"Du kannst meins haben!"In der Ukraine gilt: Brautkleid bleibt nicht Brautkleid
Von Sabine Oelmann
Bei den russischen Angriffen auf die Ukraine werden nicht nur Gebäude und im schlimmsten Fall Leben zerstört, sondern auch Träume. Eine Braut, die ihr Kleid in der zerbombten Kvadrat-Mall in Kiew für kleine Änderungsarbeiten abgegeben hatte, sendet einen Post. Und Hunderte Frauen antworten.
Bei den Angriffen durch Russland auf Kiew am vergangenen Wochenende, den schlimmsten seit Langem, wurden Wohnhäuser zerstört, Geschäftshäuser, Schulen, Museen, Theater und eine Shoppingmall. In dieser Shoppingmall: ein Laden für Brautkleider. In diesem Laden: das Kleid von Daria S., die es dort ändern lassen wollte. So wie alle Bräute wollen, dass ihr Hochzeitskleid perfekt sitzt, wollte auch Daria S. am sogenannten schönsten Tag im Leben einfach nur die schönste Braut sein. Ihr Traum ging in Flammen auf, denn persönliche Träume von ukrainischen Bräuten interessieren den russischen Angreifer nicht.
"Ich habe gerade feststellen müssen, dass mein Brautkleid, das ich zum Ändern in dem Brautladen in der Kvadrat-Mall gelassen hatte, in Flammen aufgegangen ist", schreibt sie. "Die Hochzeit ist in 20 Tagen."
Mal abgesehen davon, wie brutal und sinnlos dieses Niederbrennen und Abschießen von nichtmilitärischen Einrichtungen ist, gingen nicht nur Gebäude und Dinge in Flammen auf, sondern auch die Träume der Braut. Auf Threads teilte sie ihre Geschichte. Sachlich fast, ohne zu viele Gefühle zu zeigen, kein: "Was soll ich bloß machen" oder: "Ich bin verzweifelt". Einfach nur die Feststellung, dass ihr Kleid wohl nicht mehr zu gebrauchen ist.
Wie enttäuscht sie war, konnten sich allerdings vor allem wohl diejenigen denken, die vielleicht vor Kurzem geheiratet hatten. Und wie es so ist mit Brautkleidern, haben sie zwar einen hohen emotionalen Wert, aber: Zieht man das Ding noch mal an? Eher nicht. Einige färben ihre Brautkleider, manche gehen am Hochzeitstag immer wieder darin essen oder feiern, und einige probieren es an, nur um festzustellen, dass es nicht mehr passt.
"Frisch aus der Reinigung"
Darias Post jedenfalls verbreitete sich schnell – die Reaktion darauf ist berührend: Innerhalb kürzester Zeit bekam sie Hunderte Angebote von anderen Frauen, die Daria ihr eigenes Brautkleid anboten. "Du kannst meins haben", schreibt Iryna. Ein schlichtes, weißes Kleid, sie schlendert eine Straße entlang, mit Sonnenbrille und ihrem Bräutigam, ebenfalls mit Sonnenbrille. Das Paar versprüht Lässigkeit und Rockstar-Attitüde. "Es tut mir so leid, was passiert ist", schreibt Polina, "ich kann dir mein Hochzeitskleid in Größe S bis M anbieten." Auf Polinas Foto weht der Wind in ihren langen Schleier, sie lächelt, die Abendsonne in ihrem Gesicht.
Alina sendet ein Foto, auf dem jemand ihr Kleid hinter ihr schließt, sie lacht. Wahrscheinlich hält sie die Luft an, eine Szene wie aus "Vom Winde verweht". "Ich kann dir gern mein Kleid geben. Es war in der Reinigung und sieht aus wie neu", schreibt sie. Zorka lehnt verträumt an einem Baum, und auch sie bietet Daria ihr mittellanges, schlichtes Kleid an. Eine andere Braut hat gar zwei Kleider im Angebot: "Ich habe eine voluminöseres und ein einfacheres. Du kannst gern beide ausleihen."
Auf Serafymas Foto sehen wir eine junge Frau, kaum geschminkt und lachend, mit ihrem Bräutigam an der Hand eine Treppe hochgehen, der Schleier bedeckt den ganzen Rücken, die Puffärmel geben dem schulterfreien Kleid eine verspielte Note, die ausdrückt: "Ich kann alles - verträumt, schlicht, elegant, vor allem aber glücklich!" Und wenn es nur dieser eine Tag ist.
Bräute wissen, es sind Fotos für die Ewigkeit. Die Geschichten dahinter kennen wir nicht: Muss der junge Mann an der Seite der Braut gleich wieder an die Front? Leben die Eltern noch, gibt es bereits Kinder? Hat das Paar ein Zuhause? Wie sieht es in ihrem Innersten aus? Ist unter den langen Kleidern eine Beinprothese versteckt? Was haben die Brautpaare in ihrem jungen Leben bereits durchgemacht, um heute endlich Ja zu sagen? Das ist nicht zu sehen, auch auf dem Bild von Lavika nicht: "Ich würde dir auch gern helfen", schreibt sie, "das Kleid ist gereinigt, Größe XS-S, ich bin 158 cm groß und habe hohe Schuhe getragen." Diese Tatsache ist rührend, denn noch immer ist die Braut, wie auf ihren Foto zu sehen ist, fast einen Kopf kleiner als ihr frisch angetrauter Ehemann, mit dem sie vor einem riesigen Ähren- und Blumenkranz posiert. "Nimm dir die Zeit, dich von dem Schock zu erholen und das Kleid auszusuchen. Meins ist eher cremefarbig als weiß."
Falls Daria größer sein sollte als Lavika, bietet eine andere Frischvermählte ihr Kleid an: "Mein Kleid wurde für eine Größe von 176 cm angefertigt", schreibt sie und sieht aus wie eine Prinzessin vor dem Hintergrund eines Schlosses.
In welchem Kleid Daria S. schließlich heiraten wird, löst der Post nicht auf. Doch es gibt kaum einen Zweifel, dass sie auch dieser schrecklichen Situationen noch etwas Wunderschönes abgewinnen will.