Panorama

Tickets, Abstände und Regel-Wahn Italien streitet über den Strandbesuch

In Italien wird heiß über die möglichen Strandregeln diskutiert.

In Italien wird heiß über die möglichen Strandregeln diskutiert.

(Foto: imago images / Michael Kristen)

Ab dem 3. Juni sollen Ausländer und damit Urlauber wieder nach Italien reisen können. Zumindest unter bestimmten Voraussetzungen, dennoch könnte auf die Touristen einiges zukommen. Denn halb Italien streitet gerade über die möglichen Anti-Corona-Regeln für den sicheren Strandbesuch.

Für viele Deutsche bleibt ein Urlaub am Meer in Italien so etwas wie ein Traum, eine Sehnsucht, der Inbegriff von Freiheit und Lebenslust. Trotz des Coronavirus könnten diesen Sommer diese Erwartungen erfüllt werden - vorausgesetzt die Grenzen nach Italien werden wie von der Regierung beschlossen am 3. Juni wieder geöffnet. Doch der Strandalltag dürfte sich deutlich von Gewohntem unterscheiden. Das nationale Institut für Unfälle am Arbeitsplatz (INAIL) und das Gesundheitsinstitut (ISS) haben nämlich in dieser Woche die Richtlinien für einen Badeurlaub am Meer veröffentlicht und was darin steht, erinnert mehr an die Hausordnungen eines Schweizer Internats.

In den 20 Seiten versuchen die Verfasser penibel auf jedes Detail zum Strandaufenthalt einzugehen, um jegliche Infektionsgefahr, soweit dies überhaupt möglich ist, zu vermeiden. Was einerseits absolut nachvollziehbar ist, andererseits aber die Lust auf einen Urlaub am Meer gehörig dämpft.

Für die "Bagni", die Strandbäder, sind folgende Regeln vorgesehen: Der Zugang zu den Badeanstalten soll über Buchungen erfolgen, der Aufenthalt zeitlich begrenzt sein, die Abstände zwischen den Reihen 5 Meter betragen, der zwischen den Schirmen 4,5 Meter. Außerdem soll es einen bestimmten Weg zum Wasser und wieder zurück geben. Gruppenspiele, Beachvolleyball, aber auch Federball, sind verboten. Auch im Wasser muss die Distanz gewahrt werden.

Mehr Abstand als in Bahnen und Bussen

Außerdem denken die Behörden über ein Armband nach, das signalisieren soll, wenn der Körperabstand von 1,5 Metern nicht gewahrt ist. Das alles gilt natürlich auch für Kinder, die sich außerdem nur in kleinen Gruppen auf den Spielplätzen aufhalten dürfen. Jedes Bad soll eine Besucherliste führen, um bei eventuellen Ansteckungen die Kontaktpersonen nachverfolgen zu können. Auch das Essen und Trinken am Strandkiosk ist untersagt, das Personal bringt es zur Liege. Beim Hinein- und Hinausgehen aus der Badeanstalt gilt die Mundschutzpflicht. Die Liegen müssen bei Besitzerwechsel jedes Mal desinfiziert werden.

Und wer jetzt denkt, man könne ja auf die freien Strände ausweichen, der liegt falsch. Auch bei diesen wird es Ein- und Ausgänge geben, der Eintritt soll über eine App gebucht werden. Außerdem soll es auch hier Distanzmarkierungen geben, wobei noch nicht klar ist, wie diese konkret umgesetzt werden sollen.

Die 30.000 Strandbadbetreiber reagieren auf die Richtlinien mit blanker Entrüstung. Sollten diese eins zu eins umgesetzt werden müssen, dann lohne es sich gar nicht aufzumachen, sagen viele. "Natürlich wollen wir, dass unsere Kunden kein Risiko eingehen und sich sicher und geschützt fühlen", sagt Fabrizio Licordari, Vorsitzender des Branchenverbands Assobalneari Italia ntv.de. "Doch jemand muss uns erklären, warum im Bus oder in der U-Bahn ein Abstand von 1,5 Metern gilt und am Strand, im Freien also, dieser fast viermal größer sein muss". Diese Abstände würden für viele Strandbäder die Zahl der Liegen halbieren und somit die Einkünfte. "Im Gegenzug steigen aber die Kosten für das Personal und die Desinfektionsmaßnahmen um etliches", fügt Licordari hinzu. "Es wird schon ein Wunder sein, wenn wir diese mit den Einnahmen decken können." Preiserhöhungen soll es nämlich, so weit wie möglich, keine geben.

Strikte Regel auch für Freistrände

Martino Barberi ist der Besitzer der "Bagni la Bonaccia" in Forte dei Marmi, einer der beliebtesten und schicksten Urlaubsorte in der toskanischen Versilia. Für seine Bäder stellen die Richtlinien keine große Umstellung dar. "Wir haben schon immer größere Abstände zwischen den Liegestühlen gewahrt", sagt er ntv.de. "Ich mache mir Sorgen um die kleineren Strandbäder, die könnten das nicht packen. Denen man unbedingt helfen." Denn sie werden unter einem höheren Kundenschwund leiden, weil sie viel mehr auf die Tagesurlauber angewiesen sind.

In der Versilia kommen 40 Prozent der Urlauber aus dem Ausland. Ihr Wegbleiben mit heimischen Urlaubern auszugleichen, ist nicht mehr als Wunschdenken. Auch, weil zum Beispiel die deutschen Besucher weitaus mehr ausgeben als die Italiener. "Die Regierung will jetzt einen 500 Euro Ferienbonus an Familien mit niedrigeren Einkommen verteilen, doch wer diesen Bonus braucht, der denkt sicher nicht an Urlaub", fügt Barberi zum Abschluss hinzu.

Während die Versilia aber immerhin über lange und breite Sandstrände verfügt, sieht die Küste in Ligurien ganz anders aus. Wer die Region kennt, weiß, dass ihr Reiz, besonders an der Riviera di Levante in den steilen Klippen und kleinen Buchten, den malerischen Orten - wie die Cinque Terre, Camogli und Portofino - liegt. Es gibt also weniger und kleinere Badeanstalten - und das hat in diesen Tagen anscheinend zu einem regelrechten Buchungsansturm geführt. Die Mailänder und Turiner, die hier ein Ferienhaus besitzen, befürchten nämlich dieses Jahr das Meer nur aus der Ferne sehen zu dürfen. Der Präsident der Region, Giovanni Toti, versucht die Gemüter zu beruhigen und erwägt die Möglichkeit, das geltende Verhältnis von 50 Prozent Freistränden und 50 Prozent Badeanstalten zugunsten letzterer zu ändern. Diesen Sommer sollen die Freistrände in der Region nur 30 Prozent betragen.

*Datenschutz

Doch genau das will der Umweltverband Legambiente verhindern, denn sie fürchten, dass die Strände dann für immer besetzt werden. "Deswegen haben wir den Gemeinden unsere Hilfe angeboten", erklärt Sebastiano Venneri, zuständig für den Tourismus von Legambiente ntv.de. "Für jeden Freistrand kann man die genaue Anzahl von Besuchern berechnen, die hinein dürfen und über eine Buchungs-App die Eintritte regeln. Außerdem könnten Freiwillige von Umweltorganisationen und des Zivilschutzes für Kontrollrundgänge eingesetzt werden." Um all das zu organisieren, bräuchte man aber Geld und das geht den Gemeinden gerade aus.

Das hört sich alles etwas beklemmend an. Andererseits, im Moment handelt es sich um Richtlinien und die werden selten eins zu eins umgesetzt. Darauf setzen besonders die Strandbadbetreiber.

Quelle: ntv.de