Panorama

Aerosolforscher im Interview "In Innenräumen mehr aufpassen, im Freien mehr lockern"

Omikron ist wesentlich ansteckender als andere Coronavirus-Varianten. Warum das so ist, erklärt Aerosolforscher Gerhard Scheuch im Interview. Er sagt außerdem, wo die Gefahr einer Ansteckung besonders groß ist und wo mehr gelockert werden könnte.

ntv: Alle Stadtstaaten reißen mittlerweile die Inzidenz von 1000. Warum sind vor allem die großen Städte so stark betroffen?

Gerhard Scheuch: Eine gute Frage. Ich glaube, dass das damit zusammenhängt, dass in den Städten mehr Kontakte zwischen den einzelnen Menschen stattfinden und auf dem Land weniger direkte Kontakte vorhanden sind. Dadurch baut sich diese Welle in den großen Städten schneller und stärker auf.

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Dr. Gerhard Scheuch ist Physiker und Aerosolforscher. In der Corona-Pandemie berät er etwa das Robert-Koch-Institut und erarbeitet Positionspapiere der Gesellschaft für Aerosolforschung.

(Foto: Screenshot ntv.de)

Omikron ist hochansteckend - wo im öffentlichen Raum lauern die Gefahren denn genau?

Wir wissen, dass die Gefahren hauptsächlich in Innenräumen lauern, wir stecken uns hauptsächlich drinnen an. Wir sollten also versuchen, möglichst viele Aktivitäten ins Freie zu verlegen. Sicherlich lauern die Gefahren dort, wo viele Menschen drinnen zusammentreffen: Das sind natürlich Büros, also der Arbeitsplatz, natürlich auch schlecht belüftete Restaurants, schlecht belüftete Bars und Geschäfte, in denen es keine besonders gute Belüftung gibt und die relativ klein sind. Dort lauern die Gefahren - und dann natürlich auch in den Verkehrsmitteln, in den U-Bahnen und S-Bahnen. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind natürlich auch Gefahrenquellen, weil dort mehrere Leute in Innenräumen zusammenkommen.

Kann man noch guten Gewissens Bus und Bahn fahren? Wenn ich hier in Berlin U-Bahn fahre, habe ich manchmal das Gefühl, dass es in jedem Abteil mindestens einen gibt, der keine Maske trägt. Da hat man schon das Gefühl, dass Omikron nicht weit weg ist.

Das ist richtig. Man sollte sich unbedingt gerade jetzt in den U- und S-Bahnen mit guten FFP2-Masken schützen, da Omikron sehr, sehr ansteckend ist, sehr viel ansteckender als die Varianten Delta und Alpha. Es ist ganz wichtig, sich möglichst gut zu schützen.

Aus der Sicht eines Aerosolforschers: Warum genau sind Innenräume so viel gefährlicher für eine Infektion?

Draußen, an der frischen Luft, verdünnen sich die ausgeatmeten Aerosole sehr schnell. Das heißt, wenn ich da ausatme, steigt die Luft in der Kälte ganz besonders schnell nach oben. Sie verdünnt sich sehr stark, und die Partikel, die den Gegenüber erreichen, sind nur noch sehr, sehr wenige. In Innenräumen reichert sich das Ganze dagegen an. Wenn ich in einem Innenraum bin und mich dort lange aufhalte, dann atme ich die Aerosol-Partikel, diese vielen Viren, in den Raum hinein. Die können nicht weg, sie bleiben dort und reichern sich - je länger ich drin bin - immer stärker an. Jemand, der in diesem Raum ist, atmet diese Partikel dann ein, und je länger man in dem Raum ist, umso eher steckt man sich an.

Das hängt also auch von der Dauer des Aufenthalts ab?

Die Zeit spielt dabei eine ganz erhebliche Rolle. Wir brauchen eine gewisse Zeit mit einem Infizierten, um uns anzustecken. Oder wir müssen sehr, sehr dicht an diesem Infizierten stehen. Dann stehen wir direkt in der Aerosol-Wolke des anderen und man kann sich auch anstecken. Aber das passiert in Innenräumen sehr, sehr viel häufiger. Diese Anreicherung gibt es im Freien nicht.

Gibt es einen Unterschied für die Infektionsgefahr zwischen den Varianten, also Alpha, Beta, Delta und jetzt auch Omikron?

Omikron ist sehr viel ansteckender. Warum das so ist, haben Forscher schon herausgefunden: Diese Viren vermehren sich in den Atemwegen, also im Mund-Rachenraum und auch in den Bronchien der Lunge, 70-mal effektiver als die Delta Variante, während sie sich in der tiefen Lunge, also in den Lungenbläschen, zehnmal weniger stark vermehren. Diese 70-fache Erhöhung der Virenzahl drückt sich dann natürlich auch darin aus, dass das Virus sehr viel ansteckender ist. Ein Infizierter atmet sehr, sehr viel mehr Teilchen aus und kann damit andere infizieren. Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Dieses Virus wird oft durch Superspreader übertragen, also Leute, die sehr, sehr viele Viren ausatmen. Während bei Alpha wahrscheinlich nur einer von hundert infizierten Superspreader war, ist es bei Omikron wahrscheinlich jeder Zehnte. Das heißt, wir treffen auf mehr Superspreader, und dadurch ist die Ansteckung natürlich sehr, sehr viel effektiver.

Heute steht das Bund-Länder-Treffen an. Bundeskanzler Olaf Scholz spricht sich dafür aus, keine weiteren Lockerungen durchzusetzen. Der Ministerpräsident von Bayern, Markus Söder, hingegen möchte das zumindest in den Bereichen Kultur und Sport. Was ist Ihrer Meinung nach der sinnvollere Weg?

Wir müssen in Innenräumen mehr aufpassen und können im Freien mehr lockern. Das heißt, ich würde mir strengere Maßnahmen in Innenräumen und etwas mehr Lockerungen im Außenbereich wünschen. Denn draußen gibt es viel, viel weniger Ansteckungen.

An welchen Maßnahmen müsste man am längsten festhalten?

An allen Einschränkungen in Innenräumen, zum Beispiel Regelungen im Restaurantbereich, in U- und S-Bahnen, die Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Freien können wir dagegen lockern und zum Beispiel Fußballstadien öffnen. Das wäre für mich kein großes Problem.

Bei dem heutigen Treffen soll auch über mögliche Öffnungsschritte diskutiert werden, wenn die kritische Infrastruktur und das Gesundheitssystem nicht überlastet sind. Wann könnte dieser Zeitpunkt kommen?

Der Zeitpunkt könnte kommen, wenn wir sehen, dass die Hospitalisierungsrate und die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen abnehmen. Wenn das der Fall ist, können wir schrittweise zu Öffnungen übergehen. Ich schätze, dass das in spätestens etwa drei bis vier Wochen der Fall sein wird.

Mit Dr. Gerhard Scheuch sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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