Panorama

EU sagt Berlin weniger Dosen zu Impfstoff-Verteilung ist nächste Mammut-Aufgabe

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Bei minus 70 Grad muss der Biontech-Impfstoff transportiert werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als nationale Kraftanstrengung bezeichnete die Bundesregierung jüngst den Kampf gegen Corona. Und ähnlich wird es wohl mit der Verteilung des Impfstoffs. Bei minus 70 Grad muss dieser ausgeliefert werden. Die Post steht bereit. Dennoch wird sich die Pandemie noch über Monate ziehen.

Bundesregierung und Unternehmen bereiten sich fieberhaft auf eine schnelle Verteilung des möglicherweise ersten Impfstoffs gegen das Coronavirus vor. Die EU-Kommission hat die Gespräche über die Lieferung eines Corona-Impfstoffs mit den Pharmafirmen Biontech und Pfizer abgeschlossen. Ein fester Vertrag solle "in den kommenden Tagen unterzeichnet" werden, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Die Kommission bekräftigte, dass die EU-Staaten gemäß ihrem Bevölkerungsanteil Impfstoff zugewiesen bekommen sollen. Rechnerisch wären dies für Deutschland bei dem Mittel von Pfizer und Biontech maximal 56 Millionen Dosen.

Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer hatten zu Wochenbeginn erklärt, ihr Impfstoff sei zu über 90 Prozent wirksam. Sie wollen nun in der kommenden Woche in den USA eine beschleunigte Genehmigung für die Zulassung beantragen. In einem Vorvertrag mit den beiden Unternehmen hat sich die EU-Kommission 200 Millionen Dosen gesichert. Für weitere 100 Millionen gibt es eine Option. Pro Impfung sind zwei Dosen des Impfstoffs nötig.

Die größte Herausforderung bei der Verteilung wird sein, dass die von Biontech und ihrem US-Partner Pfizer entwickelte Impfung bei einer Temperatur von minus 70 Grad Celsius transportiert werden muss und nicht lange im Kühlschrank gelagert werden kann. Das stellt die Logistik vor eine besondere Herausforderung.

EU-Kommission widerspricht Spahn

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte, Deutschland wolle sich am Ende bis zu 100 Millionen sichern. Ein Sprecher der EU-Kommission sagte allerdings, dass bei der Verteilung weiterhin der Anteil an der EU-Bevölkerung einziges Kriterium sei. Dies sei aus Sicht Brüssels das einzig "faire Kriterium". Der Kommissionssprecher betonte auch, Mitgliedstaaten hätten sich darauf verständigt, "keine Parallelverhandlungen" mit Pharmaunternehmen zu führen. "Dieses Vorgehen wurde durch die EU-Gesundheitsminister unterstützt."

Die Kommission hat bisher mit drei Unternehmen feste Lieferverträge geschlossen: Johnson&Johnson, Sanofi-GSK und Astrazeneca. Dabei geht es um die Lieferung von jeweils 300 Millionen Impfdosen, im Falle von Astrazeneca gibt es zudem eine Option auf 100 Millionen weitere. Nun kämen Pfizer-Biontech hinzu. Vorgespräche hat Brüssel auch mit den Herstellern Curevac und Moderna abgeschlossen.

CDU-Politiker Spahn betonte weiter, dass die Zulassungsverfahren sowohl in den USA als auch in der EU beschleunigt, die Anforderungen an Sicherheit und Wirksamkeit aber nicht gesenkt würden. Große EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich hätten sich den Impfstoff auch national sichern können. Man habe sich aber aus solidarischen Gründen für den Weg über die EU entschieden, die die Impfung für alle 27 EU-Mitgliedstaaten besorge und die faire Verteilung organisiere. Es gebe eine "hohe Wahrscheinlichkeit", dass im ersten Quartal 2021 ein Impfstoff zur Verfügung stehe. Dies sei "ein Licht am Ende des Tunnels".

Fünf Tage im Kühlschrank

Das Mainzer Biotechunternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer hatten zu Wochenbeginn positive Studienergebnisse für ihren Corona-Impfstoff verkündet. Es war der weltweit erste Erfolg bei einer Studie der letzten Phase, die für die Zulassung entscheidend ist und an der Tausende Probanden teilnehmen. Noch in diesem Monat wollen die Partner in den USA eine Notfallgenehmigung für den Impfstoff beantragen. Biontech und Pfizer erwarten, noch in diesem Jahr weltweit bis zu 50 Millionen Impfstoffdosen herzustellen, im kommenden Jahr dann bis zu 1,3 Milliarden Dosen.

"Wir werden den Impfstoff bei minus 70 Grad verschiffen, er wird dann in zentralen Sites bei minus 70 gelagert, und wenn er dann zur Anwendung kommt, kann er dann fünf Tage im Kühlschrank gehalten werden oder bei Kühlschranktemperatur transportiert werden", sagte Biontech-Chef Ugur Sahin.

"Mit dieser Logistik werden wir die ersten drei Monate arbeiten, und wir sind auch zuversichtlich, dass das in Zusammenarbeit mit den Behörden und den Krankenhäusern sehr gut funktionieren wird." Weitere Daten bezüglich der Lagerung müssten aber noch erhoben werden. Im Dezember erwartet Sahin dazu weitere Erkenntnisse. "Und wenn die Daten uns zeigen, dass man den Impfstoff dann länger als fünf Tage, zwei Wochen vielleicht, im Kühlschrank halten kann, erleichtert dies das Ganze noch einmal."

Experten sehen darin die größte Aufgabe für die Logistik. "Die Kühlkette ist einer der herausforderndsten Aspekte bei der Lieferung dieses Impfstoffs", sagte Amesh Adalja vom Johns Hopkins Center for Health Security. "Das wird eine Herausforderung in allen Belangen, weil Krankenhäuser auch in großen Städten nicht die Lagerungskapazitäten für einen Impfstoff bei diesen ultra-niedrigen Temperaturen haben."

Bundeswehr und Post im Einsatz

Bei der Verteilung des Impfstoffs bat das Bundesgesundheitsministerium auch die Bundeswehr um Hilfe. Dies gelte vor allem für die Zwischenlagerung des Impfstoffs, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. "Wir haben neben der bisherigen Amtshilfe durch helfende Hände und in den Gesundheitsämtern schon seit Beginn der Pandemie auch logistisch unterstützt, indem wir beispielsweise geschützte Lagerflächen in unseren Kasernen etwa für Schutzmasken und Sanitätsmaterial bereitgestellt haben", sagte der Ministeriumssprecher. "Das würden wir in diesem Fall auch tun. Wir befinden uns derzeit im Abstimmungsprozess mit dem Bundesgesundheitsministerium."

Aktuell unterstützen mehr als 6000 Soldaten die Behörden im Kampf gegen die Pandemie. Die meisten von ihnen sind zur Kontaktverfolgung in den Gesundheitsämtern eingesetzt. Für die Verteilung eines möglichen Impfstoffs sieht sich auch die Deutsche Post gut gerüstet. Der Konzern stehe zur Verteilung bereit und befinde sich dazu in Gesprächen mit Pharmaunternehmen und Regierungen, sagte Konzernchef Frank Appel. Die Post könne auch Impfstoffe transportieren, die extrem gekühlt werden müssten. "Die Verteilung wird nicht an der Logistik scheitern", betonte Appel. Die Kontraktlogistik-Sparte des Konzerns betreibt weltweit mehr als 180 auf die Bedürfnisse der Pharmaindustrie zugeschnittene Standorte, in denen empfindliche Medizinprodukte etwa in verschiedenen Temperaturzonen gelagert und verpackt werden können. Auch die US-Logistiker UPS und Fedex haben ihre Bereitschaft zur Verteilung des Impfstoffs unterstrichen.

Gesundheitsminister Spahn mahnte trotz der Euphorie wegen der Aussicht auf einen Impfstoff zur Vorsicht. Er hoffe, dass die Menschen die Corona-Regeln weiter einhielten. Sie könnten damit rechnen, dass der nächste Herbst und Winter wieder anders würden. Nach jüngsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts wurden am Dienstag binnen 24 Stunden 15.332 Neuinfektionen in Deutschland registriert.

Quelle: ntv.de, jwu/rts/AFP