Panorama

"Durchrohung der Gesellschaft"Immer mehr Menschen meiden sich wegen politischer Überzeugungen

09.09.2026, 13:00 Uhr
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Viele Menschen in Deutschland sehen die Gesellschaft als zerrüttet an. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Vor allem die AfD fördert Feindbilder und emotionalisiert Probleme. Das spiegelt sich immer häufiger auch in Familien oder unter Freunden und Bekannten wider, wo es wegen hoher Differenzen sogar zu Kontaktabbrüchen kommt. Sozialpsychologen fordern ein Gegensteuern.

Es hat sich etwas verändert im Miteinander. Früher hätte man sich beim Nachbarn mit anderer Parteipräferenz meist noch Salz oder ein Ei geliehen. Heute kann allein die politische Überzeugung darüber entscheiden, ob man miteinander auf einer Party sein möchte, gemeinsam im Verein bleibt oder die Kinder zusammen spielen lässt. Politische Kategorien gingen in soziale über, erklärt der Sozialpsychologe Jonas Rees von der Universität Bielefeld. "Ich weiß, welche Partei du wählst - und glaube deshalb zu wissen, wer du bist." Dadurch wachse die soziale Distanz zwischen den Lagern.

"In keinem anderen Staat der Welt ist die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Spaltung so stark ausgeprägt wie in Deutschland", hieß es im "Ipsos Populism Report 2025". Mehr als drei Viertel (77 Prozent) der Bundesbürger waren demnach der Ansicht, die Gesellschaft sei zerrüttet - noch einmal 16 Prozentpunkte mehr als 2021.

Gesellschaftliche Polarisierung zeigt sich längst nicht mehr nur in Wahlumfragen und politischen Debatten, sie verändert zunehmend auch den Alltag. Zwar sei es zutiefst menschlich und normal, sich sozialen Gruppen zuzuordnen, erklärt Rees. Das gelte für Merkmale wie das Geschlecht ebenso wie für lokale Zugehörigkeiten oder die Fanliebe zu einem Fußballverein. Solche Gruppen seien aber in stetem Kontakt - bei den Wahlentscheidungen sei das inzwischen anders: Immer häufiger seien Unterschiede in politischen Positionen ein Grund für Menschen, Kontakte zu meiden.

"Nachbar keines Blickes mehr gewürdigt"

Der Dortmund-Fan habe den Arminia-Fan nach einem Spiel vielleicht mal grimmig über den Gartenzaun angeguckt - aber ihm jederzeit gern ein Ei geliehen. Die politische Position hingegen könne inzwischen bedeuten, nicht mehr als Teil der eigenen Gemeinschaft gesehen zu werden. Dann wird vielleicht der Nachbar keines Blickes mehr gewürdigt. "Es geht in unsere soziale Identität über, mit 'denen' nichts zu tun haben zu wollen", so Rees, Professor für Politische Psychologie und Sprecher des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt am Standort Bielefeld. Es könne zu Kontaktabbrüchen kommen, ganze soziale Kreise überlappten dann nicht mehr, sondern lösten sich voneinander.

Die grundlegende Basis aus Gesprächen über den Gartenzaun, gegenseitiger Hilfe und Alltagsmiteinander etwa im Verein zu verlieren, bedeute jedoch, dass man gar nichts mehr erfahre - also auch nicht höre, dass das Gegenüber auch einen Sohn mit Schulproblemen habe oder die Blattläuse am Apfelbaum auch ihn nervten. Man erlebe in solchen Situationen nicht bloß den Vertreter einer anderen Gruppe, sondern den Menschen auf der anderen Seite des Zauns mit seinen ganz gewöhnlichen Sorgen.

Genau diese korrigierende Erfahrung im Alltag fehle dann: "Na ja, mit dem kann man schon noch reden. Wir haben ähnliche Sorgen und Probleme." Durch das Fehlen könnten sich Annahmen und Vorurteile über die jeweils andere Gruppe weiter verstärken.

Hinzu kommt eine zweite sich verstärkende Spirale: Wenn gemäßigte oder widersprechende Menschen die Gruppe - etwa den Verein - verlassen, verschwinden dort auch die Gegenstimmen. "Den Sportsfreundinnen und Sportsfreunden fehlt dann der Gegenpol, der auch mal sagt: "Nee, Moment, ich sehe das aber anders"." So verändere sich letztlich nicht nur die Zusammensetzung des Vereins, auch die sozialen Normen innerhalb der Gruppe könnten sich auf diese Weise immer weiter verschieben.

AfD fördert Feindbilder

Rees und andere Experten betonen übereinstimmend eine Kernthese: Gefährlich wird Polarisierung nicht durch Streit, sondern wenn der politische Gegner zum sozialen Feind wird und gemeinsame Alltagserfahrungen verschwinden. Eine Demokratie müsse politischen Streit aushalten, sagt etwa der Leiter der Politikforschung bei Ipsos in Deutschland, Robert Grimm. "Gefährlich wird es, wenn wir den anderen nicht mehr als legitimen politischen Gegner, sondern als moralisch minderwertigen Menschen wahrnehmen." In einer Kultur der Herabsetzung werde es schwieriger, normale gesellschaftliche Beziehungen über politische Grenzen hinweg aufrechtzuerhalten.

Von Parteien wie der AfD würden zu Kommunikationsabbrüchen führende Feindbilder gefördert, sagt Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Ein zentraler Mechanismus sei die Emotionalisierung aller Probleme, die rationale Argumentationen nicht mehr zur Geltung kommen lasse. Wahrnehmbar sei eine Ausbreitung von Feindbildern in erheblichen Teilen der Bevölkerung und mehr Aggressionen und Gewalt im Alltag. "Deshalb spreche ich von einer Durchrohung der Gesellschaft."

Bei Eltern, deren Wahrnehmung sei, dass die Welt gefährlicher, härter, rücksichtsloser werde, könne eine daran angepasste Erziehung die Folge sein, sagt Sozialpsychologe Rees: Die Überzeugung, die Welt sei ein Dschungel und nur die Stärksten könnten sich durchsetzen, könne sich auf das Erziehungsverhalten und damit auch auf das soziale Verhalten ihrer Kinder auswirken. Es sei vielleicht naiv, aber er glaube, dass es wichtig sei, diese Schleife zu durchbrechen und zu vermitteln, dass es ein freundliches Herz und einen offenen Umgang miteinander brauche, um in der Welt bestehen zu können.

Der Mix aus wirtschaftlicher Unsicherheit, veränderter politischer sowie angespannter Sicherheitslage könne das Gefühl erzeugen, dass man seine Kinder auf eine schwierigere Welt vorbereiten müsse, meint auch Ipsos-Experte Grimm. "Aber daraus folgt nicht, dass man sie härter behandeln sollte", betont auch er. "Resilienz und Härte sind zwei verschiedene Dinge."

Brückenbauer werden benötigt

Zentral sei, nicht mut- und hoffnungslos in ein fatalistisches "Es ist nichts mehr zu retten" zu verfallen, sondern sich ganz gezielt für weniger Spaltung zu engagieren, meint Rees, der auch Vorsitzender des Forums Friedenspsychologie ist. Es gehe darum, den Sportverein nicht vorschnell zu verlassen, weiter das Gespräch zu suchen, andere nicht abzuwerten. Es gehe darum, einander trotz sozialer und politischer Verschiedenheit noch als Teil derselben Gemeinschaft zu verstehen.

Wertschätzendes Miteinander müsse das Ziel sein, betont auch der Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es gelte, deeskalierend vorauszugehen, Vorbild zu sein. Andere würden dann automatisch mitgezogen, zeige die Zivilcourage-Forschung. Es brauche Brückenbauer in Vereinen, in Schulen, bei Ehrenämtern, Firmeninhabern und der Kirche. Er rate zudem Bürgermeistern dazu, eine Gruppe um Menschen um sich zu scharen, die sich gezielt für wertschätzenden Umgang einsetzen. Jeder solle sich fragen: "Was ist mein Beitrag? Was habe ich unternommen?"

"Es ist möglich, dass wir als Gesellschaft dennoch auf die Nase fallen", sagt Rees. "Aber wenn wir uns angucken, was im Moment so passiert, dann weiß ich: Wenn wir einfach weitermachen wie bisher, dann fallen wir auf jeden Fall auf die Nase."

Quelle: Annett Stein, dpa

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