicht nur Opfer"Wie Gisèle Pelicot den Abgrund überwand
Von Solveig Bach
Bevor Gisèle Pelicot in dem Prozess gegen ihren Mann und 50 Mittäter zu einer Ikone wurde, war sie das Opfer zahlreicher Vergewaltigungen. Sie fürchtet, als Frau, "die männlichen Dominanzansprüchen zum Opfer gefallen war", niedergetrampelt zu werden - und triumphiert.
In dieser Woche sind die Memoiren von Gisèle Pelicot erschienen - zeitgleich mit der französischen Originalausgabe nicht nur auf Deutsch, sondern in 20 weiteren internationalen Ausgaben. Seit der Fall öffentlich wurde, schaut die Welt gebannt auf die ungeheuerlichen Verbrechen von Dominique Pelicot, der seine Frau über Jahre hinweg immer wieder mit Medikamenten betäubt, sie selbst vergewaltigt und in Internetforen anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten hat.
Bereits im Herbst 2020 gibt es in der französischen Lokal- und Regionalpresse erste, noch vage Berichte über einen Mann aus Mazan, der seine Frau betäubt und vergewaltigt haben soll. Zu diesem Zeitpunkt versucht Gisèle Pelicot noch, sich und ihre Kinder mit einem Pseudonym zu schützen. Mitte 2021 werden die Ermittlungen im "Fall Pelicot" öffentlich, in drei Verhaftungswellen werden insgesamt 53 Verdächtige identifiziert. Sie haben sich in einem privaten Chatraum auf der Plattform coco.gg intensiv über die Planung und Ausführung der Taten ausgetauscht. Der Name des Chatraums: "à son insu" - übersetzt "ohne ihr Wissen".
Seitdem ist klar, dass Gisèle Pelicot sediert und bewegungsunfähig den Übergriffen zahlreicher Männer ausgesetzt war, über ein Jahrzehnt hinweg. Sie ist das "Opfer", bevor sie die "Ikone" wird. In ihren Memoiren verweigert sie diese Kategorisierung vehement und stößt damit erneut eine Debatte an, die im Zusammenhang mit sexuellen Straftaten schon seit Jahren geführt wird.
Bilder von Schwäche und Hilflosigkeit
Im strafrechtlichen Sinn sind Opfer die Geschädigten in einem Verfahren, das sichert ihnen bestimmte Rechte. Doch was dazu gedacht ist, Unrecht anzuerkennen, empfinden viele Betroffene als Stigmatisierung. Denn es legt Passivität und Ohnmacht nahe und häufig auch lebenslange und irreparable Schäden. Während die Täter als übermenschlich böse und moralisch abartige Scheusale geradezu überhöht dargestellt werden, bleiben für die Opfer Hilflosigkeit, Schwäche und Fremdbestimmung.
Pelicot erzählt in ihrem Buch "Hymne an das Leben", wie sie im Laufe der Ermittlungen einen Termin bei einem psychologischen Gutachter hat. Sie erzählt ihm vom frühen Tod ihrer Mutter, ihrer Ehe mit Dominique Pelicot, den drei gemeinsamen Kindern. Nachdem sie ihre Aussage unterschrieben hat, sagt er: "Sie sind eine Frau, die sich beherrschen lässt. … Die willenlose Sklavin ihres Mannes." Pelicot ist empört. "Welcher Sklavenhalter betäubt seinen Sklaven, damit dieser ihm dient?", fragt sie. Wutentbrannt schaut sie auf die verschiedenen Versionen ihres Lebens, die ihr Polizei, Experten oder auch ihre Kinder erzählen. "Aber ich erkannte mein Leben nicht wieder, wenn andere es zusammenfassten. Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer."
Sie zerlegt ihren Ex-Ehemann "in zwei Hälften". Die eine ist der Mann, in den sie sich einst verliebt hatte und mit dem sie Kinder hat, die andere der Täter. Sie erlaubt sich selbst einen Abschied von ihm zu ihren eigenen Konditionen. Dazu gehört, ihm Kleidung zu bringen, ihm von der Geburt eines gemeinsamen Enkelkindes zu erzählen, das er vermutlich nie kennenlernen wird, von ihm lediglich einen Euro Entschädigung zu fordern. Trotzdem ist sie uneingeschränkt der Meinung, dass Dominique Pelicot und alle seine Mittäter zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt werden müssen. Die Psychologie kennt dafür den Begriff Ambiguitätstoleranz. Er beschreibt die Fähigkeit einer Person, mit einer ungewissen, unstrukturierten oder widersprüchlichen Situation umzugehen, ohne in Abwehr oder Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen.
Keine Vergewaltigungen?
In langen Spaziergängen erarbeitet sich Gisèle Pelicot eine Erzählung von sich selbst, in der sie nicht nur das schwache und wehrlose Opfer von vermutlich etwa 70 Männern ist, sondern eine starke und handlungsfähige Frau, die für sich selbst einsteht. Es ist der Moment, an dem sie sich auch dazu entschließt, den für sie zwiespältigen Schutz einer nicht öffentlichen Verhandlung aufzugeben. "Ich musste jede Minute ausfüllen, die mir gewährt wurde", schreibt sie über ihr Eröffnungsstatement. "Denn ich mochte zwar Gegenstand dieses Prozesses sein, würde bald als buchstäbliches Corpus Delicti nackt auf allen drei Bildschirmen erscheinen, die Gerichtssaal für die Sichtung der Videoaufnahmen bereitstanden, aber ich würde nicht dessen Stimme werden."
Wie recht sie mit ihren Befürchtungen hat, zeigt sich im Prozess, in dem viele Narrative über Betroffene sexueller Gewalt wiedererzählt werden. Einige der Angeklagten versuchen, den Eindruck zu vermitteln, sie seien von einvernehmlichen sexuellen Handlungen ausgegangen. Gisèle Pelicot lässt das unzählige Male von ihren Anwälten zurückweisen. Sie erträgt dafür das stundenlange Zeigen der Videos von den Taten, in denen ihre herbeigeführte Bewusstlosigkeit überdeutlich wird. Einige Verteidiger wehren sich gegen die Bezeichnung Vergewaltigung für die zu sehenden Taten, sie würden es lieber Geschlechtsverkehr nennen, der Vorsitzende Richter schlägt die Bezeichnung Sexszenen vor. Wenn die Bilder gezeigt werden, scrollt Gisèle Pelicot auf ihrem Handy durch Bilder ihrer Enkelkinder.
Ihre Anwälte sagen ihr, sie soll auf dem Weg ins Gericht nicht lächeln, um nicht den Eindruck zu erwecken, es gehe ihr gut. Es darf ihr nicht gut gehen, sie ist schließlich das Opfer. Sie hat das Gefühl, dass es im Prozess darum geht, "eine Frau, die männlichen Dominanzansprüchen zum Opfer gefallen war, endgültig niederzutrampeln".
Mehr als ein "geschundener Körper"
Die Attacken, Demütigungen und Unterstellungen bleiben trotzdem nicht ohne Wirkung. Sie hält das schließlich nur aus, weil jeden Tag mehr Frauen vor dem Gerichtsgebäude erschienen, die sie unterstützen. Ihre Anwesenheit erweist sich als "Gegengift" zu dem, was sich drinnen abspielt. Pelicot hat auch das Glück, dass am Ende des Prozesses alle Angeklagten verurteilt werden, ihr Ex-Mann Dominique zu 20 Jahren, die Mittäter zu Strafen zwischen 3 und 15 Jahren. Es gibt keinen Zweifel an ihrer Schuld.
"Ich bin doch nur meinen Weg gegangen, am Abgrund entlang. Und ich habe den Abgrund überwunden", schreibt sie. Trotzdem wartet Gisèle Pelicot bis zur Veröffentlichung ihrer Memoiren damit, der Welt ihren neuen Partner Jean-Loup vorzustellen, obwohl er bereits im Prozess an ihrer Seite ist. Denn auch das passt für viele nicht zu einem Opfer sexueller Gewalt. Dass sie wieder einen Partner haben möchte, sich Intimität und Sex wünscht. Doch Gisèle Pelicot darf sich nach schwerem Leider wieder Glück erlauben.
Nicht zuletzt mit ihrem Buch ist ihr gelungen, was ihr so wichtig ist: "Niemals auf diesen geschundenen Körper" reduziert zu werden, der in den Videos zu sehen ist. Die Täter "mussten zu Kreuze kriechen. Ich nicht". Und sie schafft, was beinahe unmöglich erschien. Sie hat den Namen, den sie seit mehr als 50 Jahren als Ehenamen trägt, ihrem Ex-Ehemann und Vergewaltiger entrissen. Sie bleibt Gisèle Pelicot, damit ihre Kinder und Enkelkinder stolz darauf sein können.
