Panorama

Superspreading-Event im Mai Israel zeigt, wie Schulöffnung nicht geht

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Mitte Mai öffneten die Schulen in Israel wieder. Etliche Schüler und Lehrer steckten sich in der Folge mit dem Coronavirus an.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach und nach enden in den Bundesländern die Schulferien. Wie im Unterricht mit dem Coronavirus umgegangen werden soll, darüber herrscht zwischen Ostsee und Alpen keine Einigkeit. Israel zeigt, dass zu laxe Regeln zu einem massiven Ausbruch und Schließungen führen können.

Es mag wie eine Verkettung unglücklicher Zufälle anmuten, doch im Endeffekt verdeutlichen die Ereignisse Ende Mai in Jerusalem eines: Inkonsequenz. Die Vorzeichen waren zunächst gut. Die täglichen Coronavirus-Fallzahlen hatten sich eindeutig entspannt. Nur noch einige Dutzend Neuinfektionen registrierten die Gesundheitsbehörden täglich. Pünktlich zum Start der neuen Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu öffneten die Schulen am 17. Mai landesweit und mit vollen Klassen ihre Pforten. Die Schülerinnen und Schüler waren größtenteils zuletzt Anfang März vor Ort unterrichtet worden.

Was dann exemplarisch in einer Schule passierte, arbeitet eine Studie mehrerer israelischer Wissenschaftler für das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) auf. Der Fall des Gimnasia Rehavia machte international Schlagzeilen und gilt als einer der größten Corona-Ausbrüche dieser Art überhaupt. Wenige Tage nachdem sich zwei Schüler infiziert hatten, erkrankten rund 150 Schülerinnen und Schüler sowie 25 Lehrkräfte. Insgesamt steckten sich 260 Personen - darunter Verwandte und Freunde - an.

Rund 1200 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren werden an der Jerusalemer Schule unterrichtet. Wie es in Israel üblich ist, sitzen bis zu 38 Schülerinnen und Schüler in einem Klassenraum. Die Räume sind zwischen 39 und 49 Quadratmeter groß - Abstand halten ist quasi nicht möglich.

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Dazu kamen die besagten Zufälle: Zwischen dem 19. und 21. Mai zwang eine Hitzewelle die Verantwortlichen dazu, die Klimaanlagen anzuwerfen und die Fenster zu schließen. Die Schüler wurden von ihrer Maskenpflicht entbunden. Am 26. und 27. Mai meldeten dann die Eltern von zwei Schülern, ihre Kinder seien positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Die beiden Betroffenen aus dem Jahrgang sieben und neun wiesen milde Symptome auf (fehlender Geruchs- und Geschmackssinn, Fieber und Kopfschmerzen). Ihre Infektionen hingen nicht miteinander zusammen. Die Schule schloss der Zeitung "Haaretz" zufolge schließlich am 1. Juni.

Forscher benennen Regeln für geordneten Schulbetrieb

Im Verlauf der nächsten Wochen veranlasste das israelische Bildungsministerium die Schließung von mehr als 240 Schulen, bei denen mindestens je ein Covid-19-Fall ermittelt wurde, und schickte 22.520 Schüler und Lehrkräfte in Quarantäne, berichtet die "New York Times". Als das Schuljahr Ende Juni vorbei war, hatten sich demnach knapp 1000 Schüler und Lehrer mit Sars-CoV-2 infiziert. Die Hälfte der landesweiten Coronavirus-Fälle in diesem Monat, der als Beginn einer zweiten Welle gilt, kann laut CNN in Verbindung mit Ausbrüchen an Schulen gebracht werden.

Die israelischen Forscher ziehen ein eindeutiges Fazit. Sollte der Schulbetrieb wieder einigermaßen normal aufgenommen werden - geplant ist das am 1. September -, müssen einige Punkte beachtet werden: Schülerinnen und Schüler sollten in kleinen, geschlossenen Gruppen lernen. Eine Durchmischung mit anderen Gruppen sollte sowohl bei Aktivitäten außerhalb des Klassenraums als auch auf dem Weg zur Schule, etwa im öffentlichen Nahverkehr, minimiert werden.

Sobald eine Person erste Anzeichen einer Erkrankung spürt, sollte sie dem Unterricht fernbleiben. Wenn möglich, sollte auch über Schulstunden im Freien oder digital von zu Hause nachgedacht werden. Bildungseinrichtungen sollten das regelmäßige Lüften verstärken und auf Klimaanlagen möglichst verzichten. Darüber hinaus raten die Wissenschaftler zu der Formel, die in Deutschland als "AHA" bekannt ist: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske.

15.000 neue Lehrkräfte benötigt

Israels Regierung bemüht sich, aus den Fehlern der vergangenen Monate zu lernen. Das Bildungsministerium veröffentlichte kürzlich einen Plan, wonach nicht mehr als 18 Kinder in einer Gruppe lernen sollen. Von der vierten Klasse an gilt eine Maskenpflicht, auch in den Klassenräumen. Ab der fünften Klasse werden die Schüler an mindestens zwei Tagen in der Woche in der Schule unterrichtet, den Rest der Woche von zu Hause aus über den Videokonferenzdienst Zoom. Um die Pläne umzusetzen, bedarf es allerdings 15.000 neuer Lehrkräfte, berichtet die "Times of Israel". Etwa die Hälfte davon dürfte bis zum Januar nächsten Jahres eingestellt sein. Die Regierung kalkuliere für die Schulöffnung Kosten in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar ein.

In Deutschland hat das neue Schuljahr in einigen Bundesländern bereits begonnen. Mehrere Schulen in Mecklenburg-Vorpommern mussten wenige Tage nach Unterrichtsbeginn bereits schließen, weil Schüler oder auch Lehrkräfte positiv auf Covid-19 getestet wurden. Es dürften nicht die letzten gewesen sein. Die Hygienekonzepte werden je nach Bundesland unterschiedlich umgesetzt. Während im Nordosten keine Maskenpflicht im Unterricht gilt, müssen Schüler in Nordrhein-Westfalen ab Klasse fünf auch im Klassenraum eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Präsenzunterricht wird vielerorts großgeschrieben. Ein Blick nach Israel dürfte zeigen, welches Konzept sich bewähren wird.

Quelle: ntv.de