Panorama

Neuerfindung der Virenschleuder Ischgl bietet Corona-Tests statt Après-Ski

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Am 26. November beginnt die Wintersaison in Ischgl. Diesmal ohne Après-Ski.

(Foto: picture alliance/dpa)

Im Frühjahr verliert Ischgl seinen weltbekannten Ruf als Wintersport- und Après-Ski-Mekka und wird zur Corona-Schleuder. Am "Ballermann der Alpen" infizieren sich Tausende Menschen mit dem Virus und tragen es von dort aus quer durch Europa. In der Wintersaison will der Tiroler Ort sein Image aufpolieren.

1.600 Menschen leben in Ischgl, das klingt beschaulicher als es ist. Vor allem im Winter verwandelt sich der kleine Ort im Tiroler Paznauntal zum Paradies für alle, die gerne auf die Piste gehen - zum Skifahren, aber auch zum Party machen. Fast 400 Hotels mit insgesamt knapp 12.000 Betten gibt es in dem kleinen Ort. Aber seit Ischgl im Frühjahr zur europäischen Corona-Drehscheibe wurde, hat der Massentourismus ausgedient. Etwa 11.000 Infektionen konnte der ORF bei Recherchen auf den Wintersportort zurückführen. Ausgelöst durch eklatante Fehler von Politik und Behörden, hat eine unabhängige Expertenkommission vergangene Woche bestätigt.

"Diese Fehlerkette hat sich von ganz unten, also bei der Gemeinde Ischgl angefangen, bis ins Bundeskanzleramt zu Sebastian Kurz hochhangelt", sagt Reporter Christian Bartlau im ntv-Podcast "Wieder was gelernt." Er hat sich den Bericht der Expertenkommission genau angeschaut und festgestellt, dass zwar keine neuen Details an die Öffentlichkeit gelangt sind, aber auch kein Auge trocken blieb. Auf fast 300 Seiten werden schwere Fehler dokumentiert. "Das liest sich wirklich wie Pleiten, Pech und Pannen", sagt Bartlau. Niemand in Tirol könne mehr sagen, man habe alles richtig gemacht.

Das Gremium nimmt sich selbst Kanzler Sebastian Kurz zur Brust. Es sei ein Fehler gewesen, am frühen Nachmittag des 13. März die Quarantäne-Anordnung für das Paznauntal zu verkünden. "Die Behörden auf lokaler Ebene wollten die Quarantäne eigentlich später anordnen, um erst einmal die Täler leerzumachen und zu verhindern, dass die Leute fluchtartig abreisen, wie es dann passiert ist." Stattdessen aber stellt Kanzler Kurz bereits um 14:15 Uhr das Gebiet rund um Ischgl unter Quarantäne. "Diese Gebiete werden ab sofort isoliert", sagte Kurz und beging damit laut Expertenkommission einen schweren Kommunikationsfehler. "In dem Bericht wird beschrieben, wie die Leute ihre Skier wegschmeißen vor der Skistation, wie sie in Skischuhen zu ihren Autos rennen und einfach loslassen, zum Teil sogar noch Klamotten in ihren Zimmern lassen. Dieses Chaos hat Sebastian Kurz mitzuverantworten", erläutert Bartlau.

(Noch) keine Konsequenzen und Schuldigen

Rechtliche Konsequenzen hat die Aufarbeitung des Gremiums dagegen nicht. Die sechsköpfige Gruppe nennt auch keine Schuldigen. "Die Expertenkommission zeigt auf, es gab die Fehler. Sie zeigt aber nicht auf, warum die Fehler passiert sind", so Bartlau. Von der Politik in Tirol berufe man sich weiterhin auf die unübersichtliche Lage Mitte März. "Das ist so ein bisschen diese Helene-Fischer-Linie, keiner ist fehlerfrei, was ist schon dabei", kritisiert Bartlau. "Aber der Verdacht ist ja, dass diese Fehler passiert sind, weil die Tourismuslobby Druck ausgeübt hat auf die politischen Verantwortlichen. Das wird in diesem Bericht nicht aufgearbeitet, da erhoffe ich mir von den strafrechtlichen Ermittlungen noch viel mehr."

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt gegen vier Beschuldigte wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Gegen wen genau ist aber nicht bekannt. Die "Tiroler Zeitung" schreibt, dass vier lokale Politiker im Fokus stehen, darunter der Bürgermeister von Ischgl, Werner Kurz.

Zurückgetreten ist bis heute jedoch niemand. "Das ist etwas, was gerade die Opposition in Tirol überhaupt nicht versteht", berichtet ntv-Reporter Bartlau. "Ich habe mit Dominik Oberhofer von den liberalen Neos gesprochen. Der ist auch Hotelier und sagt, es kann doch nicht unser Ernst sein, dass wir unsere Gäste gefährden und niemand ist zurückgetreten, niemand hat Verantwortung übernommen und niemand hat sich entschuldigt." Es habe lediglich eine Entschuldigung von Tirols Landeshauptmann Günther Platter auf Nachfrage einer deutschen Journalistin gegeben. Man würde jedoch eine "ehrliche Entschuldigung" erwarten, so Bartlau. "Vielleicht auch eine Art Anzeigenkampagne des Tourismusverbandes" oder einen "runden Tisch", um Ansprüche zu klären. "Nein, stattdessen müssen die Betroffenen den Klageweg gehen."

Wintersaison unter Corona-Bedingungen

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Andreas Steibl ist Geschäftsführer des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl.

(Foto: imago images/Overstreet)

Der Imageschaden für Ischgl ist riesengroß. Das Stigma "Virenschleuder" bleibt haften. Dennoch schaut die Tourismusbranche demonstrativ nach vorne. Am 26. November beginnt die Wintersaison, die erste unter Corona-Bedingungen. Für die Region ist sie überlebensnotwendig, erklärt Tourismusdirektor Andreas Steibl bei "Wieder was gelernt". Der Tourismus sei Ischgls "Lebensader". "Ohne wären viele Seitentäler in Tirol gar nicht bewohnbar. Und für uns ist das natürlich auch eine ganz wichtige Einnahmequelle", sagt Steibl und ergänzt: "Wir sind, glaube ich, in den letzten Jahren, als die Marke Ischgl sehr bekannt geworden ist, sehr gute Gastgeber gewesen."

Ein guter Gastgeber möchte das österreichische Winter-Mekka auch im Winter 2020/21 sein. Aber das wird eine große Herausforderung, ist sich Tourismus-Chef Steibl bewusst. Internationale Reisewarnungen machen es der Tourismusbranche ohnehin schwer. Und gerade Ischgl lebt nicht nur von großen Skigebieten, sondern auch von seinen Après-Ski-Partys. Die wird es inmitten einer Pandemie aber nicht geben. Stattdessen will der Ort mit einem ausgefeilten Hygienekonzept punkten.

Man habe aus den Erfahrungen gelernt, sagt Andreas Steibl. "Wir setzen jetzt Impulse, dass so etwas nie wieder bei uns passieren kann. Wir haben ein Gesundheitsmanagement zusammengestellt, das weit über den behördlichen Auflagen liegt." Urlaubern werde nahegelegt, mit einem aktuellen Testergebnis anzureisen. Es gebe jedoch auch vor Ort in Ischgl die Möglichkeit, einen freiwilligen Test zu machen. "Die Screening-Station liefert am selben Tag noch das Ergebnis", erklärt Steibl. Für Mitarbeiter in Ischgl ist ein Corona-Test zu Beginn der Saison Pflicht. Zudem solle es laufend wöchentliche Tests geben. "Mit einem eigenen Labor, das wir in Ischgl haben, können wir 3000 Testungen pro Woche machen."

"Après-Ski gehört zur DNA von Ischgl"

Seilbahnen und Skidepots sollen täglich mit Kaltverneblungsgeräten desinfiziert werden. Mit dieser Methode könnten 99,99 Prozent aller Viren und Bakterien abgetötet werden, heißt es. Wintersportler müssen in den Skiliften und Seilbahnen Maske tragen, und überall dort, wo es eng werden kann. Bei der Kontaktverfolgung setzt Ischgl auf eine eigene App. Urlauber müssen sich registrieren und ihre Anwesenheit dann zum Beispiel in Restaurants mit einem QR-Code dokumentieren.

Und irgendwann sind hoffentlich auch wieder Partys möglich, hofft Steibl. "Der Après-Ski gehört natürlich zur DNA von Ischgl. Eine Neuerfindung wäre nicht optimal und nicht zielführend." Stattdessen gehe es darum, die Partykultur im Ort auf ein höheres Niveau zu bringen. Man wolle "die Chance nutzen" und "teilweise an der Qualitätsspirale drehen". Es sei schlussendlich klar, dass "die Leute im Urlaub in ihrer schönsten Zeit im Jahr auch gerne andere Leute kennenlernen" wollen. "Diese Bedürfnisse werden sich wahrscheinlich nach Covid noch stärker entwickeln", ist Steibl überzeugt.

Wenn der Impfstoff bereitsteht, die Krise überstanden ist, soll der Après-Ski in Ischgl also sein Comeback feiern. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Ischgl wird sich zumindest temporär neu erfinden müssen. Solange das Coronavirus Alltag und Urlaub bestimmt.

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Quelle: ntv.de