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Anbieter in die Pflicht nehmenJugendliche machen Gegenvorschlag zu Social-Media-Verbot

06.05.2026, 06:11 Uhr
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Mobbing, Hass, Fake News: Vielen Jugendlichen ist klar, dass soziale Medien Gefahren bergen. (Foto: IMAGO/Jochen Tack)

Die Politik debattiert über ein mögliches Verbot sozialer Netzwerke für Jugendliche. Unicef spricht mit Betroffenen - und die sind nicht begeistert. Die befragten jungen Deutschen sehen die Plattformen und den Staat in der Pflicht.

Jugendliche sprechen sich gegen ein mögliches Social-Media-Verbot aus, das sie betreffen könnte. In einer Studie von Unicef Deutschland geben die 14- bis 16-Jährigen an, sie möchten lieber neue Schutzmechanismen auf den Plattformen sehen. Lediglich 26 Prozent der 1072 online befragten Jugendlichen halten ein Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige für sinnvoll. Ein Verbot für unter 14-Jährige befürwortet hingegen mit 55 Prozent eine Mehrheit.

Nur die wenigsten sind überzeugt, dass eine Altersgrenze allein Jugendliche zuverlässig vom Zugang abhalten würde. So gaben in der Studie 88 Prozent an, dass sie es als sehr wahrscheinlich oder eher wahrscheinlich ansehen würden, dass Jugendliche Wege finden würden, gesetzliche Altersgrenzen zu umgehen. Möglich sei dies beispielsweise über geteilte Geräte oder den Wechsel zu weniger regulierten Plattformen.

"Ich würde es eher nicht sinnvoll finden, Social Media für Kinder und Jugendliche zu verbieten, da wir auf diesen Plattformen unsere Kontakte pflegen und für uns persönlich wichtige Dinge tun", sagt ein 16-Jähriger in der Erhebung. "Sinnvoll fände ich, wenn nicht die Jugendlichen Verbote bekommen, sondern die Plattformen höhere Sicherheitsmaßnahmen haben würden. Auch das Checken und die Funktion von Blockierungen und Meldungen einzelner Nutzer bei Fehlverhalten sollte eher ausgearbeitet werden, als den Jugendlichen diesen Teil ihres Lebens so plötzlich zu entreißen."

Dass soziale Medien Gefahren bergen, ist vielen der vom Sinus-Institut befragten Jugendlichen klar. Sie nennen als negative Seiten, dass sie das Gefühl für Zeit häufig verlieren (74 Prozent), einem Risiko von Mobbing, Hass oder Beleidigungen ausgesetzt sind (50 Prozent), zu lange scrollen, ohne aufhören zu können (44 Prozent) und mit Fake News und Falschinformationen konfrontiert werden (42 Prozent). 40 Prozent der Mädchen nennen zudem Druck, wegen des Aussehens mithalten zu müssen, als Problem. Bei Jungen sind es 19 Prozent. Die nehmen hingegen häufiger (26 Prozent) Gewaltvideos als Gefahr wahr als Mädchen (18 Prozent).

Positiv bewerten die Jugendlichen, dass sie auf den Plattformen mit Freundinnen und Freunden oder anderen ihnen wichtigen Menschen in Kontakt bleiben können (82 Prozent). 74 Prozent holen sich dort neue Ideen oder Inspiration. Immerhin zwei Drittel (67 Prozent) lernen neue Dinge in sozialen Netzwerken und 60 Prozent fühlen sich besser informiert.

Jugend hat "klare Vorstellungen"

"Die Umfrage macht deutlich: Jugendliche kennen die Risiken im digitalen Raum. Sie haben klare Vorstellungen davon, was helfen würde, diesen sicherer zu gestalten", sagt Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider. "Die Anbieter der Plattformen müssen Verantwortung übernehmen - mit automatischen Schutzeinstellungen, konsequenter Inhaltsmoderation und echten Schutzmechanismen."

84 Prozent der Jugendlichen wünschen sich bessere Inhaltsfilter und die schnelle Löschung ungeeigneter Inhalte. 80 Prozent befürworten standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen wie private Profile und eingeschränkter Kontakt durch Fremde. "Die Plattformen sollten viel aktiver werden, was Inhalte und Schutz angeht", fordert ein 15-Jähriger. Eine 14-Jährige sagt: "Ich finde es sinnvoll, wenn Inhalte auf Social Media strenger kontrolliert werden, damit keine oder wenigstens weniger Fake News, Deepfakes, Inhalte mit Gewalt, verstörende Inhalte, etc. gezeigt werden. Auch der Schutz für Jugendliche und Kinder soll besser werden, damit Fälle wie Cybermobbing und Cybergrooming nicht mehr vorkommen."

Eine 15-Jährige spricht sich dafür aus, nicht Einschränkungen für alle Jugendliche zu ergreifen, sondern übergriffige Erwachsene zu sanktionieren. "Leute, die sich auf Social Media übergriffig verhalten, sollten dauerhaft keinen Zugang mehr haben, also zum Beispiel Erwachsene, die Minderjährige sexuell anschreiben", sagt sie.

Soziale Netzwerke sollen handeln

Damit sich etwas ändert, sehen 42 Prozent der 14- bis 16-Jährigen die Internetfirmen in der Pflicht. Ein Viertel der Befragten (25 Prozent) sagt, es sei eine gemeinsame Aufgabe - einschließlich der Jugendlichen selbst. 15 Prozent sehen die Politik in der Verantwortung, weitere 11 Prozent die Eltern und 2 Prozent die Schulen. 6 Prozent der Befragten sehen die Pflicht bei der Jugend selbst.

Mehrere Länder, darunter Frankreich, Spanien, Dänemark, Griechenland und Österreich, haben angekündigt, ein Social-Media-Verbot für Minderjährige bis zu einem bestimmten Alter gesetzlich festlegen zu wollen, nachdem Australien eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Seit 10. Dezember müssen dort Plattformen wie Tiktok, Instagram und Snapchat den Zugang für unter 16-Jährige sperren. In Deutschland hat die Bundesregierung ein Expertengremium zu dem Thema eingerichtet. Ein solches Gremium gibt es auch auf EU-Ebene, es soll bis zum Sommer erste Ergebnisse vorlegen.

Unicef setzt sich in Deutschland auf politischer Ebene für sichere digitale Umgebungen für Kinder ein. Im Februar hat das Kinderhilfswerk der UN eine 30-seitige Stellungnahme an die von der Bundesregierung eingesetzte "Unabhängige Expertenkommission Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" übermittelt. Diese Kommission will eine Strategie mit konkreten Handlungsempfehlungen für Bund, Länder und Zivilgesellschaft entwickeln. "Politik und Plattformbetreiber müssen sichere digitale Umgebungen schaffen mit wirksamen, kindgerechten Standards, die das Recht junger Menschen auf Schutz und Teilhabe gleichermaßen sichern", sagt Unicef-Chef Schneider.

Quelle: ntv.de, mpa

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